Zeilenweise Gahse
Beat Mazenauer über «Zeilenweise Frauenfeld» von Zsuzsanna Gahse
Ein Gedicht ist eine «Dichtung in Versen, Reimen od. besonderem Rhythmus», heisst es lapidar im Duden, wobei das Gedicht lyrischen, epischen oder dramatischen Charakter haben kann. Vers und Rhythmus, hin und wieder sogar ein seltener Reim, charakterisieren auch Zsuzsanna Gahse Zeilenweise Frauenfeld – auch wenn sie sich dafür nicht bei klassischen Lyrikformaten bedient. Vielmehr sieht sich das lyrische und beobachtende Ich «als verdeckte Ermittlerin» von Sachverhalten, die nach und nach zeilenweise aufgedeckt werden. Kurzum, Zsuzsanna Gahse entzieht sich auf gewitzte Weise den herkömmlichen Definitionen und setzt sich einfach auf die Bank an der Murg, gleich beim Bahnhof Frauenfeld, zusammen mit Manu, vielleicht auch mit der Welschen, und schaut dem vorüberziehenden Gesellschaftstheater zu. Und mit jedem Zug, der ankommt, ergiesst sich aus der Unterführung eine neue Schar von Menschen, die sich in die vielen Richtungen verteilen.
In ihrem vielleicht bekanntesten Buch durch und durch (2004) sass die Dichterin einst am Fenster und beobachtete, was sich, immer wieder gedanklich abschweifend, seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden, auf der Strasse vor ihrem Haus in Müllheim an der Thur ereignete und sich quer durch die Räume und Zeiten bewegte. Im neuen Buch hat sie, wie der Titel anzeigt, ihren Beobachtungsort nach Frauenfeld an der Murg verlegt. Die Murg fliesst in die Thur. Manu ist, wie erwähnt, mit dabei, auch Lucian, der Wettererzähler, oder Sam, und regelmässig taucht Nora auf: mal Nora (24), mal Nora (49), alterslos, vielgesichtig, wandelbar eine andere. Auch sie wird Teil der «mindestens vierundzwanzig Wir-Möglichkeiten».
Gedichtzeilen sind oft bloss der sichtbare Ausdruck, die lesbare Manifestation von etwas, das ungesagt mitschwingt. So auch in diesem Band. Als Lesende lassen wir uns zusammen mit der Ich-Beobachterin quer durch Frauenfeld, verführen und staunen, halten inne.
Die Heuchelei. Gesichtet um 17:40 nahe dem Marktplatz. Dort
hielt sich die Mehrheit auf.Die Minderheit hatte sich in die Nebenstraßen verzogen.
Auftritt der Mehrheit mit ausgebreiteten Armen.
Zweiteilungen. Die einen und die anderen. Das ist die Kernge-
schichte. Ihr und wir im Clinch.
Sass die Erzählerin in durch und durch noch zuhause in ihrer Stube, so taucht sie hier ins wilde alltägliche Leben ein, mit einem Auftrag, wie sie gerne andeutet. Denn Zeilenweise Frauenfeld kokettiert mit einem kriminalen Plot, der sich allerdings nicht so recht offenbaren will. Er verliert sich gewissermassen in den wechselhaften Gedanken und Gesprächen, mehr noch in der Sprache selbst, ihrem «Stocken in den Sätzen» – seit je das zentrale Thema bei Gahse. Zeile für Zeile weist sie darauf hin, wer wir sind, denn wir sind, was und wie wir reden. Welchen «Auftrag einer Detektei» die Erzählerin dabei auch immer zu erfüllen sucht, sie ist im Geiste ihrer Autorin eine Sprachfahnderin, der sich die Welt über Worte, Redeweisen, Etymologien erschliesst. «Ich sehe Wörter gerne in ihrem Larvenzustand, wie sie früher aussahen und was sie bedeuteten», um zu verfolgen, wie sie sich oft überraschenderweise wandeln und die Wirklichkeit prägen, mitunter mit überraschender Wendung:
zum Beispiel stammt das Wort Frau überaus kurz gesagt vom Fro
ab, und Fro bedeutete Mann oder Herr.
Das Grimmsche Wörterbuch kann es bestätigen. So schweifen wir mit Zsuzsanna Gahse durch die Sprachgeschichte und werden Zeugen von Unscheinbarkeiten und Freundschaftsgesprächen – wobei, sei mit erwähnt, Frauenfeld dabei nicht zu kurz kommt. Nur ein richtiger Krimi will es nicht werden – braucht es auch nicht.
Aus: Poesie und Prosa: fliessende Grenzen. Klaus Merz, Zsuzsanna Gahse, Felix Philipp Ingold, ein Fokus von Beat Mazenauer, viceversaliteratur.ch, 4.12.2023