Tamangur
Liliane Studer über Tamangur von Leta Semadeni
Ein Kind erkundet seine Welt auf eigene Weise, es will den Dingen auf den Grund gehen, es stellt Fragen, es braucht Vertrauen, Zuwendung, Wärme. Auf diesem Weg der Aneignung seiner Welt begleiten die Leserinnen und Leser das Kind, das namenlos bleibt, lange auch geschlechtslos, sächlich, in Leta Semadenis Roman Tamangur. Das Kind lebt im Dorf, mit der Grossmutter zusammen. Früher gehörte der Grossvater selbstverständlich dazu, seit kurzer Zeit ist sein Stuhl leer. Während des Essens «legt die alte Frau den Suppenlöffel in den Teller und schaut die Decke an». Von der Decke könnte sie weiterschauen, nach Tamangur, dorthin, wo der Grossvater nun ist. Ganz am Schluss des Romans ist auch die Grossmutter nach Tamangur gegangen, 93 Jahre alt wurde sie, und das Kind mittlerweile eine junge Frau.
Das Leben mit der Grossmutter ist reich an Geschichten. Gerne begleitet das Kind die alte Frau auf ihren Gängen, etwa zum Einkaufen mit der Frau Doktor über die Grenze. Da vergisst sogar die Grossmutter den Grossvater für einen Tag. Anders sind die Ausflüge über die Grenze mit dem Coiffeur. Das Kind darf mit, damit es der Tochter des Coiffeurs nicht langweilig wird, während sie im Restaurant warten muss. Kaiserschmarren oder Knödel schmecken besser, wenn man nicht alleine ist. Was der Coiffeur in dieser Zeit tut, wissen die beiden Mädchen nicht so genau, auch nicht, was mit Puff gemeint ist, nur so viel: «Mädchen dürfen nicht in Puffs, auch Buben nicht. Erst wenn sie gross sind.»
Auch zu Hause wird es nicht langweilig. Denn da sind die Geschichten, die die Grossmutter erzählt, oder die sie gerade erleben. Etwas Besonderes ist es, wenn Elsa zu Besuch kommt, manchmal bringt sie auch Elvis mit. Elsa gehört zu den «Seltsamen», die «diesen frischen Blick auf die Welt» haben. «Wenn das Dorf in Langeweile schlummert, kommt unverhofft ein Seltsamer oder eine Seltsame herbei, weckt das ganze Dorf auf und bringt das Reden wieder in Gang.» Das Kind mag Elsa und Elvis. Wenn sie beim Weihnachtsessen mit dabei sind – auch dieses Jahr soll es Karpfen geben, wie all die Jahre zuvor –, helfen sie die Lücke füllen, die Grossvater hinterlassen hat, der sich ein Jahr zuvor «ganz plötzlich aus dem Staub gemacht (hat), dieser Feigling, wie die Grossmutter sagt».
Grossvater war ein grosser Geschichtenerzähler. Und wenn dem Kind eine gefiel, «tippte der Grossvater die Geschichte mit der Schreibmaschine und sammelte sie in einem Ordner». Eigentlich könnte von einer behüteten Kindheit die Rede sein, wären da nicht die Leerstellen – Mutter und Vater, die fehlen – und ein immer wiederkehrendes Bild des Bruders, wie er im Fluss dem Schwarzen Meer zutreibt. Diese Schuld, dieses Versagen begleiten das Kind durch diese Zeit mit den Grosseltern und ohne die Eltern. «Es hatte die kleine Hand, die mit ihrer ganzen Kraft in eine andere Richtung zog, nur einen Augenblick losgelassen, um sich zu bücken und den kleinen Frosch zu fangen. Dann hatte es sich umgedreht. […] Es wollte sich freuen an der Freude, am hellen Lachen des kleinen Bruders. Aber niemand war da, das Ufer war leer. Der Fluss rauschte, im Hintergrund zirpten die Grillen, es war Sommer.»
Leta Semadeni legt mit Tamangur ihren ersten Roman vor. Die 1944 in Scuol geborene Autorin hat Sprachen an der Universität Zürich studiert und war längere Zeit in Lateinamerika, in Paris, Berlin und New York tätig. Seit 2005 lebt und arbeitet sie in Lavin im Unterengadin. Sie hat sich vor allem als Lyrikerin einen Namen gemacht, und zwar schreibt sie auf Deutsch und Romanisch, wobei ihre Texte jeweils parallel in beiden Sprachen entstehen. Für ihr Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2011 mit dem Literaturpreis des Kantons Graubünden und mit dem Preis der Schweizerischen Schillerstiftung.
Die Lyrikerin ist in ihrem Prosaerstling spürbar: Dieses Romankleinod lebt von Andeutungen, Hinweisen und Möglichkeiten. Und von der Sprache, einer Sprache, die unendlich viel Raum öffnet, ohne jedoch ein Gefühl von Verlorenheit aufkommen zu lassen. Die Grosseltern legten ein Netz von Vertrauen aus, damit das Kind nicht abstürzte, nachdem der Bruder im Fluss verschwunden war – ein Bild, das dem Kind immer wieder erscheint. Das Geschehene kann auch die Grossmutter nicht ungeschehen machen, sie hat jedoch ein grosses Herz, in dem das Kind seinen Platz hat und immer wieder findet. Dabei ist es keine heile Welt, die hier geschildert wird, das Kind stiehlt, zum Beispiel, das Dorf ist keine Idylle. Doch lernt das Kind, dass man mit vielem leben kann, dass der Tod eines geliebten Menschen zwar wehtut, dass man daran jedoch nicht zerbrechen muss. Starke Gefühle sind notwendig, so etwa auch der Hass, von dem die Grossmutter sagt, dass er wärme wie Feuer, die Sinne schärfe und die Durchblutung fördere. Und sie fährt fort: «Er [der Mensch] wäre nicht fähig zu leiden und zu lieben, er könnte nicht hoffen auf etwas Besseres, so selbstzufrieden und eins mit sich und der Welt.» Die Fähigkeit zu leiden und zu lieben, die Hoffnung auf etwas Besseres – das lernt das Kind bei der Grossmutter. Und eine gehörige Portion Lebenslust und Neugier dazu. Als auch die Grossmutter nach Tamangur geht, steht das Kind als junge und starke Frau am Bett, die gelernt hat, was es zum Leben braucht.