Wie wir älter werden
Liliane Studer über Wie wir älter werden von Ruth Schweikert
Ruth Schweikert, geboren 1964 in Lörrach und in der Schweiz aufgewachsen, gehört zu den bekanntesten AutorInnen ihrer Generation, obwohl sie seit ihrem ersten vielbeachteten Erzählungsband Erdnüsse. Totschlagen, erschienen 1994, nur – in Anführungszeichen – drei Romane veröffentlicht hat. Der letzte, Wie wir älter werden, kam im vergangenen Frühjahr im S. Fischer Verlag Frankfurt heraus. Und es sei gleich vorweggenommen, das Warten hat sich gelohnt. Ruth Schweikert gelingt es mit diesem Roman, der die Geschichte zweier Familien erzählt, die auf nicht alltägliche Weise miteinander verknüpft sind, unser Interesse für jede einzelne der Figuren zu wecken, und sie lässt uns teilnehmen an einer familiären Konstellation, die vielen von uns weniger vertraut sein dürfte. Dass es sie gibt, klar, das wissen wir alle, aber darüber hinaus? Die Lektüre öffnet Räume, schärft den Blick.
Die eigentliche Hauptfigur ist Jacques Brunold, und zwar in dem Sinne, dass er die «Ursache» ist der Verwirrungen, die sich durch den Roman in vielfältiger Weise ziehen. Ihm begegnen wir gleich auf der ersten Seite. Es ist der 30. Dezember 2013, Jacques ist mittlerweile 87-jährig. Er kocht das Mittagessen für sich und Friederike, die auf ihrem Stuhl sitzt, wie immer mit dem Rücken zum Wohnzimmerfenster, reglos und aufrecht. Ein ganz gewöhnliches Ehepaar, könnte man meinen, das ein weiteres Jahr hinter sich gebracht hat, auch die Feiertage mit den Besuchen der Kinder sind ohne grössere Überraschungen vorübergegangen, das nächste Jahr wird kaum anders sein, nur dass der Tod näher rückt. 272 Seiten später, am Ende des Romans, kehren wir an diesen Romananfang zurück und wissen einiges mehr, von schwierigen fast fünfzig Ehejahren, von der anderen Frau, Helene Seitz, mit der Jacques fast ebenso lange verbunden war, von Kindern, die den gleichen Vater – nämlich Jacques –, nicht aber die gleiche Mutter haben. Doch alle diese Geschichten, Verletzungen, Kränkungen, das Verlassenwerden und das Wieder-Aufnehmen des untreuen Ehemanns, sie spielen für Friederike und am Ende des Romans keine Rolle mehr. «Sie schien auf nichts mehr zu warten, weder darauf, dass das Leben noch einmal zu ihr zurückkehrte, noch auf den Tod; sie war einfach da, solange ihr Herz schlug.» Es dürfte die wichtigste Entscheidung von Jacques gewesen sein, dass er fünf Jahre zuvor, nachdem er neun Jahre mit Helene zusammengelebt hatte, zu Friederike zurückgekehrt war, eine Entscheidung dafür, dass er – wenn das Leben zu Ende geht – zu seiner Ehefrau gehört, zu Friederike. Helene starb alleine, ohne seine Begleitung, auch wenn er wusste, dass sie nach ihm rief.
Die komplizierten familiären Verbindungen sollen hier nicht nacherzählt werden. Da bringt es viel mehr, sich die Zeit zu nehmen und den Roman zu lesen. Doch darf ein Blick auf die Schreibweise und die Machart des Romans nicht fehlen. Ruth Schweikert erzählt nicht chronologisch, und sie erzählt in wechselnden Perspektiven. Das fordert zwar von den Leserinnen und Lesern einiges an Konzentration und langsamer Lektüre, um die Komplexität zu erfassen. Es ist jedoch gerade ein Plus, dass die Autorin darauf verzichtet, schwierige Konstellationen einfach erzählen zu wollen. Diese Erzählweise entspricht dem Romaninhalt, denn auch die Figuren brauchen oftmals länger, um zu erfassen, um was es eigentlich geht. Und was die Wahrheit ist. Oder die Wahrheiten. Dieses Erzählen, in einer einfachen, klaren Sprache, in kurzen Sätzen, oftmals durch Strichpunkte abgesetzt, damit der Fluss des Erinnerns nicht abgebrochen werde, lässt einzelne Puzzleteile Form annehmen, die sich zusammenfügen lassen und somit ein Bild ergeben. Dabei geht es nicht um die Vollständigkeit, vielmehr sind die einzelnen Teile interessant – und was die Töchter, Stiefsöhne, Halbgeschwister usw. mit den Geschichten machen, die sie geprägt haben und prägen, ob sie es wollen oder nicht.