Wandler im Nebel

Jens-Peter Kusch über Der Junge, der den Hauptbahnhof Zürich in die Luft sprengte von Markus Bundi

Es steckt viel Welt in Markus Bundis Erzählband Der Junge, der den Hauptbahnhof Zürich in die Luft sprengte: jugendlicher Grössenwahn, Fake News, Flüchtlingskrise, Klimawandel, Facebook, Jobverlust, Altenpflege, Liebeskummer, Geburt und Tod. Die einundzwanzig Erzählungen, elf von ihnen Erstveröffentlichungen, scheinen für sich zu stehen, jede anscheinend mit einem je eigenen Ich-Erzähler und eigenen Figuren, sprachlich facettenreich und stilsicher erzählt, wobei der Erzählfluss von Beginn an Untiefen hat, weil man sich nie sicher sein kann, auf welcher Ebene man sich gerade befindet: auf der Handlungsebene oder in einer Reflexion, welche das Erzählen selbst thematisiert und hinterfragt. Sperrig ist schon die erste Erzählung, in der ein Zweijähriger auftritt, ein Nachkomme von Oskar Matzerath aus der Blechtrommel, der schon mehrere Leben hinter sich zu haben scheint und weiss, was auf ihn zukommen wird, unter anderem in einem halben Jahr seine kleine Schwester Sophie als Frühgeburt und der Verlust seines traumwandlerischen Wissens, wenn er sprechen lernt. In scharfem Kontrast zu seiner Abgebrühtheit stehen die Beschreibungen seines Alltags mit Bauklötzen, Spielzeugautos und «Quietscheentchen».

Ein wenig ratlos liest man die weiteren Erzählungen, pointierte Alltagsskizzen, eine im Rückblick erzählte Pubertätsgeschichte über das «unwiederbringliche Hochgefühl der Unantastbarkeit», von einem Altenpfleger, dem sein literaturbegeisterter Pflegling zehn Bücher und sechs leere Blätter Papier hinterlässt, über ein erschreckend aktuelles Science-Fiction-Szenario mit entlarvenden Halloween-Partys, von einem schwergewichtigen Kranführer, der eines Nachts in seiner Kabine erfriert und feststeckt, einem buckligen Bettler, der über den Wert eines «Fünflibers» nachsinnt und sich selbst von aussen sieht, oder einem Mann, der Phil Mainer heißt und in Briefen an Sophie über das Verschwinden von Meerjungfrauen nachdenkt. Die Angst, die einige Figuren umtreibt, ist nicht nur die Angst vor dem «Hamsterrad» bürgerlichen Lebens, sondern auch vor dem Selbstverlust, den vielleicht nur Papier bannen kann. Die Literatur als «Tagtraumwerk» scheint einen Raum zu eröffnen, in dem das Ich Sinn finden, zu sich kommen kann. Aber ob das wirklich so ist, bleibt unklar. Die Geschichten handeln nicht nur von Menschen mit ihren Ängsten und Sehnsüchten, halbseidenen Internet-Konzernen oder skurrilen Begebenheiten, sondern immer auch vom Erzählen selbst, denn es ist auffällig oft von Anfängen die Rede, die keine sind, von Träumen, Bühnen, Kostümen, Spiegeln, Brillen, Tischen, Treppen, Fenstern und Tieren, vielen Tieren, darunter auch ein Panther – hinter Gitterstäben und hinter ihnen keine Welt?

Markus Bundi verwebt die vielen intertextuellen und poetologischen Anspielungen mal in grelleren, mal in gedeckteren Farben, Pathos und Selbstironie inklusive. So behauptet ein sogenannter «Wandler», der in einem riesigen Shopping-Center arbeitet, in der Erzählung «Keine Maske für niemanden» im Namen seines Kollektivs: «Wir sind das Auge des Sturms, befinden uns gleichwohl an den Rändern: Es sind die Ecken und Enden, die eine Übersicht ermöglichen. Wir besetzen die toten Winkel, haben die Schwellen und Übergänge im Blick, die Engstellen, wo die Ströme am stärksten sind, Wirbel erzeugt werden, wo es zu unliebsamen Ballungen kommt. Niemand kennt die Abläufe besser als wir, unsere Erfahrungswerte basieren auf denen von Generationen. Die Wandler bilden die lebendige Konstante. Seit einem halben Jahrhundert beobachten und begleiten wir das Treiben hier, stimmen uns ein und stimmen uns ab, sind der menschliche Kitt, stets darum besorgt, dass das Paradies nicht aus den Fugen gerät.» Der Shopping-Center erscheint als überdeutliche Allegorie auf unsere Welt, die durch das dystopische, zynische Dichterbild noch verstärkt wird und kippt. Wer sich hier angesprochen oder wohlfühlt, dem ist nicht zu helfen.

Die meisten Erzählungen sind als Vexierspiel angelegt, in dem der Autor nicht nur sich wandelnde Ich-Erzähler und Figuren, sondern auch den Leser und vielleicht auch sich selbst augenzwinkernd einbezogen hat. Doch Vorsicht! Letzterer steht vielleicht nicht mit auf der Bühne, sondern sitzt «zufrieden in der Vorkammer» und beobachtet uns. Ein solches Spiel kann per se keinen festen Boden oder klar markierte Grenzen haben, was auch an der Mehrdeutigkeit und Eigenmacht der Sprache selbst liegt. Wenn von Menschen als Wandlern die Rede ist, können Schlafwandler, Peripatetiker oder eben Dichter gemeint sein, wenn der Begriff «Schwindel» auftaucht, kann er nicht nur ein körperliches Gefühl, sondern auch «Diebstahl», «Täuschung» und sogar Inspiration bedeuten, oder wenn der Altenpfleger von seiner früheren Arbeit als LKW-Fahrer erzählt, bei der er an der Verteilung und Entsorgung von Kantinenessen beteiligt war, könnte es sich auch um eine böse allegorische Rede über minderwertige Literatur handeln: «All die Gewürze, all die Konservierungsstoffe, die einem solchen Brei beigemischt sind, lassen keine Wiederverwertung zu.»

Was den Leser von Markus Bundis Buch erwartet, deutet schon der Zweijährige an: «Mir ist, als müsste ich durch Watte greifen, durch ein diffuses Licht im Nebel den Überblick erlangen. Als ginge ich rückwärts und vorwärts zugleich.» Der besondere Reiz der Lektüre besteht darin, die vielen intertextuellen und poetologischen Anspielungen zu finden, zu deuten, miteinander zu verknüpfen und auch darüber nachzusinnen, inwieweit die Konturen sich auflösen, welche ein Ich vom anderen abheben. Dabei sollte man als Leser schon von Anfang an auf der Hut sein und bereits dem reisserischen Titel oder dem Motto nicht so recht trauen. Und die Botschaft? Vielleicht lautet sie: «Kein Mensch ist ein unbeschriebenes Blatt, kapiert?» Aber was heisst das schon? Das Vexierspiel und die Figuren erscheinen manchmal zwar schablonenhaft, die Erzählungen regen aber auch immer wieder dazu an, den Lauf der Welt und die Konsistenz des eigenen Ichs aufs Neue zu beleuchten und zu hinterfragen.

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