Simeliberg
Liliane Studer über Simeliberg von Michael Fehr
Es ist erst zwei Jahre her, als ein neuer Name am Schweizer Literaturhimmel auftauchte – und heute ist Michael Fehr dort nicht mehr wegzudenken. Der 33-jährige Berner hat sich innert kürzester Zeit in die vordersten Ränge geschrieben, und nicht nur geschrieben, sondern mit Auftritten verschiedenster Art die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. An der Eröffnung der Solothurner Literaturtage 2015 sang Fehr den Blues – zum Heulen schön –, von ihm wurde im vergangenen November ein Kinderstück Die drü Söili mit Ingwer im Berner Schlachthaus uraufgeführt: ein witziges und wie immer bei Fehr gleichzeitig tiefsinniges Werk, in dem ein Samurai auftritt, der fürs Leben gerne Schweinefleisch isst und mithilfe seines Hundes auf der allerletzten Insel die drei allerletzten Ferkel findet. Die aber sind nicht blöd – und das Stück ein Vergnügen. 2013 erschien Michael Fehrs erster Prosaband Kurz vor der Erlösung in der Edition Spoken Script (Verlag Der gesunde Menschenversand), eine Sammlung von siebzehn Sätzen zu Fragen über Gott und die Welt, sprachlich grossartig, inhaltlich eine Herausforderung. Michael Fehr, der sich damals noch dagegen wehrte, ein Schriftsteller zu sein – er sei ein Denker –, zeigte sich in diesen Prosatexten als ebensolcher Denker, der aber auch noch das Zeug hatte, dieses Denken in Sprache umzusetzen und mit Leserinnen und Lesern zu teilen.
Und nun also Simeliberg, ein schmaler Band von gerade mal 140 Seiten (inklusive Glossar), ein Prosatext, ist das so klar? Auch wenn die Zeilen nur die Hälfte der Seitenbreite ausfüllen? Die Geschichte des Gemeindeverwalters Griese, der den Auftrag hat – weil ein Gemeindeverwalter einer so abgelegenen Gemeinde allerhand Aufträge zu erledigen hat, und erst noch, wenn er nicht ein Hiesiger ist –, diesen Schwarz zu holen, der im Loch lebt und dessen Frau verschwunden zu sein scheint, einfach nicht mehr gesehen wurde im Dorf. Schwarz verwickelt ihn in ein Gespräch über Sozialismus und Marx, und vollends verwirrt ist Griese, wenn er die unzähligen Tausendernoten sieht, die Schwarz ganz selbstverständlich bei sich aufbewahrt. Eigentlich versteht Griese gar nichts mehr und Schwarz verunsichert ihn zutiefst. So will er seinen Auftrag möglichst schnell erledigen, Schwarz in der Stadt abliefern. Doch die Dinge nehmen ihren Lauf. Grieses Freundin (oder wie genau lässt sich seine Beziehung zu Annett Wyss definieren, die mit Mann und Söhnen im Bauernhaus am Dorfrand lebt und wo er abends noch eine warme Suppe bekommt?) erwartet anderes von ihm, nämlich dass er herausfindet, wo ihr Sohn geblieben ist. Und als es dann losgeht, unten im Graben, beim Haus von Schwarz, das in der Nacht in die Luft fliegt, steht Griese nur im Weg herum und muss sich von einer Frau (auch das bleibt ihm nicht erspart!) zurechtweisen lassen, er, der Gemeindeverwalter. Griese hat keine Chancen, eigentlich hat niemand Chancen in dieser Geschichte, am ehesten vielleicht noch Schwarz, obwohl sein Haus nicht mehr da ist, als er endlich wieder zurückkehren darf. Er hat noch die Remise.
Nein, es hat keinen Sinn, diesen dichten Text zusammenzufassen, es gibt nur eines: das Original zu lesen. Gleich mehrmals. Einmal auch laut, alleine oder aber im Lesekreis oder am Familiensonntagabend. Denn es ist schlicht grossartig, etwa wie Michael Fehr Telefongespräche wiedergibt – ja, wir lesen nur die eine Seite, was die andere sagt, ergibt sich aus den Antworten. Und mit welcher Leichtigkeit die krummen Geschäfte daherkommen, von Jugendlichen ausgedacht und ausgeführt, die der rechten Szene zuzuordnen sind, doch niemand hat etwas davon gewusst, will etwas gewusst haben, auch Schwarz nicht, bei dem sie sich immer wieder getroffen haben. Oder das Kapitel, es ist das achte, in dem Griese sich ein Zielfernrohr für sein Gewehr kaufen will. Auf knappstem Raum erfahren wir alles über den sogenannt legalen Waffenerwerb. Und im Verlauf auch einiges darüber, wie sich Griese mit eben dieser Waffe verheddert und sie ihm alles andere als hilft.
Michael Fehr zeigt mit seinem zweiten Prosaband seine ganze sprachliche Virtuosität, mit der er bereits die Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises 2014 in Klagenfurt überzeugte, die ihm für einen Auszug aus Simeliberg den Kelag-Preis zugesprochen hat. Ganz anders als in seinem ersten Buch erzählt er eine Geschichte, man könnte sie sogar als Kriminalroman bezeichnen, doch ein solcher Text erträgt keine Kategorisierungen bzw. Schubladisierungen. Michael Fehr führt in die Abgründe des Dorflebens, buchstäblich, er wirft Licht auf Rivalitäten, er lässt Vermutungen zu Gewissheiten werden, er öffnet den Vorhang und lässt einen Blick tun auf zwielichtige Handlungen. Dabei erklärt er nichts und vermeidet tunlichst irgendwelche Kausalzusammenhänge oder Psychologisierungen. Er öffnet allein durch Sprache Räume, in denen sich die Protagonistinnen und Protagonisten zwar bewegen, drin zurechtzukommen gelingt ihnen jedoch nicht. Dass die Literaturkommission des Kantons Bern dieses Buch mit einem Berner Literaturpreis 2015 auszeichnet, ist eine verdiente Anerkennung für einen Autor, der sich in kurzer Zeit mit seiner Vielseitigkeit einen Platz im literarischen Leben innerhalb des deutschen Sprachraums geschaffen hat. Und so sei denn hier auch noch erwähnt, dass sich Michael Fehr nicht nur mit seinem eigenen Schreiben hervortut, sondern dass er sich auch in der Nachwuchsförderung stark engagiert. So ist er Schweizer Kurator für Babelsprech zur Förderung junger deutschsprachiger Poesie und Juror beim Literaturwettbewerb Treibhaus der Zeitschrift Literarischer Monat.