Schicksalslos unter Fremden
Ruth Gantert über «Der graue Peter» von Matthias Zschokke
Wie reagieren Eltern, denen man mitteilt, ihr Kind sei gestorben? Wer hat es nicht schon im Film gesehen: Sie reissen die Augen auf, öffnen den Mund zu einem (eventuell lautlosen) Schrei, greifen sich ans Herz, zittern am ganzen Körper, können nur durch eine Spritze beruhigt werden, sacken dann plötzlich in sich zusammen. Matthias Zschokkes Protagonisten scheint keine dieser Reaktionen geläufig zu sein. Ihm fehle ein «Empfindungshormon», behauptet der Erzähler. Als eine Polizistin in das Büro des Mannes kommt und ihm sagt, sein kleiner Sohn sei von einem Lastwagen überrollt worden, reagiert er distanziert und verwirrt, da er «langsam war, langsam auch im Erschrecken». Statt ganz bei sich zu sein und sich seinem Schmerz hinzugeben, grüsst er seinen Arbeitskollegen und bedankt sich ungeschickt bei der Polizistin. «Das ist sicher furchtbar unangenehm, solche Nachrichten überbringen zu müssen.»
Wer ist dieser höfliche, linkische Mann, der aus konventioneller Sicht völlig unangemessen reagiert? Er heisst Peter und stammt aus dem Dorf Saint-Blaise, weshalb er früher von seinen Mitschülern so genannt wurde. Er wohnt seit Langem in Berlin. Seine Frau und er haben bereits ihr erstes Kind verloren, es ist bei der Geburt gestorben. Trotz dramatischer Ereignisse in seinem Leben fühlt er sich als «Schicksalsloser», als «grauer Peter». Die nächsten Menschen sind ihm seit der Kindheit fremd: Seine Eltern betrachtet er «wie Angehörige eines anderen Volksstamms», mit seinen Freunden redet er «wie mit Fremden», und seiner Frau schaut er «bei den täglichen Verrichtungen zu wie einem Tier, das nicht ihm gehört».
Allerdings ist diese Fremdheit, die das Leben des Protagonisten und seine Beziehungen zu Mitmenschen, zu Tieren und sogar zu Pflanzen bestimmt, keineswegs Gleichgültigkeit, ganz im Gegenteil: Peter beobachtet die eigenartigen Wesen um ihn herum mit wachem Blick und mit bald kritischem, bald wohlwollendem Interesse. Dabei ergeben sich, wie immer in Zschokkes Romanen, wunderbare Stadt-Szenen mit Tieren in Innenhöfen, Menschen in Cafés und U-Bahnen oder Pflanzen auf Häuserbalkons.
Der Lauf der Dinge in Mülhausen
«Évidemment, j’écris toujours le même livre. Puisque personne ne l’a lu, je serais bien sot de me fatiguer à inventer autre chose.» Dieses Zitat von Éric Chevillard steht in kleiner Schrift zuhinterst im Roman. Matthias Zschokkes Werk umfasst, nebst Theaterstücken und Filmen, bereits fünfzehn Bände in Prosa. Bekommen wir in diesem neuen, erstmals im Rotpunktverlag erschienenen Roman einfach mehr der schönen, schrägen, komisch-melancholischen Beobachtungen eines Stadtwanderers in Berlin? Entgegen dem ironischen Schluss-Zitat hat sich der Autor durchaus die Mühe gemacht, etwas anderes zu erfinden. Es taucht in Gestalt eines kleinen Jungen in einer orangen Schwimmweste auf, der Peter im Zug von Strassburg nach Basel begegnet. Durch einen Zufall ergibt es sich, dass der Mann und der Junge namens Zéphyr die Reise nach Basel gemeinsam antreten. Peter begleitet Zéphyr beim Umsteigen in Strassburg und schlägt ihm danach spontan einen Zwischenhalt in Mülhausen vor. Dort führt eine Unwägbarkeit zur anderen und setzt einen «Lauf der Dinge» (wie im gleichnamigen Film von Fischli-Weiss) in Bewegung, bei dem der Mann den Jungen in die Konditorei, ins Kino und ins Restaurant ausführt, und schliesslich die Nacht mit ihm in einem Hotelzimmer verbringt, bevor er am nächsten Tag mit ihm nach Basel weiterreist, wo die Reise mit einem weiteren Schicksalsschlag endet.
Vom Umgang mit Kindern und Konventionen
Ein Mann übernachtet mit einem fremden Jungen im Hotelzimmer und dies, ohne die Familie des Kindes zu informieren (beide haben kein Mobiltelefon). Ist er von allen guten Geistern verlassen? Je länger beschrieben wird, was die beiden in der Stadt und dann im Hotelzimmer unternehmen, desto unbehaglicher wird es nicht nur dem Jungen, sondern auch der Leserin. Nicht, weil sie denkt, der Mann werde dem Kind etwas antun, sondern weil sie annehmen muss, dass er diesen Verdacht auf sich ziehen wird und nur ein schlimmes Ende nehmen kann. Dabei wird klar, wie undenkbar diese Geschichte in unserer sonst so tabulosen Gesellschaft ist: Das Kind gefällt dem fremden Mann. Dieser sieht den Jungen gerne an, berührt ihn gerne und würde ihn am liebsten aufessen, wie er zu Anfang einmal sagt. Er behandelt ihn durchaus fürsorglich, doch mit der ihm eigenen Ungeschicklichkeit – was ein kindgerechter Umgang ist, weiss er nicht oder schert ihn nicht. Er stellt dem Jungen keine Fragen zu seinem Alter, zur Familie oder zur Schule, sondern erzählt Zéphyr, was ihm selbst gerade durch den Kopf geht. Das sind oft Banalitäten wie Betrachtungen über die beste Art, Mandarinen zu schälen, manchmal aber auch brutale Geschichten, die den Jungen zutiefst erschrecken. Dies wird dem Mann einmal kurz bewusst, und er bricht die schrecklichste Szene ab mit einem «das ist ja nun nicht mehr wichtig» – ein Satz, der das Grauen eher mehrt als mindert.
Wer sich mit einem Kind abgibt, wird an die eigene Kindheit erinnert. Peter erzählt Zéphyr von seinem Vater, der ihn erzog, indem er ihm mit dem Gürtel auf den nackten Hintern schlug. Er erzählt dies sachlich und ohne Ressentiment. Der Vater handelte nach einer Konvention, die damals niemand infrage stellte.
Die Erziehung durch körperliche Gewalt ist glücklicherweise im Rückzug, Scham und Angst verschwinden aber nicht aus unserem Leben. Welches sind heutige ungeschriebene Gesetze unserer Gesellschaft? Haben diese Konventionen vielleicht auch ihre schädlichen Auswirkungen? Wie sähe eine Welt aus, in der wir mehr unserem eigenen Empfinden und weniger den gerade gängigen Verhaltenscodes vertrauten? Diese Fragen stellt Der graue Peter auf unerwartete und irritierende Weise.
Unkonventionelles Erzählen
Der nonchalante Umgang mit Konventionen charakterisiert nicht nur den Protagonisten, sondern auch den Erzähler der Geschichte. Wer ist er? Scheint es sich anfangs um eine übergeordnete Instanz zu handeln, entsteht mit der Zeit der Eindruck, es könnte Peter selbst sein. Bisweilen berichtet er in Klammern von zermürbenden Internet-Recherchen zu konkreten Details seiner Erzählung oder fragt sich, ob er einen Aspekt der Geschichte noch weiter ausführen sollte. Allerdings kümmert sich der Erzähler wenig um die Plausibilität der Handlung. Vielmehr geht es um die tieftraurige, aber zuweilen auch lustige Beziehung des Protagonisten zu seinem Bürokollegen und Freund mit dem Spitznamen Prosciutto, zu seiner Frau und zuletzt zum kleinen Zéphyr: drei verschiedene Arten einer Zuneigung trotz des gelegentlichen Unverständnisses auf beiden Seiten. Als witzige Bereicherung des Themas der schwierigen Kommunikation kommt hinzu, dass Peter nicht gut Französisch spricht, in Nancy aber eine Rede auf Französisch halten muss, die er vorbereitet, was zu interessanten Betrachtungen über die Unterschiede zwischen den Sprachen führt. Im Gespräch mit dem kleinen Jungen versucht er immer wieder, französische Entsprechungen für deutsche Ausdrücke zu finden. So fügt das Interesse für die fremde Sprache ein weiteres Motiv zur grundlegenden «Fremdheit» hinzu, die Peters (und nicht nur seinen) Bezug zu den Mitmenschen bestimmt.
Zéphyr saß regungslos am Tisch mit der halb geschälten Mandarine in der Hand. Er schaute Peter an wie einen Verrückten.
»Ich wollte nur etwas Nützliches sagen. Damit du dich später im Leben an mich erinnerst. Man redet so viel überflüssiges Zeug. Und man weiß so wenig. Vor allem keine bleibenden Wahrheiten. Alles entpuppt sich im Leben als falsch. Wahrscheinlich auch das mit dem Mandarinenschälen. Gibst du mir die Hälfte?«
Die Leserin reagiert auf das ungewohnte, seltsame Spiel, das der Erzähler mit ihr treibt, mit Verwunderung und zeitweiligem Befremden, aber auch mit Rührung und Faszination.