Zum letzten Halali
Beat Mazenauer über «Der gefrorene Zulu im Diemtigtal und andere Geschichten» von Antoine Jaccoud
Die fünf Sprechtexte im Band Der gefrorene Zulu im Diemtigtal präsentieren uns einen Autor, der einen leichten, spielerischen Zugang zu ausgesprochen ernsten Themen findet. Antoine Jaccoud ist ein ebenso lapidarer wie witziger Endzeitprophet. Er erkennt da das Ende, wo auch die letzten Illusionen den Bach runter gehen. Zwei Mal hebt er hier zu einem traurigen Abschied an: «Adieu den Tieren» und «Auf Wiedersehen, Kinder». Im ersten Text klagt eine melancholische Stimme darüber, dass die Tiere verschwunden seien. Die Ställe, Weiden, Zwinger, alles leer, alles verlassen. «Haben wir uns geirrt?», fragt der Sprechende unsicher. «Haben wir übertrieben?» Dabei waren die Tiere doch stets geschätzte Begleiter des Menschen. Ja mehr noch: «Manche von uns haben die Tierliebe im Blut.» Die vordergründig naive Erzählerstimme betrauert das Fehlen der Tiere und dahinter die eigene Einsamkeit, denn wer schaut sich nun nach dem Menschen um, blickt zu ihm hoch. Die liebevolle Wertschätzung offenbart ihren paternalistischen Hochmut, der Zuneigung erwartet – und als Beigabe dazu Filets, Rippchen, Eier und Milch. Jaccoud arbeitet diese Doppelbödigkeit präzise heraus und hält dem Menschen als Krone der Schöpfung den Spiegel vor: «Wir sind jetzt unter uns. Ist es das, was wir gewollt haben? Ist dies das Leben, das wir angestrebt haben?»
Denselben listigen Witz beweist auch «Auf Wiedersehen, Kinder», der Monolog eines Vaters, dessen zwei Söhne soeben zu einer Marsmission aufgebrochen sind. Auf dem fernen Planeten werden sie, ist er sich sicher, «die Wildnis zum Garten umformen», weil die Erde dafür nicht mehr taugt. Zwei interstellare Candides.
Antoine Jaccoud beschreibt eine total von sich selbst entfremdete Welt, also menschliche Gesellschaft. Die Qualität seiner Texte besteht darin, dass er nicht nur erfrischend und frech mit der Sprache spielt und lustvoll Pointen setzt, sondern dies mit einer Genauigkeit tut, die jederzeit den Ernst der Sache bewahrt. Er schafft es, die komische Anlage mit einer tragisch-nostalgischen Note zu unterfüttern, die subtil nachhallt und nachdenklich stimmt.
Dies gilt sowohl für den Titeltext, der Geschichte eines warum auch immer im Diemtigtal gestrandeten Schwarzen, der kläglich erfriert, weil sich niemand um ihn kümmern will, als auch für das wunderbare Gespräch zwischen einer Kuh und einem Stier vor ihrem definitiven Abgang im Schlachthof. Die Umkehr der Perspektive bringt das menschliche Wirken nochmals auf den Punkt, als die Kuh mutmasst, dass sie vielleicht als Bäuerin wiedergeboren werde. Der Stier reagiert entrüstet: «Als Bäuerin? Himmel, bloss das nicht! Immerzu dieses Schimpfen gegen die ganze Welt und immer das Vieh anschreien von früh bis spät.» Jaccoud lässt die beiden zärtlich miteinander parlieren, ohne dass es aufgesetzt oder peinlich wirkt – nur entlarvend für die Lesenden.
Der letzte der Texte arbeitet das Thema der Entfremdung und Vergänglichkeit in doppelter Variation in einer hochdeutschen (von Gerhard Meister) und einer berndeutschen Übersetzung (von Beat Sterchi) heraus. In «Alpabzug» verlässt eine Gruppe Menschen ihre Umgebung, weil kein Schnee mehr fällt und die Berge so jeden Sinn verloren haben.
Mir sy die vo de Bärge.
Die vo obe, vom Oberland.
Möget dr nech nüm bsinne?
Die vo de Hotel.
Die vo de Schikürs.
Die, wo nech Täuerli hei gäh.
Die, wo nech dr Bügu hei häre gha.
Mit klassischen Spoken-Word-Elementen, rhythmischen Aufzählungen und refrainartigen Wiederholungen gaukelt Jaccoud eine Leichtigkeit vor, die nie darüber hinweg täuscht, dass hier Gravierendes im Gange oder in Vorbereitung ist.
Antoine Jaccoud erweist sich als Autor mit einer genuin eigenen Stimme, der auch die deutschen und schweizerdeutschen Übertragungen gerecht werden. Ernst und Satire mischen sich hier verräterisch und bereiten ein mulmiges Vergnügen.