Schwimmende Inseln

Tamara Schuler über «Im Meer waren wir nie» von Meral Kureyshi

Die 37-jährige Ich-Erzählerin in Meral Kureyshis drittem Roman zieht gemeinsam mit ihrer Sandkastenfreundin Sophie deren Sohn Eric gross. Zudem kümmert sie sich um Lili, Sophies Grossmutter. Im Meer waren wir nie erzählt von geteilten Leben jenseits klassischer Familienkonstellationen und dem Willen zur Verbundenheit.

Plötzlich war Eric in mein Leben getreten, einfach so. Und das war das Beste, was mir bis jetzt passiert ist. Ich schlief jede Nacht bei Sophie und versuchte zu helfen. […] Wie soll man das auch allein hinkriegen? Ein Kind braucht mindestens fünf Erwachsene, so fühlt es sich an.

Die beiden Freundinnen wohnen in zwei übereinander liegenden Wohnungen. Erics biologischer Vater ist abwesend, die Ich-Erzählerin nimmt an seiner statt eine Vaterrolle ein. Als Klara, Sophies Mutter, jemanden sucht, der sich um ihre Mutter kümmert, übernimmt die Ich-Erzählerin auch diese Rolle — gegen Bezahlung und trotz Klaras Zweifeln: «Sophie hat mir erzählt, dass Klara eine Fremde mit emotionaler Distanz lieber gewesen wäre. Ich war günstiger.»
Lili ist 95 Jahre alt und unlängst zusammen mit ihrem Mann ins Altersheim gezogen. Fortan besucht die Ich-Erzählerin Lili regelmässig, unternimmt kleine Ausflüge und unterhält sich mit ihr. Über fast sechzig Jahre Altersunterschied hinweg lernen sich die beiden Frauen kennen; nach und nach erfährt die Ich-Erzählerin Anekdoten aus Lilis Vergangenheit, hört von ungelebten Möglichkeiten und von Versäumnissen.

Im Meer waren wir nie, sagt Lili, als sie im Bett liegt. Winter liebte das Meer. Die Weite, den großen Himmel. Wir waren schon am Meer, doch es war zu kalt, um ins Wasser zu gehen.

Dieses Familiengefüge, das sich zu Beginn des Romans als recht gut austariertes Mobile zeigt, gerät zunehmend in Bewegung: Die Ich-Erzählerin erhält eine Assistenzstelle an einem Theater weit weg, was sie zunächst für sich behält. Nuri, die jüngere Schwester der Ich-Erzählerin, freundet sich ebenfalls mit Sophie an; Lili stirbt und sowohl Sophie als auch die Ich-Erzählerin lernen potenzielle neue Partner kennen. All diese Ereignisse führen zu Verschiebungen und Reibungen im gemeinsamen Leben der Protagonistinnen. Die Ich-Erzählerin hadert damit, Sophie und Eric zu verlassen, gleichzeitig ist sie auch sich selbst gegenüber radikal loyal. Sie hinterfragt sich kaum und verleugnet sich nie. Das ist ein entscheidender Charakterzug dieser Figur, der verhindert, dass sie in die Rolle einer sich aufopfernden Übermutter rutscht. Stattdessen begegnen die Leser:innen einer widersprüchlichen und mitunter schwierigen Frau, die sich nicht dafür entschuldigt, sie selbst zu sein.

Wieso hast du mich nicht schon längst zum Teufel gejagt, habe ich einmal jemanden gefragt, als wir das Fragespiel spielten, das er nicht spielen wollte. Der Teufel würde mir leidtun, antwortete er.

Im Meer waren wir nie liegt die Frage nach Wert und Stellenwert von Beziehungen zugrunde. Präsent zu sein im Leben von Sophie, Eric und Lili ist für die Ich-Erzählerin nicht verhandelbar. Darin liegt Grösse, aber auch eine geradezu sture Entschlossenheit. Woher kommt dieser unbedingte Wille, Teil einer Gemeinschaft zu sein? Während Zugehörigkeit in biologischen Familien meist selbstverständlich hingenommen wird, kann sie bei Wahlfamilien schnell grundsätzlich in Frage gestellt werden. Dass wir Verbundenheit einfordern, jenseits von tradierten Pflichtgefühlen, kann ein Gegengift sein für unsere zunehmend hyperindividualistische Gesellschaft, in der Vereinsamung und Vereinzelung wachsen.
Kureyshis Roman thematisiert auch die Gleichzeitigkeit verschiedenster Beziehungsformen. Biologische und soziale Relationen existieren nebeneinander, weisen Gemeinsamkeiten auf und Unterschiede. Auch die Rollen der Ich-Erzählerin als Freundin, Tochter, Schwester, Vater und Frau werden ambivalent und realitätsnah gezeigt. Wer sich auf diese Lektüre einlässt, wird dazu angehalten, starre Vorstellungen und statische Beziehungen zu hinterfragen und stattdessen auf die Elastizität und Wandelbarkeit von Bindungen zu vertrauen.

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