Vorwärts in die Vergangenheit

Beat Mazenauer über «Grelle Tage» von Selma Kay Matter

Der Suhrkamp Verlag überrascht mit einem neuen Namen: Selma Kay Matter. Als Debüt legt sie ein Theaterstück vor, Grelle Tage, das auf den ersten Blick durch seine Unkonventionalität auffällt. Es spielt in Sibirien, in Brandenburg und beim ikonischen Kern der Schweiz, dem zerbröselnden Matterhorn.

Das sibirische Jakutsk gilt als die kälteste Grossstadt der Welt – und gleichwohl taut hier der Permafrost auf, vermatscht der Boden, senken sich die Häuser. Dabei werden alte Knochen, die 13'000 Jahre im Frost überdauerten, freigelegt und ziehen eifrige Archäolog:innen so gut wie gierige Mammutknochendealer an. Offenkundig ist das Klima in Aufruhr begriffen, was Jo, 13-jährig, gleichermassen erhitzt und übermüdet. Da entsteigt der zerfledderte Wolfshund, 13'000-jährig, dem auftauenden Boden, sammelt seine vergammelten Glieder und entdeckt die heimatlose Jo, schlafend – obwohl sie sich vorgenommen hat, die Augen nie mehr zu schliessen, sondern darüber zu wachen, was passiert. Der zerfledderte Hund stinkt, manierlich entschuldigt er sich bei Jo für diesen Missstand mit seinem jahrtausendelangen Wesen im Eis. Allem, was er spricht, hallt ein schleppendes Echo nach. Jo gibt knapp zurück, sie kennt nur eine verdorrende Welt, weshalb sie energisch protestiert, als der Wolfshund vom wenigen Wasser trinken will, was einst ein Meer, ein See, eine brandenburgische Pfütze war.

Selma Kay Matter faltet auf der Bühne eine eigentümliche Welt auf, in der Zeiten und Räume ineinander verschmelzen. Der zerfledderte Hund kommt aus dem Eis, wiedergeboren gewissermassen, was Jo nicht versteht, denn erstens sei das «unhygienisch» und zweitens der Tod so nicht mehr zu verstehen, wenn sich Permafrostleichen erheben würden. Der zerfledderte Hund wehrt sich:

Immer kommen die Menschen und sagen: Geh zurück ins Eis! Aber ich tue es nicht. Sie sagen: Geh zurück ins Eis! Aber ich tue es nicht. Sie sagen: Das Eis ist ewig, der Tod ist es auch! Aber das ist nicht mehr wahr. Das Eis schmilzt, und der Tod, na ja.

So bleibt der zerfledderte Hund, dem bereits die Mammutdealer auf den Fersen sind, unentschlossen zwar, bei Jo. Gemeinsam besuchen sie den Baumarkt, denn der hat immerhin offen und verkauft Kies in zwölf Sorten, «von den Bergen abgebrochen» und «für 2,99 € das Kilo». Denn bereits brechen Löcher aus den gelockerten Felsen, sogar die Matterhornflanke bröckelt und lässt das malerische Horn zu Tal stürzen. Vielleicht würden ein paar Tonnen Kies reichen, es zu reparieren. Der zerfledderte Hund und Jo stemmen sich gegen den Zerfall, auch wenn es die Kräfte der beiden übersteigt.

Das Theaterstück Grelle Tage schildert eine irrlichternde Realität, die sich nicht über das Gesagte, sondern über das Bildhafte erschliesst. Es lässt verschiedene Prozesse gleichzeitig oder sich wiederholend auf der Bühne geschehen. Formal äussert sich das darin, dass der Text im Querformat dargestellt ist. Mit seinem Rückgriff auf Permafrostleichen, die Erdzeitalter überlebten und wieder erscheinen, dazu dem Walten elementarer Kräfte, erinnert das Stück unwillkürlich an den Gedichtband Dekarnation von Eva Maria Leuenberger. Eine Spur der «Entfleischlichung» begegnet uns auch hier, im Wechsel von Andeutung und Auslassung, in Bildern, die so archaisch wie futuristisch anmuten und eine unheilvolle Stimmung heraufbeschwören. Diese Bildhaftigkeit bekräftigt Selma Kay Matter, freilich weniger verdüsternd, zudem mit Fotografien in der Buchmitte, die die Handlung bebildern, ohne sie zu illustrieren.

Mit der Welt fällt auch das Stück langsam auseinander. Der zerfledderte Hund verliert auftauend Glied um Glied, an denen Archäologen und Mammutdealer ihrerseits zerren, das Matterhorn verflacht gänzlich. Am Ende steht Jo auf dem Balkon in einem Brandenburger Wohnblock, lässt den Blick über die Trümmerwelt schweifen und schaut

durch einen Tunnel hinter die Alpen auf einen Gletscher, der gross und weiss und still unter einem Gipfel ruht, seit zehntausend Jahren.

Eine Fatamorgana? Grelle Tage ist so dramatisch wie poetisch und prosaisch, vor allem aber atmosphärisch mysteriös und bedrohlich bildhaft mit offenem Ausgang. Die Temperaturen steigen weiter.

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