Vom banalen Alltag zum Albtraum

Dominik Müller über «Der letzte Stand des Irrtums» von Felix Uhlmann

«Ich weiss nicht, wie Sie mit den Schmerzen noch arbeiten konnten. Sind sie ein Indianer oder schlicht suizidal?» Das bekommt die namenlose Hauptfigur in Felix Uhlmanns bemerkenswerter Erzählung von einem Arzt zu hören, den er mit einer akuten Blinddarmentzündung aufgesucht hat. Zeugt diese Unempfindlichkeit von Charakterstärke oder ist sie ein Manko? Über ihre knapp 130 Seiten hinweg vermag die Erzählung die Frage wach zu halten, wie der Held, in dessen Geschichte wir hineingezogen werden, einzuschätzen ist. Hat ihn einfach die böse Welt geprägt, in die er lebt? Die Erzählung beginnt mit der Verhaftung des Mitvierzigers, dem kurz vorher die Anstellung als Ingenieur in einem Automobilwerk gekündigt worden ist, wo er ein Automatikgetriebe entwickelt hat. Mit kühler Verwunderung sieht er zu, wie er in seiner Wohnung abgeholt und in ein Gefangenenlager gebracht wird, taxiert dort die Mitgefangenen – er teilt sie, nicht frei von Arroganz, ein in Dumme, Gierige und Seltsame – registriert, wie der Mangel an Nahrung, die harte Arbeit beim Strassenbau und die unumgänglichen Überlebenslisten ihm Körper und Geist in Beschlag nehmen. In dem Land, in dem er lebt – es ist ebenso namenlos wie er selber, liegt aber eindeutig in Europa – ist eine Volksgruppe daran, die andere kalt zu stellen und zu verfolgen. Gefasst darauf, dass er als Angehöriger des unterlegenen Bevölkerungsteils bald Opfer der Säuberungen wird, hat er noch rechtzeitig seine Frau, die aus der Volksgruppe der Herrschenden stammt, und seinen Sohn «weggeschickt». So kann er als fürsorglichen Akt tarnen, was er als Befreiung erlebt, weil er weder für seine Frau noch seinen Sohn etwas empfindet. Mit zwei Mitgefangenen – einem Dummen und einem Gierigen, was ihn vollends zum Seltsamen stempelt – gelingt nach einiger Zeit die Flucht. Dass diese nicht ohne Gewaltanwendung, auch an Unschuldigen, vonstatten geht, lässt ihn wieder kalt.

Auf Umwegen kehrt er zurück in die Stadt, in der er lebte und in der sie lebt: die Jugendgeliebte. Zu ihr sind seine Gedanken während der Gefangenschaft immer wieder zurückgekehrt. Erinnerte Episoden aus der Zeit, in der sie sich sporadisch trafen, alternieren mit der Schilderung der Gefangenschaft und der Flucht. Warum kamen die beiden nicht zusammen? War das, was er an Unaufdringlichkeit und an Takt dieser Frau schuldig zu sein glaubte, nur Ausdruck umfassender Gleichgültigkeit? Meinte die Frau, die sich als Ärztin für die Notleidendsten engagierte, ihren Satz «’Ach, du bist so unversehrt’» als Zurückweisung oder verstand nur er ihn so? Die Erinnerungen und die damit verbundenen Fragen drehen sich in seinem Kopf und lenken ihn von der Not ab, die nun auch ihn zu einem Versehrten machen. An einem Konzert, das er mit ihr besuchte, erklingt eine französische Pavane, die mit dem Vers beginnt: «Belle qui tiens ma vie.» Er fragt sich, ob er diesen Vers auf sich beziehen und sich als einen verstehen dürfe, den die Geliebte am Leben erhalten hat. Auch in anderen Fällen ist er unschlüssig, ob sein Fall an alte Geschichten – die von Hiob oder die von Kreon und Antigone – anschliessbar sei. Ganz ohne Wenn und Aber nimmt die Frau den in die Stadt Zurückgekehrten auf. Die Rolle der Fluchthelferin ist ihr vertraut. Wird die Flucht gelingen?

Sachlich und ganz ohne krasse Farben entwirft Felix Uhlmann eine Dystopie. Er hat sich diese so zu eigen gemacht, dass er sie nicht mit Detailschilderungen umständlich heraufzubeschwören braucht. Es genügt, dass sie sich im Verhalten der Figuren spiegelt. So kommt die Evokation eines Terrorstaates ohne billige Anspielungen an Nazideutschland, an die Sowjetunion oder an das aktuelle Russland aus. Von all dem kann man beim Lesen zwar nicht abstrahieren. Wichtiger ist aber das Erschrecken darüber, dass ein banaler Alltag unversehens zum Albtraum wird. Wie können ganz persönliche innere Ressourcen da ein Überleben möglich machen? Der Held der Geschichte nimmt sich auf der Flucht vor, keine umständlichen Ausflüchte vorzubringen, wenn er in eine Personenkontrolle geraten sollte. «Der Schutz seiner Geschichte lag in der Banalität, nicht in der Überprüfbarkeit. Gute Lügen sind einfach.» Reflektiert Felix Uhlmanns Erzählung hier sich selber? Gefangen in den Gedanken der Hauptfigur, können wir als Lesende kein objektives Urteil über die Liebesgeschichte fällen. Ist sie mehr ist als eine Chimäre, mit welcher der Gefangene seinen Geist betäubt?

Das Buch empfängt und entlässt uns mit einem identisch lautenden Prolog und Epilog. Es ist eine seltsame Reflexion über das Töten.

Das Töten wird allgemein überschätzt.
[…]
Wer tötet, nimmt einem anderen Menschen das Leben. Er hält aber nichts in seinen Händen. Er erhält nichts. Das Nehmen ist kein Nehmen. Dem Lebenden bleibt nichts vom Toten. Der Tote ist im Tode allein, der Lebende im Leben. […]

Sind auch das die Gedanken des Ingenieurs? Wie passen sie zur Geschichte, die sie einrahmen? Auch dieses Deutungsangebot hält eher Fragen offen, als solche zu beantworten.

Felix Uhlmanns aussergewöhnliches Buch zeichnet eine makellose Sprache aus. Aus der Geschichte, ruhig und sachlich erzählt, wird kein Aufhebens gemacht, und doch ist sie voller überraschender Wendungen. Grausamkeit und Gewalt werden benannt, aber nicht ausgeschlachtet. Die meisten Fragen entzünden sich an dem Namenlosen, der im Zentrum steht und glaubhaft vereinigt, was unvereinbar zu sein scheint – Kälte und Zärtlichkeit, Pragmatismus und philosophische Grübelei. Felix Uhlmann, von Beruf Staatsrechtsprofessor an der Universität Zürich, bewegt sich mit seinem Erstling so sicher auf dem literarischen Feld, dass man hofft, bald mehr Literarisches von ihm zu lesen.

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