Zum Schweizer Buchpreis: Zora Del Buono (Porträt Viceversa 15, mit Ergänzung 2024)
Ruth Gantert über «Seinetwegen» von Zora del Buono
Zora del Buono
Vaterlos
Gestern habe ich den Ferrari meines Vaters entsorgt. Der Ferrari war etwas vom wenigen, das ich von meinem Vater noch besaß. Ich habe ihn mit schlechtem Gewissen entsorgt, immerhin war er das Hochzeitsgeschenk meiner Großmutter für meine Eltern gewesen. Erst kürzlich habe ich dessen Ankündigung meiner Nonna in einem Brief gelesen: »Rimarrai sbalordito dal mio generoso dono. Lo amerai.« Meine Mutter hat oft erzählt, wie aufgeregt mein Vater vor der Hochzeit war: »Mama sagt, es sei ein überaus generöses Geschenk. Es ist bestimmt ein Fiat Topolino!« Mit dem Ferrari haben sie nicht gerechnet.
Ich habe den Schimmel weggeklopft und mich ein wenig geekelt. Dann habe ich den Ferrari mit spitzen Fingern zusammengefaltet, in eine große Mülltüte gestopft und die Tüte in den Abfallschacht geworfen. Das schlechte Gewissen wächst stündlich. Ich fantasiere seit gestern, dass ich die Gemeinde anrufe und in den Müllschacht hinabzusteigen verlange, um den beschmutzten Ferrari wieder nach Hause zu tragen.
Es ist so wenig von meinem Vater geblieben, im Laufe der Jahrzehnte wurde es immer weniger, Mutter hat sich in Etappen getrennt.
Als Kind hat mich vor allem sein Rasierapparat fasziniert. Ich habe manchmal den Scherkopf angepustet und die Stoppeln in meiner Hand gehalten wie kostbaren Goldstaub, so war die Farbe der Haare auch: gülden. Die Stoppeln habe ich wieder auf den Scherkopf zu legen versucht, trotzdem wurden es immer weniger. Irgendwann war der Rasierapparat verschwunden, seltsamerweise lagen dann Gillette-Rasierklingen in einem vergilbten Päckchen im Badezimmerschrank, sie liegen da noch immer, seit 57 Jahren. Barthaare gibt es keine mehr. Mir kommt oft der Satz von Michel de Montaigne in den Sinn, den Max Frisch in Anbetracht eines verlorenen Zahns zitiert hat: »So löse ich mich auf und komme mir abhanden.«
Was Mutter sonst noch aufbewahrt hat:
- Seine Briefe an sie, als sie 1955 in London Au-pair-Mädchen war. Die ersten noch in wackeligem Deutsch, die letzten dann schon ganz ordentlich. Sie muss ihm vom Londoner Nebel geschrieben haben, denn darauf kommt er immer wieder zu sprechen. In Süditalien gibt es wohl keinen Nebel.
- Den Brieföffner im bemalten Lederetui, das auch eine Öffnung für eine Schere hat. Die Schere ist verschwunden.
- Seine Gitarre.
- Fotos. Am liebsten mag ich das, wo er auf einer Mauer in Cannes sitzt, in weißen Sommerhosen, das Meer im Hintergrund. Die beiden sind heimlich nach Cannes gereist, heimlich heißt: ohne es seiner Mutter zu sagen, da sie noch nicht verheiratet waren. Mein Vater hatte einen Kollegen beauftragt, seine vorab geschriebene Postkarte von einem Kongress in Wien an die Eltern nach Bari zu schicken, damit sie glaubten, der Sohn ginge seiner Arztkarriere nach.
- Wissenschaftliche Bücher und Artikel, die er geschrieben hat.
- Einen Briefbeschwerer in Form eines goldenen Hirsches, dem ein Hund an der Kehle hängt. Auf der Unterseite klebt noch ein Papierchen: Gioielleria Enrico Crizio, Via Sparano 8, Bari.
Wenn ich ehrlich bin, ist es diese Adresse, die mich am meisten bewegt: VIA SPARANO, BARI. Dafür schäme ich mich. Und ich habe mich immer dafür geschämt. Meine Sehnsucht galt nie meinem verstorbenen Vater, sondern immer nur der Stadt, aus der er stammt: Bari.
Ich war, so entschuldige ich mein Versäumnis der Trauer, einfach zu jung, als er starb, erst acht Monate alt. Wenn Leute aggressiv Auto fahren, werde ich wütend, ich habe schon Freunde anhalten lassen und bin ausgestiegen, wenn sie zu draufgängerisch fuhren, da bin ich gebranntes Kind: Vater ist an einem Autounfall gestorben, er wurde dreiunddreißig Jahre alt. Ein rücksichtsloser junger Mensch hat ihn umgebracht. Es trifft mich, dass mein Vater sein Leben nicht leben konnte, so viel verpasst, so vieles nicht gesehen hat. Es hat mir immer leidgetan für ihn. Aber ich habe ihn nie vermisst. Eine vaterlose Kindheit bedeutete für mich nichts anderes, als mit Mama alleine zu sein. Es war sehr schön, mit Mama alleine zu sein. Das rothaarige Kind an der Hand dieser dunklen, eleganten Frau, die ihr Leben mit so viel Würde meisterte. In den sechziger Jahren war es ungewöhnlich, dass eine attraktive junge Witwe nicht wieder heiratete, auch in den siebziger Jahren noch, darüber wurde getuschelt. Ich habe gehört, wie man sagte, mit meiner Mutter stimme etwas nicht, sie sei hochnäsig, fühle sich als etwas Besonderes, weil sie keinen Mann an ihrer Seite wolle. Man hat sie nicht zu Gesellschaften eingeladen, der Tischordnung wegen.
Ich war das einzige Kind in der Schule, das keinen Vater hatte. Irgendwann kam Suzanne dazu, ihre Eltern hatten sich scheiden lassen, und sie lebte bei der Mutter, von der es hieß, sie sei bestimmt schuld am Scheitern der Ehe, eine ganz Anrüchige, eine Amerikanerin, und überhaupt: Welche anständige Frau nannte ihr Kind schon Suzanne mit z?
Vaterlos zu sein, war für mich, wie gesagt, kein Manko. Dass es keines war, wollte aber niemand glauben. Irgendwann merkte ich, dass männerlos zu sein für meine Mutter auch kein Manko war, sie hatte ihre Liebe gehabt, sie wollte keine andere. Wir sprachen kaum über den Vater. Das lag nicht an ihr, sondern an mir. Ich konnte den Schmerz in ihrem Gesicht nicht ertragen, wenn sie von ihm sprach. Ich mied das Thema geradezu panisch. Sie dachte wohl, ich wolle nicht über ihn reden, weil es für mich zu schmerzhaft sei. Wir haben das Missverständnis niemals aufgeklärt. Über Gegenstände wie den Ferrari konnten wir irgendwann scherzen. Der Ferrari, der jetzt im Müllschacht eines Tessiner Dorfs liegt, war ein Teppich, ein kleiner und angeblich kostbarer Teppich. Mein erster Hund hat eine Ecke abgekaut. Die Katzen haben ihre Krallen daran gewetzt. Dass der Ferrari jetzt einem Wasserschaden zum Opfer gefallen und verschimmelt ist, habe ich Mutter verschwiegen. Sie würde es nicht mehr verstehen. Sie geht den Weg des Vergessens. Sie vergisst den Ferrari, den Vater, manchmal vergisst sie auch mich. Zuzuschauen, wie die Mutter, so wie ich sie kannte, nach und nach verschwindet, schmerzt mich wirklich. Noch weiß ich nicht, was es bedeutet, eines Tages das zu sein, was viele Menschen schon sind: mutterlos.
(Viceversa 15, 2021, neu in: Seinetwegen, S. 36-40)
Zora del Buono
Mit Biss und Witz
Von Ruth Gantert
»Niemand hat das Recht auf eine heile Familie. Familie ist sowieso der Ursprung allen Leids, Hort der Lüge, glaub mir«, sagt Zora Del Buono – nicht die Autorin, die sich mit kleinem d schreibt, sondern ihre Großmutter, die »Marschallin« des gleichnamigen Romans, in einem langen Schlussmonolog, verbittert und allein im Altersheim in Nova Gorica. »Heile Familien« finden sich in den Romanen der Autorin Zora del Buono tatsächlich nicht, dafür dunkle Geheimnisse, Schuldverstrickungen, die erst nach langer Zeit an den Tag kommen, Generationen- und Geschlechterkonflikte, Gewalttaten und Machtgefälle, die sich zuweilen in drastischen Bildern verdichten.
Familiengeheimnisse und menschliche Abgründe
Canitz’ Verlangen, Zora del Buonos erster Roman, beginnt mit dem Fund einer Wasserleiche. Hubert Canitz, die Hauptfigur, entdeckt sie in der Spree nach einer Nacht in einem Berliner Schwulenclub und fährt danach einfach nach Hause. Später fällt ihm ein, die Frau im Wasser habe vielleicht noch gelebt und er hätte sie retten können. Der Germanist beginnt sich mit Wasserleichen in Literatur und Kunst zu befassen, von Shakespeares Ophelia über Rimbaud zu Gottfried Benn und Bertolt Brecht, von den Präraffaeliten zu Propagandafilmen der Nazizeit. Auch in seiner eigenen Familiengeschichte gibt es einen Tod im Wasser: Die Schwester seiner Mutter war 1945 auf der Flucht vor den Russen im Frischen Haff bei Königsberg ertrunken, so hatte es ihm zumindest die Mutter erzählt – aber war es wirklich ein Unfall, oder hat die Mutter gelogen, um ihre eigene Schuld zu vertuschen?
Eine ganz andere Geschichte erzählt der in den Südstaaten angesiedelte zweite Roman Big Sue, doch auch hier geht es um einen Sohn, der eine Familienlüge aufdeckt: Der Schweizer Kunsthistoriker Carl Fenner untersucht die Geschichte einer Villa auf einer einsamen Insel. Dabei fasziniert ihn eine Bewohnerin, Sue Humphrey, mit ihrer exzessiven Art: Sie hat vierzehn (oder siebzehn) Kinder von ebenso vielen Vätern, lebt ausschweifend und ist ausgesprochen dick. Die vielen Kinder sind offenbar nicht ihrer Lebensfreude, sondern ihrer Rachelust geschuldet, als Antwort auf männliche Grausamkeit und Gier.
Von der Südstaateninsel zum Tessin: Die stringent konstruierte Novelle Gotthard versammelt eine überschaubare Zahl von Protagonisten (einen Trainspotter, Tunnelbauer, Anwohner, eine Prostituierte) auf der Südseite des Gotthards, bei der Baustelle des Basistunnels, der 2016 eröffnet wurde. Die Handlung spielt an einem einzigen Morgen von sechs Uhr früh bis zur unerhörten Begebenheit mit einschneidenden Folgen, die sich um zwölf Uhr dreiundzwanzig ereignet. Ein kurzer Epilog ist zwei Wochen später in Berlin angesiedelt. Auch im Arbeitermilieu der Gotthard-Novelle gibt es eine unkonventionelle Familiengeschichte mit einer Leiche im Keller bzw. im Berg.
Hinter Büschen, an eine Hauswand gelehnt erzählt die verbotene Liebe zwischen einer älteren Dozentin und einem jungen Studenten an einer amerikanischen Sommeruniversität zu der Zeit, als Edward Snowden die Überwachungsaffäre enthüllte.
2020 publizierte Zora del Buono Die Marschallin, die Geschichte ihrer slowenisch-italienischen Großmutter. Zora Ostan wurde 1897 in Bovec (italienisch Plezzo und deutsch Flitsch) geboren, lebte mit ihrem Mann, dem Radiologen Pietro Del Buono, und den drei Söhnen in Bari und starb 1980 in Nova Gorica. Die »rote Zora« war Kommunistin und verehrte Tito – um nicht aristokratisch zu erscheinen, schrieben sie und ihr Mann Del Buono mit einem großen D. Sie sah es aber keineswegs als Widerspruch an, ein großbürgerliches Leben mit Personal zu führen. Während ihr Mann die Erfüllung in seinem Beruf fand, steckte sie ihre Energie in das selbst entworfene Haus und in die Kontrolle ihrer vier Brüder und drei Söhne, über deren Familien sie ebenfalls nach Kräften herrschte. Stolz war sie der Meinung, ihr Mann habe Tito mit einer Diagnose das Leben gerettet. Doch zwei Jahre später, 1948, kam es zu einem Verbrechen, an dem die Del Buonos mitschuldig waren, eine Zäsur im Leben der Familie.
Die Familie – nicht nur ein Hort der Lüge, sondern auch ein Ort der Machtausübung für eine Frau, die ihre bewundernswerte Tatkraft weder in einem Beruf noch in der Politik einsetzen konnte. Ihre Enkelin präsentiert ein ebenso farbiges wie kritisches Porträt der Großmutter und ihrer Zeit.
Geschichtsvermittlung und politisches Engagement
Zora del Buonos Bücher sind historisch präzise und pointiert politisch. Wer sie liest, entdeckt verschiedene Kapitel der Geschichte neu oder anders: In Canitz’ Verlangen spielt der kollektive Suizid in Demmin eine wichtige Rolle: Mehrere hundert bis über tausend Zivilisten töteten sich und ihre Kinder, als Anfang Mai 1945 die Russen in die Stadt einmarschierten.
Die Ich-Erzählerin von Big Sue ist eine »Grundlagenermittlerin«, die für ein deutsches Sachbuch recherchiert. Es geht um die Kultur der Gullah, der Sprache, Riten und geheimen Codes der Sklaven und ihrer Nachfahren in den südlichen Küstenregionen.
Hinter Büschen, an eine Hauswand gelehnt befasst sich mit dem Überwachungsskandal der CIA, aber auch mit der Prüderie und Doppelmoral der (amerikanischen) Gesellschaft.
Die Marschallin erzählt aus wechselnden Perspektiven Momente der Geschichte Italiens und Sloweniens, von den Isonzoschlachten bis nach dem zweiten Weltkrieg. Familienmitglieder und ihre Bekannten geben Einblick in verschiedene geschichtliche Realitäten: Pietro Del Buonos Vater Giuseppe ist unter Mussolini Bürgermeister der Insel Ustica, Ort der Verbannung für politische Häftlinge wie Antonio Gramsci und Amedeo Bordiga, die dort eine Schule für ihre Mitgefangenen und die Inselbewohner gründeten. Der Geliebte von Zoras Bruder Ljubko wird auf die Adria-Insel San Domino deportiert, wo es ein Internierungslager für Homosexuelle gab. Der jüngste Bruder Nino verliebt sich in eine junge Frau aus Dalmatien, die ins ägyptische Flüchtlingslager El Shatt geschickt wird, bis die künftige Schwägerin sie per Telegramm wieder zurückholt.
Welthaltig und engagiert sind auch Zora del Buonos »Reisebücher«, Hundert Tage Amerika. Begegnungen zwischen Neufundland und Key West und Das Leben der Mächtigen – Reisen zu alten Bäumen. In Ersterem folgt die Autorin mit ihrem Hund Lino der Atlantikküste von der nördlichsten Spitze Neufundlands bis zum Süden Floridas. Ihre Beobachtungen und Begegnungen befassen sich mit dem Thema der Einwanderung unter allen möglichen Gesichtspunkten – nicht nur, was die Menschen betrifft, sondern auch die Tiere und die Pflanzen. Für ihr zweites Reportage-Buch besucht sie die ältesten Bäume der Welt in Europa und in Nordamerika. In der Schweiz sind das die Arve Muottas da Schlarigna im Engadin und die Aargauer Linde von Linn, im übrigen Europa reicht das Spektrum von der Eibe in England über die deutsche Eiche bis zum sizilianischen Kastanienbaum, in Amerika gesellen sich eine Zitterpapel und eine Kiefer dazu, aber auch ein Bonsai, der die Atombombe von Hiroshima überlebt hat und sich heute in Washington befindet. Die Autorin fotografiert die Bäume und berichtet von den oft beschwerlichen Wanderungen, die zu ihnen führen, und von den Begegnungen, die sich dabei ergeben. Weit entfernt von jedem esoterischen Geraune besticht sie mit Nüchternheit und fundiertem botanischen Wissen. Bei aller Liebe und Bewunderung für die langlebigen Riesen verliert sie nie den Bezug zur Geschichte der Menschen, die mit ihnen verbunden sind. So fällt das Adjektiv »aufwühlend« erst am Schluss des Buches, als die Reisende bei der Linde von Schenklengsfeld vom Schicksal der jüdischen Gemeinde dieses Dorfs erfährt.
Präzision und Poesie
Das Interesse der Autorin gilt nicht nur Geografie und Geschichte, Wissenschaft und Politik, sondern auch der Sprache und dabei besonders den verschiedenen Sprachen und Dialekten, Registern und Jargons, die in ihren Büchern oft aufeinandertreffen, sei es in der Berliner Schwulenszene, im Barackendorf vor dem Gotthard-Tunnel, auf dem Campus einer amerikanischen Sommeruniversität, in der Südstaatenstadt Savannah oder im slowenischen Bovec, dessen Einwohner nacheinander fünf verschiedene Pässe bekamen. Für das Reisebuch Hundert Tage Amerika erfindet sie die Rubrik »Sprachübung«, in der sie immer wieder spezielle Bedeutungen oder lautliche Eigenheiten des Amerikanischen kommentiert. So lernen wir, dass ein petit suisse zwar ein kleiner Käse ist, aber auch das Streifenhörnchen (chipmunk) so heißt, weil es mit seinem gestreiften Fell an einen uniformierten Schweizergardisten im Vatikan erinnert.
Die Autorin schaut nicht nur ihren Figuren genau aufs Maul, sie benutzt auch selbst ihre Sprache präzise und erzeugt damit lebendige, poetische Bilder, die sich einprägen: Landschaften und Städte, Tiere und Pflanzen entstehen vor dem inneren Auge. Vom badenden Kleinkind über den kriegstraumatisierten Mann, der auf einer Bank sitzend ein Taschentuch zusammenfaltet, bis zur Greisin im Altersheim scheint ihr nichts Menschliches fremd. Dabei vereint sie die Beobachtungsgabe für alltägliche Szenen mit der Fantasie für außergewöhnliche Ereignisse wie die Geschichte eines Paddels, das aus dem Nichts vom Himmel fällt.
Von der »Marschallin«, der Großmutter der Autorin, heißt es aus der Perspektive des Schwiegervaters: »Sie war [...] eine Frau, die ihre Umgebung aufmerksam beobachtete und mit Biss kommentierte, scharf, aber nicht gehässig.« Diese Beschreibung trifft – mit einem zusätzlichen Schuss Imagination, Witz und Selbstironie – durchaus auf ihre fast gleichnamige Enkelin zu.
»Das Leben ist vielfältig, und so sollte man es zeigen«
Gespräch mit Zora del Buono
Von Ruth Gantert
Zora del Buono kündigt an, sie bringe einen kurzbeinigen Neapolitaner mit zu unserem Treffen. Ich stutze einen Moment – natürlich handelt es sich um ihren Hund, nicht mehr derselbe, mit dem sie in Amerika war, sondern eine kleiner schwarz-weißer mit großen Ohren, der geduldig wartet, während wir uns unterhalten.
Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Ich hatte eine große Bewunderung für Max Frisch und für Beat Brechbühl. Als ich Brechbühls Kneuss gelesen hatte, dachte ich, so ein Buch möchte ich auch einmal schreiben! Für die Matura mussten wir das ganze Werk eines Autors lesen, und ich wählte Max Frisch, weil ich seine Sprache so toll fand: dieses eigenartige Schweizerdeutsch-Deutsch mit den vielen Semikolons und Doppelpunkten und den verschiedenen Schriftbildern, die auch etwas fürs Auge sind. Frischs zweites Tagebuch war für mich ganz wichtig. Aber dann habe ich doch etwas Visuelles studiert, nämlich Architektur.
Genau wie Max Frisch ...
Natürlich. Ich habe auch ein paar Jahre als Architektin in Berlin gearbeitet, vorwiegend als Bauleiterin, aber das war schwierig: Man ist unter Druck wegen des Geldes, zwischen den Bauherren auf der einen und den Handwerkern auf der anderen Seite. Und ein Bauprojekt dauert lange, sicher fünf Jahre, das ist nicht meine Zeitspanne. Deshalb machte ich ein Aufbaustudium Filmarchitektur, das großartig war – aber Set Design war auch nicht das Richtige, die Kameraführung wäre mir lieber gewesen, doch dafür war ich mit 35 schon zu alt. Da kam mein Schulfreund Nikolaus Gelpke mit der Idee einer Meereszeitschrift, und ich war sofort Feuer und Flamme. Zusammen mit Barbara Stauss gründeten wir drei Schweizer die Zeitschrift Mare. Als Erstes veröffentlichte ich dort eine Rezension über Cilette Ofaires Roman einer Schiffsreise Ismé – leider war das Buch vergriffen, als mein Artikel erschien, das war peinlich. Als Zweites folge eine Reportage über ein Altersheim für Seeleute im ligurischen Camogli. Ich wusste damals gar nicht, wie man eine Reportage schreibt, aber ich habe den Plot zuerst gezeichnet wie beim Filmstudium. Über das Visuelle bin ich zum Text gekommen.
Und dann über den Journalismus zum literarischen Schreiben?
Ich habe mich nie als Journalistin gefühlt, weil ich die Welt eher so erzähle, wie ich sie sehen will, als so, wie sie ist. Ich mochte nicht in reale Personen hineinschlüpfen, das war mir unangenehm. Bei erfundenen Personen hingegen fühle ich mich zuhause. Allerdings war mein erster Roman, Canitz’ Verlangen, noch zu nahe am echten Leben dran, ich schrieb über meinen damaligen Freundeskreis, das Westberliner schwule Germanistenmilieu. Die Personen, die sich darin wiedererkannten, wurden wütend – zu Recht.
Canitz’ Verlangen ist bereits eine Familiengeschichte – aber nicht, wie sonst oft bei literarischen Debüts, Ihre eigene, sondern eine deutsch-polnische. Erst in Ihrem siebten Buch, Die Marschallin, erzählen Sie die Geschichte Ihrer Großmutter. Doch auch da, ohne selbst darin vorzukommen ...
Naja, fast nicht – die junge Frau im Wildschweinledermantel, die einmal auftaucht, das bin ich. Ich komme in jedem meiner Bücher ein wenig vor, oft aber aufgespaltet in verschiedene Figuren. In den beiden Reisebüchern ist es natürlich klar, da begegne ich als Beobachterin Land und Leuten. In Gotthard bin ich keine oder viele, vor allem aber merkt man meine Liebe zum Bauen und zu den Bauarbeitern. Hinter Büschen, an eine Hauswand gelehnt hingegen ist zum Teil autobiografisch, das Tagebuch eines Sommers. Die Referenz dafür ist natürlich Frischs Montauk. Frisch erzählt darin die Liebesgeschichte eines Schriftstellers mit einer dreißig Jahre jüngeren Frau, und ich drehe dieses bekannte Schema um.
Steht jeweils eine solche Referenz am Beginn Ihrer Bücher?
Es gibt immer eine Initialzündung. Bei Big Sue war es ein Dokumentarfilm, den ich im Engadin, im Hotel Waldhaus in Sils Maria sah, über eine dicke Frau und einen sogenannte »Feeder«, einen Mann, der auf stark übergewichtige Frauen steht. Sie lag im Bett und kommandierte ihn herum. Da wusste ich, dass meine nächste Heldin eine ganz dicke Frau sein sollte – und der Roman musste in Savannah spielen, dieser wunderschönen Stadt mit ihren dreizehn Squares und den Büscheln von Spanish Moss, die von den Bäumen hängen. Auf Gotthard stieß ich nach einer Lesung aus Canitz’ Verlangen: Eine Gruppe belesener Leute kam mit zum Essen und auch ein Freund von mir, der Bauführer war und im Tunnel arbeitete. Als er erzählte, wie warm der Fels im Stollen ist und dass man sich am Bergwasser die Finger verbrennen kann, haben alle im Raum aufgehört zu sprechen und ihm zugehört – in dem Moment war mir klar: als Nächstes schreibe ich einen Tunnel-Roman. Es kann ja nicht immer die Rede sein von diesem schöngeistig-verdrechselten Akademikermilieu, auch eine rohere Arbeitergemeinschaft ist wahr und interessant. So wie in meinen Büchern nicht nur Heterosexuelle vorkommen: Das Leben ist vielfältig, und so sollte man es zeigen.
Bei der Marschallin war es die Familienlegende, dass mein Großvater Tito das Leben rettete – das hat mich schon als Jugendliche fasziniert. Ohne meinen Großvater wäre die Weltgeschichte anders verlaufen! Das dachte ich zumindest, bevor ich herausfand, dass die Überlieferung so nicht stimmt. Lange traute ich mir nicht zu, diese Geschichte aufzuschreiben. Erst als eine Tante schon gestorben war, merkte ich, dass ich die andere Tante unbedingt ausfragen musste, solange es noch möglich war.
Wie arbeiten Sie an Ihren Büchern: Schreiben Sie drauflos, gibt es einen Plan?
Ich weiß, wo ich anfange und wo es mich hinführen wird. Der letzte Satz der Marschallin, die verwunderte Frage meines Großvaters, »Ma io, ero sposato?«, stand schon fest, bevor ich die erste Zeile geschrieben hatte. Für die Wegstrecke erfinde ich jedes Mal etwas Anderes. Bei meinem Campus-Roman sind es die Zeitungsausschnitte mit Angela Merkels Aussagen zur Snowden-Affäre, die den Text strukturieren, mir gefiel der Effekt. Bei Gotthard hingegen ist die Erzählung wie ein Zug auf Schienen, der gezielt auf etwas losfährt, da ist alles durchgetaktet. Ich habe wirklich gemessen, wie lange der Held braucht vom Campingplatz zur Baustelle, von der Kurve bis zum Tunnel. Am Schluss geht es immer schneller, da mussten die Abschnitte immer kürzer werden. Bei der Marschallin wusste ich von Anfang an, dass da ein Bruch war im Leben der Protagonistin, und diesen Bruch wollte ich auch im Buch haben. Deshalb gibt es den Zeitsprung bis zum letzten, langen Monolog im Altersheim.
Und was auch auffällt: Alle Ihre Bücher handeln von einem dunklen Familiengeheimnis, das an den Tag kommt.
Das stimmt tatsächlich! Ich war mir dessen gar nicht bewusst. Und das Verrückte dabei ist: Ich habe das dunkle Geheimnis meiner Familie ja erst beim Schreiben meines letzten Buches entdeckt. Vorher wusste ich nichts von der Schuld, die meine Großeltern auf sich geladen hatten – und dennoch schrieb ich ständig über in Schuld verstrickte Familiengeschichten, ich schleppte das Thema also schon mit mir herum.
Allerdings finden sich in Ihren Büchern keine psychologischen Analysen, sondern genau recherchierte Fakten und ein nüchterner Ton.
Deshalb habe ich ja als Bauleiterin gearbeitet – das Rohe ist eher meins. Meine Begabung ist, schnell zu sehen, was mit den Leuten los ist, und dann habe ich manchmal die Neigung, das zu überzeichnen. Dafür können sich die Leserinnen und Leser meine Figuren gut merken.
Was die Personen unter anderem charakterisiert, ist die Art, wie sie sprechen. In ihren Büchern treffen immer mehrere Sprachen aufeinander, liegt das daran, dass Sie zweisprachig aufgewachsen sind?
Nein, eher daran, dass ich als Schweizerin in Deutschland lebe. Da ist das Schweizerdeutsche exotisch, und es fällt mir auf, wie großartig es ist mit seinen vielen Dialekten. Wenn ich dann auf andere Schweizer treffe, lachen wir oft über Sprachspielereien – zuhause wäre die Mundart einfach normal. Aber natürlich ist auch das Italienische wichtig für mich. Besonders interessant finde ich Sprachmischungen wie den Slang, den man auf Baustellen spricht, damit habe ich mich für die Tunnelarbeiter in Gotthard befasst.
Wie entstehen Szenen und Bilder wie die am Anfang der Marschallin, als der verlassene Ehemann seiner Tochter befiehlt, die Schuhe seiner Frau mit dem Besen auf die Straße zu fegen? Stützen Sie sich auf schriftliche Zeugnisse, auf ein Tagebuch, Briefe?
Ein Tagebuch meiner Großmutter habe ich nicht und auch nur wenige Briefe, außerdem kann ich ihre Schrift fast nicht lesen. Vieles habe ich aus Erzählungen meiner Tanten und meiner Mutter. Und ich habe eine kindliche, überbordende Fantasie: Solche Szenen denke ich mir aus. Doch für den hier abgedruckten Text »Vaterlos« habe ich tatsächlich einen Brief meiner Großmutter verwendet, in dem sie meinem Vater ihr großartiges Hochzeitsgeschenk ankündigt. Meine Eltern erwarteten ein Auto, wegen der vielen Reisen nach Süditalien – sie waren ja so enttäuscht!
Was schreiben Sie als Nächstes?
Immer, wenn ich ein Buch beendet habe, packt mich die Lust, eine Fortsetzung zu schreiben. Nach der Geschichte meiner Großmutter wäre es interessant, diejenige meiner Eltern zu erzählen. Wie mein Vater in den fünfziger Jahren von Süditalien nach Zürich kam, als die italienischen Gastarbeiter verächtlich oder feindschaftlich behandelt wurden. Er war ja kein Gastarbeiter, er war Arzt, aber trotzdem ein »Tschingg«. Die Schweizer hatten Angst, die Italiener würden ihnen die Frauen wegnehmen, und was meine Mutter betrifft, stimmte es ja. Dann würde ich dem nachgehen, wie meine Mutter die spröden sechziger Jahre als Witwe erlebte. Aber zuerst schreibe ich ein anderes Buch, ich nenne es für mich mein »Fräuleinbuch«, denn es geht darin um alleinstehende, kinderlose Frauen. Ihre Situation wird in der Gesellschaft immer als Mangel angesehen, und das möchte ich umdrehen. Außerdem ist ein Nachfolgebuch zu Das Leben der Mächtigen geplant, ein Buch über Kultur und Natur in Kalifornien. Gerne würde ich auch nochmals ein Reisebuch wie Hundert Tage Amerika schreiben und diesmal mit meinem Hund England und Schottland umrunden, doch dazu brauche ich noch ein bestimmtes Thema. Reisen und schreiben ist einfach toll.
Bibliografie
Romane
Canitz’ Verlangen. Hamburg: Mareverlag, 2008.
Big Sue. Hamburg: Mareverlag, 2010.
Hinter Büschen, an eine Hauswand gelehnt. München: C.H.Beck, 2016.
Die Marschallin. München: C.H.Beck, 2020.
Seinetwegen. München: C.H.Beck, 2024.
Novelle
Gotthard. München: C.H.Beck, 2015.
Reisebücher
Hundert Tage Amerika. Hamburg: Mareverlag, 2011.
Das Leben der Mächtigen. Reisen zu alten Bäumen. Herausgegeben von Judith Schalansky. Berlin: Matthes & Seitz, 2015.
Des arbres et des hommes: quinze portraits d'arbres extraordinaires. Traduit de l'allemand par Olivier Mannoni. Paris: Éditions Autrement, 2017.
Vite di alberi straordinari: viaggio tra le piante più antiche del mondo. Traduzione di Lorenzo Bonosi. Arezzo: Aboca, 2020.
Festschriften
Waldhaus Sils: A family affair since 1908. Fotografien von Stefan Pielow. Sils-Maria: Waldhaus Sils, 2008.
Foto: Niklaus Stauss. Mit der Kamera unterwegs seit 1950. Herausgegeben von Barbara Stauss, mit Texten von Zora del Buono, Hans-Michael Koetzle, Barbara Stauss. Zürich: Edition Patrick Frey, 2018.