Dionysos auf dem Dorfe, lädiert
Jens-Peter Kusch über «Die vorletzte Station. Die Chronik Dingy» von Ludwig Hohl
Ende 2023 sind in der Bibliothek Suhrkamp vier sorgfältig edierte und kommentierte Bändchen mit fünf Texten aus dem Nachlass von Ludwig Hohl aus den 1930er- und 1940er-Jahren erschienen: die Novelle Die seltsame Wendung über einen armen, trunkenen, jungen Maler im Künstlerviertel Montparnasse in den Zwanzigerjahren, Bericht über Artemis, in dem Hohl von seinem Prozess gegen seinen Verlag berichtet und sich dabei fragt, was sein Anwalt eigentlich so macht den ganzen Tag, Zehn Tage und Bericht über einen inneren Aufenthalt thematisieren zwei Internierungen Hohls, einmal in einer Psychiatrie in Paris und einmal im Gefängnis in Genf, sie liegen in einem Band vor, sowie die Erzählung Die vorletzte Station. Die Chronik Dingy. Ein Bericht. Alle Texte sind mehr oder weniger unverhüllt Selbststilisierungen Hohls. Die vorletzte Station, ebenso wie Die seltsame Wendung von Magnus Wieland herausgegeben, unterscheidet sich aber von den anderen Texten, weil der junge Erzähler, Hohl selbst, nicht die Hauptfigur ist und das kleine Dorf in Savoyen, in dem die Geschichte spielt, wie eine Befreiung von der «gewaltigen Orgel Montparnasse» erscheint, die in der Novelle Die seltsame Wendung ein zentrales Motiv ist und in den Untergang führt. Die Erzählweise ist in der Haltung und im Ton freier, offener gestaltet, weniger apologetisch, weniger kämpferisch als in den anderen Texten, weil die Hauptfigur eben ein anderer ist. Das eröffnet dem Erzähler Freiräume. Er ist aus Paris geflohen und nach Annecy gereist. Dort trifft er vor einer Apotheke zufällig Georges Mergault, einen ehemaligen Rugbyspieler, der sich für einen Schriftsteller hält und den der Erzähler als Saufkumpan des Malers Petroff, einer «Schreckgestalt», in ambivalenter, eher unguter Erinnerung hat:
Ein altes Säufergesicht von der unbrutalen und nicht idiotischen Art, mobil, aber zur Freundlichkeit oder zum schäumenden Ausbruch geneigt. Er war 47 oder 48 Jahre alt. Die Haare ergrauend. Ohne Kopfbedeckung stand er in strammer, Gefallen erregender, sozusagen sportlicher Haltung (er war nicht schlecht gebaut) auf dem hellen Trottoir, als ich ihn erblickt hatte.
[…]
Unreinlichkeit erschien im Gesicht, zu viel Versoffenheit, leichter Schaum trat auf die Lippen, Ausgelassenheit brach hervor, die sich nicht halten konnte, dann wieder hässlich verstärkt wurde wie auch die gurgelnden Schreie; zu viel Verhurtes im Gesicht. Ach es war ja nur Mergault, der alte Mergault, der fürchterliche Schreier von Montparnasse, den ich da getroffen hatte, kein anderer; fast jeder andere wäre mir lieber gewesen.
Mergault erholt sich nach einem Zusammenbruch in Dingy, nahe Annecy. Seine Eltern bezahlen die Pension. Nach der zweiten Begegnung fährt der Erzähler dorthin mit, weil er im Grunde auch nicht so recht weiß, was er in Annecy eigentlich will, seine finanzielle Situation mager und seine weiteren Reisepläne nebulös sind. Das Gasthaus, in dem nun beide als einzige Gäste logieren, ist auf einer im Text erwähnten Postkarte abgebildet. Sie hat sich zusammen mit dem Typoskript in Hohls Nachlass erhalten und ist zusammen mit einer anderen, die das «Défilé von Dingy» zeigt – eine enge Schlucht, durch die ein schmales, am Fels klebendes Sträßchen führt –, im Anhang reproduziert.
Ich stand nun mitten im Défilé von Dingy, das sich als Naturschönheit der Umgebung Annecys eines gewissen Rufs erfreute. (Die beiliegende Ansichtskarte, deren Photograph ziemlich genau beim Bahnhofsgebäude stand, zeigt diese Stelle.) Ich wusste, von hier aus musste ich etwa zehn Minuten zu Fuß gehen. Ich überschritt das Bergflüsschen auf einer nicht unschönen alten Steinbrücke, schritt auf kleinem Sträßchen talaufwärts (der Autobus fuhr auf dem andern Ufer weiter), an einem großen Haus vorbei, hinter dessen Fenstern ich viele Mädchen arbeiten sah und «da tut sich ein lachend Gelände hervor».
Der Erzähler legt großen Wert darauf, dass alles, was er erzählt, real, überprüfbar ist, zugleich ist er aber auch verspielt. So weiß man hier zum Beispiel nicht so genau, ob das Schillerzitat sich auf die Mädchen oder das Tal bezieht. Die Strophe in Schillers Berglied, aus welcher der Vers stammt, passt gut zum Alter, zur Seelenverfassung und zum Wunsch der beiden Männer:
Es öffnet sich schwarz ein schauriges Tor,
Du glaubst dich im Reiche der Schatten,
Da tut sich ein lachend Gelände hervor,
Wo der Herbst und der Frühling sich gatten,
Aus des Lebens Mühen und ewiger Qual
Möcht ich fliehen in dieses glückselige Tal.
Die Erzählung spielt verdeckter, verhüllter als Schiller mit intertextuellen Bezügen, vor allem mit antiken Mythen. Hohl nennt aber auch eigene Texte (Und eine neue Erde, «Das Blatt», dazu eigene Verse) und erzählt ausführlicher von dem Versuch Mergaults, «Das Blatt» ins Französische zu übersetzen, was zu heftigem Streit führt, weil er einfach ignoriert, dass er überhaupt kein Deutsch versteht:
Die letzten zwei Zeilen gelangen doch nicht mehr. Er stöhnte, alle Kräfte, alle Möglichkeiten waren ihm entschwunden. Er musste hinausgehen, war gleichsam wie ausgelöscht, ein erledigter Mann. Jede Trunkenheit war weg, kein Glanz der Trunkenheit konnte mehr seine entsetzliche Übelkeit, seine Krankheit, seine Öde überhüllen. Er verschwand in sein Zimmer, schloss hinter sich ab. – Es war ganz plötzlich Schluss geworden, das Geschrei verstummt.
Die Zimmer in der Pension sind dunkel, bei Kerzenschein kann der Erzähler nicht schreiben, der Tisch ist dreckig, das Essen liegt schwer im Magen und die junge Magd Marie ist begriffsstutzig, aber von gewaltiger körperlicher Kraft. Mergault
ärgerte die Dumpfheit dieser starken Fleischmassen, die indessen doch nichts vom Ochsen an sich hatten, eher an eine sehr starke Kuh erinnerten; Marie mit ihrer niedrigen Stirn, den großen, haftenden, reißenden, idiotisch starrenden Augen, den breiten Schaufelzähnen und starken Kiefern musste eine verborgene riesige Sexualität besitzen, von der sie keine Ahnung hatte.
Mergault gebärdet sich zwar als rechter Kerl, tötet aber nur Ameisen, und am Ende triumphieren die Frauen. Der Stellenkommentar weist darauf hin, dass im Typoskript am Satzende handschriftlich in eckigen Klammern «[vielleicht]» vermerkt ist, was die drastische, machohafte Darstellung Maries relativiert. Die Figur des überschäumenden, selbstzerstörerischen Mergault steht für sich und ist zugleich, wie der Maler in Die seltsame Wendung, auch als Alter Ego des Erzählers angelegt, der im Unterschied zu seinem Freund aber alles aus einer Distanz heraus wahrnehmen und aufschreiben kann. Mergault ist rastlos und doch ohne Energie, großspurig und unterwürfig, charmant und kratzbürstig. Er brüstet sich, säuft und schreit, verhöhnt Marie. Er kann nicht zuhören und kennt doch alle möglichen Geschichten von den Menschen aus der Gegend. Er braucht Gesellschaft, um zu leben. Dem Erzähler bleiben sein Inneres und sein Werk jedoch ein Rätsel, da Mergault beides nicht preisgibt.
Das Landleben wird zunehmend farbenfroh und heiter erzählt. Eine alte Ziege erblickt zum ersten Mal das Tageslicht und dreht durch, ein Junge namens Robert hilft in der Pension aus und wirbt linkisch um Marie, die erschrocken vor ihm flieht, eine Passangelegenheit wird in der Kneipe geklärt, die Pensionsmutter Madame Marginot macht eine Ausfahrt in einem Schrottauto und ein verliebter Junge wird von einer Mädchenschar sadistisch bloßgestellt. Mergault aber baut zunehmend ab und bleibt doch bemüht, den Schein von Souveränität und weltmännischer Grandezza aufrecht zu erhalten. Man erfährt erst spät, dass er seine Zimmerwände vollspuckt und ins Bett macht.
Die vorletzte Station ist nicht nur eine humorvoll-traurige Erzählung von einem kurzen Landaufenthalt zweier Bohemiens, die auf einer realen Begegnung in Dingy beruht, sondern auch eine Selbstauskunft des Autors, eine Anklage und Rechtfertigung. Der Erzähler nennt sich einen Seelenverwandten des dionysischen Mergault, der von sich sagt, er sei eine «Donnersnatur (er brüstete sich gewaltig)», ein Übermensch, dessen großes Werk den Titel trägt: «…FUT DIEU». In scharfem Kontrast zu dieser Prahlerei ohne Beleg, denn von seinem großen Werk erfährt man in der Erzählung nichts weiter, stehen Mergaults faktischer Verfall und seine innere Leere. Seine Alkoholsucht, seine Lungenkrankheit, seine Armut spiegeln auch Hohls materielle Not als Künstler mit erkennbarem Bezug auf die Grille in Jean de La Fontaines Fabel, die vor Hunger schreit und von der Ameise kaltherzig abgewiesen wird:
Er wusste, dass man den andern etwas geben müsse, nicht erwarten dürfe, von ihnen ausgehalten zu werden, Unbezahltes zu empfangen. Er war nicht gegen das Gesetz vom Wechsel der Güter in unsern Beziehungen. Folglich gab er sich kein Recht, mit seinen Schmerzen hervorzutreten, beispielweise eine jetzige Weltordnung anzuklagen als Schuld an seinen Zuständen.
Diese Charakterisierung ist in ein kurzes Kapitel mit dem Titel «Erste Metaphysik Mergaults» eingebettet, in dem der Erzähler sich zum Deuter seines Freundes erhebt, aber eben auch zum Deuter seiner selbst. Zurück in Paris färbt Mergault sich die Haare jeden Tag neu, erst gelb, dann blau, dann lila, «um für sich Reklame zu machen, d. h. seine Existenz zu ermöglichen.» Die vorletzte Station ist eine Studie über einen armen, schwerkranken Künstler, die auf klassische ästhetische Kategorien verzichtet. Sie ist nicht in schöner, gehobener, gedrechselter Sprache verfasst, sondern wirkt in ihrer lockeren, bissigen und zugleich einfühlsamen Erzählweise erfrischend lebendig und modern.