Risse in der Realität

Jonas Rippstein über «Wie es endet» von Michèle Minelli

Wie es beginnt, scheint in Wie es endet alles harmonisch: Thierry Schoenaerts, Cutter, nimmt sich mit seiner Frau Vanessa Tanner, einer berühmten Schauspielerin und ihrer gemeinsamen Tochter Evie sowie dem Familienkater Pizza eine Auszeit im Luxushotel Blue Mountain Resort in den Bergen. Sie verbringen die Tage in einem überdimensionalen Chalet samt mongolischer Jurte und allem, was es braucht, um auszuspannen. Trotz der Auszeit kann es Thierry nicht lassen, sich nebst dem gemütlichen Beisammensein seiner Arbeit zu widmen. Der Workaholic wendet sich zwischendurch immer wieder seinem neusten Projekt zu: Theorie von allem, heisst der Film, an dem er zurzeit arbeitet. Er handelt von der Entropie im Universum, also dem Chaos, dem Mass an Unordnung, und der Frage, ob diese in Griff zu bekommen sei.

Thierry ist der Erzähler seiner eigenen Erlebnisse im Resort. Beim Lesen ergibt sich rasch das Gefühl, dass dem Erzählten etwas Merkwürdiges anhaftet: Da ist einerseits die übertriebene Liebe, die er für Vanessa verspürt und immer wieder ausschweifend beschreibt: «Vanessas Körper strahlt Wärme ab. Ich will sie immer so bei mir haben, genauso. Neben mir.» Gleichzeitig objektifiziert und sexualisiert er sie immer wieder in seinen Beobachtungen: «Ich bin mir höchst bewusst, dass unter diesem Kimono eine Haut auf mich wartet, die warm und weich ist und die von einem Netz von Blutgefäßen durchblutet wird. […] Ich kenne Vanessas Pobacken und ihr Fellchen. Ihre Grapefruitbrüste. Ihren gedrechselten Bauchnabel.»

Andererseits beschreibt er ein familiäres Idyll, das viel zu harmonisch ist, um wirklich wahr sein zu können: «Die schlafenden Gesichter meiner Frau und meiner Tochter schimmern namenlos schön. Ich spüre, wie Bestürzung über mich bricht, und ich will nichts lieber und nichts eiliger, als mich zu den beiden unter die Decke und unter weitere Felle verkriechen, will nichts mehr, als bei ihnen geborgen sein.» Das glückliche Kuscheln vor dem Kamin, die Liebe, die die Mitglieder der kleinen Familie füreinander empfinden, das ausgelassene Herumtollen im Schnee – alles wird begleitet von dem Gefühl des «Zu schön um wahr zu sein», und ist durchzogen von kleinen Rissen, die mit jeder neuen Seite grössere Abgründe erahnen lassen.

Der Film Theorie von allem wird im Laufe des Romans zur Metapher für Thierrys Leben: Er möchte alles im Griff haben – ganz im Stile des Protagonisten aus Max Frischs Homo faber. Die chaotische Welt da draussen: eine überbordende Entropie. Er sucht in seinen Gedanken und in seinem Leben nach einer Ordnung, die sich für ihn gleichzeitig als vermeintliche Sicherheit herausstellt. Eine chaotische Welt kann er nicht im Griff haben, eine geordnete hingegen schon. Mit der Zeit werden seine Überlegungen tiefgründiger. Er verliert sich in zahllosen Fragen, zum Beispiel ob ein «Jetzt» überhaupt existieren kann: «Das Jetzt, das einer erlebt, ist sein spezifisches, es gehört ihm allein. Es ist gebunden an ihn, an seinen Ort im Raum. Schon jemand, der nur zwei Meter weit von ihm entfernt steht, sieht dieses Jetzt mit einer zeitlichen Verzögerung.» Seine Reflexionen werfen Fragen auf, die wohl auch den Verlauf seiner persönlichen Geschichte betreffen. So bemerkt er: «Wenn das, was Menschen miteinander erleben, des einen Zukunft und des anderen Vergangenheit ist – was ist es dann wirklich? Künftig? Vergangen?»

Ob etwas wirklich passiert oder nicht, ist auch in den unzähligen sonderbaren Augenblicken unklar, die die Leser:innen zunächst vor Rätsel stellen: Die anderen Hotelgäste schauen Thierry verdutzt an, als er mit seiner Tochter im Schnee spielt. Die Rezeptionistin grüsst seine Frau und die Tochter beim Einchecken nicht. Kursiv geschriebene Sprachfetzen, meist Fragen, wie «Seit wann haben Sie das Gefühl, dass ihnen die Kontrolle entgleitet?», verstärken das Rätsel. Die Falltiefe wird immer ersichtlicher. Als Vanessa und Evie zusammen Ski fahren gehen, macht sich Thierry auf, um Schlitten zu fahren. Diese Szene, in der er die Zeit komplett vergisst und todmüde zum Resort zurückfährt, markiert einen Wendepunkt – es wird offensichtlich: mit Thierry stimmt etwas nicht, ihm entgleitet die Kontrolle.

Ihm selbst wird dies auch bewusst, als er im Schnee nach Pizza sucht, dem Familienkater, den sie heimlich ins Resort geschmuggelt haben, da ihn die Tochter unbedingt mitnehmen wollte: «Hinter meiner Stirn ein Orkan, aber nichts von dem, was ich empfinde, kann ich in Worte fassen. Ich weiß, wie das ausschauen muss, ein halb nackter Mann, einzig mit Sport-Shorts und Sweater bekleidet, der mitten in einer Winternacht in einer veritablen Heimsuchung «Pizza» schreit.» Aussenwahrnehmung und inneres Erleben klaffen auseinander und die Vermutung über ein Unheil verdichtet sich, zumal in Thierrys Bericht auch das strahlende Bild seiner Liebsten auseinanderfällt: «Wenn Vanessa die Beste wäre, bräuchte sie sich nicht von Selbstzweifeln jagen zu lassen, hätte sie nicht immerzu das Gefühl, haarscharf an dem, was wesentlich ist, vorbeizusegeln. Würde ihr Vater sie lieben. Oder sie sich selbst.» Inmitten der Geschehnisse erkennt auch Thierry, das alles anders ist, als er es sich vorgestellt hat: «Und jetzt rollt sich ein langes Zelluloidband vor mir ab, aber in 3D, 4D, als Multiversum in einer gänzlich anderen Dimension, und ich bin ein Teil davon».

Minelli legt mit Wie es endet einen kurzen, intensiven Roman vor, der sich an der Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit bewegt. Die merkwürdigen Augenblicke, die kleinen Verschiebungen in Thierrys Welt und die vielen Fragen, die aufgeworfen werden, ziehen die Lesenden in einen Sog. Die Autorin schafft es zudem, subtile Hinweise über den Ausgang der Erzählung in den Text zu verweben, ohne die Spannung zu schmälern. Und wie es endet, wird hier natürlich nicht verraten - es lässt sich nur noch festhalten, dass Thierry eine schmerzliche Einsicht erfahren muss: «Jegliche Realität zerbröckelt, die Welt, wie ich sie kenne, zerbröselt.»

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