Versuche, die glücken
Jonas Rippstein über «Heidi kann brauchen, was sie gelernt hat» von Tabea Steiner
Ein Essay ist, wie es schon in der Wurzel des Wortes liegt, immer ein Versuch. Ein Versuch, einen Gedanken in Worte zu fassen, eine Frage eingehend zu erörtern. Essays ist auch der Untertitel von Tabea Steiners Neuerscheinung Heidi kann brauchen, was sie gelernt hat. Der Band umfasst sechszehn Texte: sechszehn Versuche, Einfälle, Gedanken, Erlebnisse zu versprachlichen, und es darf vorweggenommen werden: Die Versuche glücken immer wieder. Obschon das Buch in einzelne, für sich stehende Kapitel unterteilt ist, liesse sich Heidi kann brauchen, was sie gelernt hat auch als eine aneinanderreihende Erzählung lesen, so sehr sind die einzelnen Erzählstränge und die auftretenden Themen miteinander verknüpft. In den Texten geht es meist ums Aufwachsen auf dem Land, ums Fremdsein, anderen und sich selbst gegenüber, um die Natur, um die Familie im weitesten Sinn, um soziologische Beobachtungen und schliesslich darum, was Sprache kann, und was nicht. Dabei eröffnet sich ein umfassender Blick in die Lebensrealität einer Ich-Erzählerin, zwischen individueller Wahrnehmung und den Gegebenheiten ihrer Lebenswelt, in der sich die vielen Auseinandersetzungen mannigfaltig verschränkt wiederfinden.
Auffallend sind die originellen Erzähltechniken, die zum Zuge kommen, allen voran das kluge Verschränken und Verbinden unterschiedlicher Erzählfäden, die sich oft innerhalb desselben Textes überschneiden. Zunächst werden mehrere Erzählstränge ausgelegt, die augenscheinlich kaum etwas miteinander zu tun haben. Mit jedem neuen Absatz nähern sich die Stränge jedoch an, und verschränken sich zunehmend ineinander. Besonders gelungen sticht hier das Kapitel Friendly Alien hervor: Die Ich-Erzählerin berichtet einerseits von ihrem Ausflug in eine Auenlandschaft in der Nähe von Graz, ehe sie in einen starken Sommerregen gerät. Andererseits erzählt sie von «Oumuamua», dem ersten interstellaren Objekt im Sonnensystem, das in der gleichen Zeit als gefährliche Besucherin bedrohlich nah an der Erde vorbeifliegt. In einer präzisen Erzählbewegung nähern sich – ganz wie «Oumuamua» der Erde – die beiden Ebenen an, bis ein Gleichnis entsteht: Da das umherschwirrende interstellare Objekt, hier die Ich-Erzählerin, die in der Natur umherirrt, und doch sind sich beide ähnlich – im ziellosen Herumirren. Diese Spiegelung findet sich fein in den Text verarbeitet, ohne laut und offensichtlich zu sein, mit einer überraschenden, leisen Tiefgründigkeit.
Ein weiteres Beispiel für gelungene Erzähltechnik findet sich im Kapitel Von Hirschen. In einem Bündner Dorf, in dem die Ich-Erzählerin offenbar jeweils die Ferien verbringt, kommt das Wild aus den Bergen immer näher an die Zivilisation. Die Erzählerin füttert einen alten Hirsch, der regelmässig vor ihrer Tür erscheint und wieder im Schnee verschwindet. Hier verknüpfen sich gleich mehrere Stränge, die Theorien von Susan Sontag, die Geschichte von Kronprinz Rudolf, die Bilder von Sebastião Salgado, Fotografie-Kritik und die eigene Geschichte auf delikate Weise, manchmal im gleichen Abschnitt. So entsteht ein ganz eigenwilliger, rhythmischer Sprachfluss, der sämtliche Ebenen miteinander verbindet, ohne an Aussagekraft einzubüssen: «Es gibt Fotos von Kronprinz Rudolf. Als Kind wurde er in Regen und Kälte stehen gelassen, um abzuhärten, gelegentlich mit Pistolenschüssen geweckt. "When we are afraid, we shoot. But when we are nostalgic, we take pictures." Sontag hat Salgado scharf kritisiert, las ich erst jetzt und unterstrich es. Ich fand Salgado auf Instagram, folgte ihm nicht, Bilder der Prinzessin von Wales mit ihren Kindern tauchten auf, "taking photographs has set up a chronic voyeuristic relation to the world which levels the meaning of all events".»
Heidi kann brauchen, was sie gelernt hat beweist nebst den erzähltechnischen Feinheiten auch anschaulich das poetische Potential literarischer Alltagsbeobachtungen. In zunächst trivial erscheinenden Szenen fällt in der sprachlichen Gestaltung auf, wie präzise die Ich-Erzählerin die Welt um sich wahrnimmt und wie klar sie diese Beobachtungen in Worte zu fassen vermag. Über die verstorbene Grossmutter und deren Rastlosigkeit erzählt sie beispielsweise: «Sie sei, hatte sie mir manchmal gesagt, eigentlich keine Sesshafte, in ihren Adern, behauptete sie, fließe das Blut von Fahrenden, und immer, wenn die Sehnsucht sie packe, müsse sie ihre Möbel verrücken.» Beim Reflektieren über ihren einjährigen Neffen bemerkt die Erzählerin, das im Laufen-Lernen eine Parabel fürs Leben steckt: «Ein Kind lernt gehen, ohne viel darüber nachzudenken, einfach nur, indem es andere Kinder nachahmt. Das ist, in den meisten Fällen, der Lauf der Dinge.» Im Essayband finden selbst kleinste Beobachtungen ihren Platz in einer Sammlung von erzählenswerten Eindrücken; so kann auf der Bühne des Essaybands selbst das vermeintlich Allerkleinste ganz gross auftreten.
Immer wieder ist die Rede von verschiedensten Sehnsüchten, besonders von der Sehnsucht nach einem Kind: Der Ich-Erzählerin wurde diagnostiziert, dass es für sie zwar nicht unmöglich, aber kaum wahrscheinlich sei, schwanger zu werden. An mehreren Stellen in Heidi kann brauchen, was sie gelernt hat wird der nicht-erfüllte Kinderwunsch thematisiert, so auch im Kapitel Was fehlt: «Es ist nicht so, dass ich mir kein Kind gewünscht hätte. Ich träume oft von diesem Kind, das ich nie hatte, wir unterhalten uns in einem glasklaren Ton, der viel zu vernünftig ist für das Alter des Kindes, und ich rede mir ein, dass es diese präzise Sprache, die es nutzt, von mir hat, und die Augen auch.» Die Ich-Erzählerin spricht im Kapitel auch über den Verarbeitungsprozess dieses Fehlens: «Meine Sehnsucht hat eine Richtung. Dieses Kind, das ich nie haben werde, ist in meinen Texten nachweisbar, es hat mein Denken beeinflusst, sich längst seinen Platz ausgesucht. Dort sitzt es, es bleibt immer gleich alt, und es liest mit, wie ich Kerstin Preiwuß’ Brief an Simone Weil zu Ende lese: "Sich dazuerfinden, was es braucht, um den Mangel auszuhalten. Da fehlt etwas, aber es gibt auch eine Möglichkeit, die ich mir vorstellen kann, ich kann mir ausdenken, was fehlt."»
Das Zitat von Simone Weil lässt sich metapoetisch lesen, mit Verweis darauf, woran sich alle Schreibenden festhalten können: dass das «Ausdenken», also das Erzählen, eine grosse Stärke sein kann, mit Erlebtem umzugehen, wovon dieser Essayband zeugt. «Sich dazuerfinden, was es braucht, um den Mangel auszuhalten» könnte ebenso das Leitmotiv von Heidi kann brauchen, was sie gelernt hat sein. In einer einfachen, jedoch äusserst präzisen Sprache und ausgeklügelten Erzählbewegungen gelingt es Steiner in ihrem Essayband, dem angesprochenen «Mangel» mit erzählerischer Fülle entgegenzutreten. Dabei zeigt sich immer wieder das genaue handwerkliche Geschick, das dieser Fülle zugrunde liegt, und das im Genre Essay von so zentraler Bedeutung ist. Es verwundert zudem nicht, dass der Titel des Bands an Johanna Spyris Heidi kann brauchen, was es gelernt hat angelehnt ist, mit einem kleinen twist: Bei Steiner ist Heidi kein «es», sondern eine «sie». Das überrascht nicht: Heidi kommt bei beiden Autorinnen aus Frankfurt zurück und zeigt auf der Alp das sprachliche Können, das sie sich in der Stadt angeeignet hat. Die Wahl des Titels veranschaulicht den im weitesten Sinn emanzipatorischen Moment, welcher der Sprache und besonders dem Schreiben innewohnt. Heidi kann brauchen, was sie gelernt hat zeigt unzählige dieser befreienden Augenblicke im Kleinen – und in ihrer ausgeklügelten Verbindung entwickelt der Essayband seine durchschlagende Kraft.