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Von den Namen in meinem Büchergestell

Neues aus der Rumantschia 1/3

Eine neue Generation rätoromanischer Autor*innen erobert die Literaturszene und beginnt, einen lange von Männern dominierten Kanon zu verändern. Die weiblichen* Stimmen werden stärker denn je – was unsere Korrespondentin aus der Rumantschia, die übrigens auch zu diesen Stimmen zählt, natürlich freut. Aber wo sind denn die jungen Autoren?

Flurina Badel. Gianna Olinda Cadonau. Carin Caduff. Jessica Zuan. Asa Hendry. Gianna Duschletta. Dominique Dosch. Chatrina Josty. Laura Schütz. Fadrina Hofmann – diese Namen stehen auf den Buchcovers der rätoromanischen Neuerscheinungen, die sich seit einigen Jahren in meinem Büchergestell versammeln. Solch wohlklingende Namen erfreuen das Ohr einer Leserin, die den Grossteil ihres Rätoromanisch-Studiums mit Texten von Gions und Jons, Clas und Claus verbracht hat.

Der rätoromanische Kanon war, wie in allen Literaturen Europas, lange von männlichen Namen beherrscht. Für den Grossteil des 20. Jahrhunderts galt es, Publikationen wie Kalender und Zeitschriften zu durchsuchen, um Texte von Frauen zu finden. Und auch diese musste man bis ganz zum Ende durchblättern – bis zu den Seiten für Frauen und Kinder oder ähnlichen Rubriken, sogar noch nach den Todesanzeigen und Reklamen für Männerbekleidung aus der Tuchfabrik in Trun und der Liste der «Rätoromanischen Gebetsbücher», die Maggi in Ilanz zum Verkauf anbot.

Jetzt sieht es aber anders aus, wie der Blick in mein Büchergestell beweist. Weibliche und nonbinäre Autor*innen scheinen den Markt der rätoromanischen Literatur beinahe zu beherrschen. Und nicht nur diesen. Die Übersetzung des Buchs Tschiera von Flurina Badel (auf Deutsch von Ruth Gantert unter dem Titel Nebelflüchtige) wurde im Literaturclub diskutiert und setzte sich an die Spitze der SRF-Bestenliste des Monats April. Asa Hendry bekommt für den Text archiv einen Schweizer Literaturpreis 2026. Vor vier Jahren hat die rätoromanische Autorin Gianna Olinda Cadonau für ihren ersten auf deutsch verfassten Roman Feuerlilie den Studer-Ganz-Preis erhalten. Und Jessica Zuan ist nicht nur mit verschiedenen Preisen in Graubünden bedacht worden, sondern auch mit dem Premi Nollegiu für den besten ins Katalanische übertragenen Gedichtband, der Stremblidas e s-chima in der Übersetzung von Dolors Udina und Antoni Clapés zuerkannt wurde.

Eine Literatur von alten Männern – und jungen Frauen*

Ich muss allerdings präzisieren: Es ist nicht so, dass es zur Zeit in der Rumantschia nur weibliche und nonbinäre Autor*innen gäbe. Produktiv waren in den letzten zwei Jahrzehnten auch die Männer – und dies nicht ohne Erfolg. Dumenic Andry, Benedetto Vigne, Leo Tuor, Roman Caviezel, Jürg Gautschi, um nur einige Namen zu nennen. Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen diesen Männern und den anfangs genannten Autor*innen – und der liegt nicht nur im Gender, sondern auch im Alter. Die aufgeführten Autor*innen gehören alle der Generation Y oder Z an, sind also nach 1980 geboren. Die Männer, die in den letzten Jahren publizierten, sind hingegen älter, zum Teil auch etablierter. Leo Tuor zum Beispiel publizierte sein erstes Buch 1994, da waren drei der oben genannten Autor*innen noch nicht einmal auf der Welt.

In der Literaturwissenschaft wurde schon mehrfach festgestellt, dass rätoromanische Autorinnen einst eher spät in ihrem Leben zu publizieren begannen, oft erst mit über fünfzig Jahren. Dies war oft ihrer familiären und beruflichen Situation geschuldet. Über die Bedingungen des literarischen Schreibens für Frauen ist schon viel geschrieben worden. Virginia Woolf war mit A Room Of One’s Own eine der ersten, die sich eingehend mit dieser Thematik befassten. Kein Geld, die Pflicht, sich um kleine Kinder und um die Familie zu kümmern, kein Zimmer, in dem sie Ruhe fanden, keine Publikationsmöglichkeit, oder wenn, dann nur in marginalisierten Medien wie in den bereits erwähnten Kalendern. Dies waren lange die Bedingungen, unter denen auch rätoromanische Autorinnen schrieben. 

Andere Wege zur Publikation

Dass die Präsenz der rätoromanischen Autor*innen heute so stark ist, hat viel mit den veränderten Bedingungen zu tun. Aber auch mit dem Engagement vieler Autorinnen, die unter ganz anderen Vorzeichen publizierten, die andere Wege fanden, andere Verlagshäuser, die bereit waren, ihre Texte zu veröffentlichen, und auch in Eigeninitiative Texte herausgaben. Es sind dies Autorinnen wie Luisa Famos, Tina Nolfi, Anna Pitschna Grob-Ganzoni, Imelda Coray-Monn, Tresa Rüthers-Seeli und später auch Leontina Lergier-Caviezel, Claudia Cadruvi, Rut Plouda und Leta Semadeni. Die Autor*innen der Generation Y und Z stützen ihr literarisches Schaffen auf diese Pionierinnen, die meiner Meinung nach viel zu oft vergessen werden.

In meinem Büchergestell gibt es aber auch einen grossen Abwesenden, oder besser gesagt mehrere. Wo sind die jungen Männer? Die jungen Autoren? Die Männer der Generation Y und Z? Die Basis ist auch für sie vorhanden. Es gibt Autoren (und Autorinnen), die gezeigt haben, wie es geht. Und es ist auch nicht so, dass die Literaturszene der Rumantschia heute Stöcke in die Räder derjenigen werfen würde, die auf Rätoromanisch schreiben möchten – ein Thema, das ich in meinem nächsten Beitrag für Viceversa behandeln werde. Weshalb also gibt es keine Publikationen von jungen Autoren? Ist das eine gefährliche Entwicklung, die mit dem Einfluss von Leuten wie Andrew Tate und der sogenannten «Manosphere» zu tun hat? Ist schreiben etwas Unmännliches geworden? Gab es eine Wende nach all den «grossen Autoren» mit Zigaretten in Polstersesseln vor schwarzen Schreibmaschinen? Oder hat die Entwicklung mit Problemen des Schulsystems zu tun, das offenbar schon die kleinen Jungen benachteiligt?

Das Prestige nimmt ab, der Lohn stagniert

Ach, lassen wir den Populismus. Eigentlich scheint es mir wahrscheinlicher, dass es mit einem etwas komplexeren Phänomen zu tun hat, das schon seit Jahrhunderten im Bereich der Arbeit zu beobachten ist (ja, Schreiben ist Arbeit!). Wenn ein Arbeitszweig sich allmählich für Frauen öffnet, sind laut der Soziologin Irene Kriesi drei Auswirkungen zu beobachten: «Das Prestige nimmt ab, der Lohn stagniert und die Teilzeitarbeit nimmt zu.» Die Arbeit scheint weniger attraktiv zu werden. So zum Beispiel im Schulbereich und auch immer stärker bei Ärzten beziehungsweise Ärztinnen. Auch das Gegenteil ist zu beobachten: Wenn ein Arbeitszweig gut funktioniert und bedeutender wird, wird er immer häufiger von Männern übernommen. So ist es zum Beispiel beim Bierbrauen. Bier wurde noch bis ins 17. Jahrhundert zum Grossteil von Frauen hergestellt. Erst als die Produktion industrieller und lukrativer (und weniger schmutzig) wurde, wurde sie von den Männern übernommen. Prost Patriarchat und Kapitalismus!

Andrerseits war Schreiben nie eine sehr lukrative Arbeit. Das Prestige kommt von Leser*innen, von medialer Aufmerksamkeit und Preisen. Und diese Faktoren waren in den letzten Jahren für rätoromanische Autor*innen vorhanden. Also gibt es eigentlich keinen Grund für die Abwesenheit von jungen Autoren. Und wer weiss, vielleicht trügt der Blick in mein Büchergestell auch. Der Schreibwettbewerb Premi Term Bel, der alle zwei Jahre am Literaturfestival der Rumantschia, den Dis da Litteratura, stattfindet, war immer ein guter Spiegel für das, was in der rätoromanischen Literatur passiert. Zwei Preisträger*innen der letzten Jahre sind Asa Hendry und Flurina Badel. Von beiden gab es kurz danach Neuerscheinungen zu lesen. Aber unter den Sieger*innen der letzten Jahre finden wir auch Martin Cantieni und Janic Maskos. Auch das zwei Namen, die dem Ohr gefallen. Wer weiss, vielleicht stehen sie schon bald in meinem Büchergestell.

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