Porträt der Autorin im Gestrüpp

Ruth Gantert über Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger

Ein kleines Mädchen besucht mit seinem Vater eine Alp und sieht dort eine Ziege. Es möchte sie unbedingt aus der Nähe betrachten, und tatsächlich setzt sich das Tier in Bewegung und läuft auf das Mädchen zu, doch nicht nur die Ziege allein, sondern eine ganze Ziegenherde bedrängt und umringt das Kind, das unter dem Ansturm laut zu weinen beginnt, «und viel später noch, als es längst wieder auf dem Rücksitz des Autos sitzt, ist es noch immer erschöpft und fassungslos». – Diese anfangs in der ersten, dann in der dritten Person erzählte Geschichte ist eine Urszene für die Ich-Erzählerin von Aus der Zuckerfabrik: Wie damals als Kind von der Ziegenherde fühlt sie sich jetzt überfordert vom Material ihres entstehenden Buches, das sie, wie sie einmal ihrem Lektor darlegt, nicht als Roman bezeichnen möchte, sondern eher als einen «Recherchebericht».

Worum geht es in dieser Recherche? Die Erzählerin versucht verschiedentlich, zu benennen, was sie beschäftigt: Der Hunger als Verfassung, das Begehren und die Gier, die Eroberung neuer Gebiete. Diese Themenstränge laufen ihrerseits in einer Urszene zusammen, auf die der Text mehrmals zurückkommt: Es handelt sich um eine kurze Sequenz aus einem Film über die Geschichte des ersten Schweizer Lottomillionärs Werner Bruni. Der Sanitärmonteur vertraute den Lottogewinn seinem Chef an, der ihn dazu nötigte, das Geld in einen «Zwölfer», ein zwölf-Parteien-Haus zu investieren, dessen sanitäre Anlagen Bruni selbst installiert hatte. Die Verwaltung der Immobilie überforderte den Arbeiter jedoch, so dass er sie schliesslich verkaufen musste und Konkurs ging. Sein Hab und Gut wurde 1986 in Spiez versteigert. Fasziniert schaut sich die Erzählerin immer wieder an, wie die Holzskulpturen zweier fast nackter, schwarzer Frauen aus Haiti für 35 Franken an den Meistbietenden verschachert werden, unter Gelächter der Anwesenden und mit dem abschliessenden Kommentar des Versteigerers «Dann sind diese alten N---- auch weg da».

Die Episode vereint verschiedene Aspekte der Geschichte und Gegenwart unserer kapitalistischen Gesellschaft, denen die Autorin nachgeht und deren Verbindungen sie aufzeigt: Sexismus, Rassismus und Kolonialismus. Gleichzeitig besiegelt die Gant das Scheitern eines weissen Arbeiters, der in äusserster Armut aufgewachsen war und im Lottospiel auf unpolitische Weise versuchte, seinem Proletarierstatus zu entkommen. Das Lachen der Zuschauer gilt also nicht nur den beiden schwarzen Frauenfiguren, sondern, schadenfreudig oder erleichtert, auch der wiederhergestellten sozialen Hierarchie, in der unten bleibt, wer unten ist. Werner Brunis sprunghafter Aufstieg in eine andere Gesellschaftsschicht ist gründlich missraten, dafür gelang ihm ein «Sprung über den grossen Teich», wie er es in seiner Lebensgeschichte Einmal Millionär und zurück nannte: In Haiti verbrachte er offenbar eine glückliche Zeit als Installateur der sanitären Einrichtungen eines Ferienhauses – und wurde bei seiner Rückkehr, braungebrannt, von Arbeitskollegen als N---- bezeichnet.

Dorothee Elmiger befasst sich mit dem möglichen oder unmöglichen «Sprung über den Spalt» in all seinen Facetten. Es geht der Autorin nicht nur darum, ausbeuterische und unterdrückerische Gesellschaftsformen zu analysieren und zu kritisieren, sondern auch und vor allem um die Frage, ob und wie sich herrschende Ordnungen aufbrechen, bekannte Geschichten umkehren oder «transponieren», literarische Texte wie Max Frischs Montauk oder Kleists Die Verlobung in St. Domingo neu lesen und schreiben lassen. Mit Entdeckergeist geht sie auch unbekannten Episoden nach, wie dem Prozess des Kolonisierungstheoretikers Edmond Gibbon Wakefield, der 1826 eine 15-jährige entführt hatte. Ein wichtiges Thema sind dabei die Geschlechterrollen und insbesondere der Ausdruck des weiblichen Begehrens. Wie sprechen Frauen über ihre Lust, wie verführen sie die geliebte Person? Von den beiden jungen Ausreisserinnen in Chantal Akermans Kurzfilm «J’ai faim, j’ai froid» und der Zuckeresserin in «Je, tu, il, elle» über James Joyces «Eveline» zu Flora Tristan, von Ludwig Binswangers essgestörter Patientin Ellen West über Marie-Luise Kaschnitz’ «Das dicke Kind» bis zur Ekstatikerin Teresa von Ávila wächst eine faszinierende Sammlung weiblichen Lebens- und Liebeshungers.

Dabei meldet sich auch immer wieder die Ich-Erzählerin mit eigenen Liebesgeschichten zu Wort: Mit dem schwarzen F. war sie in den russischen Bädern von Philadelphia und in Montauk, nun ist sie unglücklich verliebt in den blassen, appetitlosen C., dem sie vergebens auserlesene Speisen anbietet und den sie in exotische Gefilde locken möchte – bis sie selbst findet, ihre Verführungsversuche bräuchten eine neue Sprache. Als Autorin fliegt sie zu einer Tagung an die französische Atlantikküste und beschreibt witzig und treffsicher die dortigen Geplänkel. Zu den Erlebnissen der Erzählerin gesellen sich Kindheitserinnerungen, Träume, tagebuchartig notierte Begebenheiten und Beobachtungen, die mit den zitierten Büchern und Filmen und den dokumentierten Lebensgeschichten in ein anregendes Zwiegespräch treten. Die Erzählerin schlüpft in die Rolle einiger Figuren ihrer Textsammlung, nimmt ausgelegte Fäden auf und spinnt sie weiter: Sie ist die Wanderin im Gestrüpp von Montauk, die hungrige Esserin, die Reisende, die Autorin im Gespräch, die Schreibende, die zwischen Müdigkeit und Ekstase schwankt. Sie ist die Psychiatriepatientin:

Ob man mir bis hierher noch folgen oder dies alles als Protokoll eines Wahns, als Material für eine Fallstudie lesen wird, sage ich zu A.: »Patientin träumt, dass sie nachts von Ziegen heimgesucht wird.«

Oder die Glücksspielerin, die sich der Zeichen und Zusammenhänge ihrer Zufallsfunde kaum zu erwehren weiss:

Als stünde ich vor einer slot machine, aus der in einem fort die Münzen kullerten.

Diese selbstironische, persönliche Ebene führt über Dorothee Elmigers erste Bücher, Einladung an die Waghalsigen und Schlafgänger, die ebenfalls mit Welthaltigkeit, politischer Scharfsicht und experimenteller Kombinatorik überzeugen, hinaus und macht die Lektüre zu einem ganz besonderen Genuss.

Von den meist kurzen, zu Collagen montierten Notaten heben sich zwei Textsorten ab: Dialoge in direkter Rede zwischen der Ich-Erzählerin und einer vertrauten Person (möglicherweise die Gespräche, die sie mit C. im Kopf führt), und kursiv gesetzte Erzählpassagen. Erstere bestechen mit einer kunstvollen Mündlichkeit, deren zögernde, widerstrebende Partikel auf die nicht immer einfache Verständigung hinweisen: «Ja, schon», «stimmt schon», «zwar», «na ja», «na gut». Die Kursivpassagen hingegen könnte man mit Zsuzsanna Gahse «Erzählinseln» nennen, sie lassen in ein Geschehen eintauchen, Erlebnisse in der ersten oder dritten Person verfolgen. Diese Erzählfragmente werden immer häufiger gegen Schluss des Buchs, der Werner Brunis Haiti-Aufenthalt feuilletonartig in Fortsetzungen ausgestaltet.

Obwohl die Ich-Figur im Gespräch sagt, sie sei ausserstande zu erzählen, ist Aus der Zuckerfabrik auch ein Buch – durchaus ein moderner Nouveau Roman – über das Entstehen und die Möglichkeit des (weiblichen) Erzählens, sowie eine brillante Reflexion über die Beziehung zwischen Literatur und Leben, die jeder einfach gestrickten Herleitung der einen aus dem anderen den Garaus macht. Berückende Motive aus literarischen Texten wandern auf geheimnisvolle Weise in persönliche Erzählfragmente und wieder zurück: Die «kühlen, hellen Augen» des «dicken Kindes» von Marie-Louise Kaschnitz finden sich in der ersten Begegnung der Autorin mit ihrem Schriftstellerkollegen wieder, mit dem sie zur Tagung fliegt, «helle, kühle Augen» fallen auch am Lottokönig auf, und die Ziegen bedrängen das Kind mit ihren «kühlen, wässrigen Augen».

Die Schreibende hält dem Ziegenansturm stand und legt ihre klug komponierten Sammlungen in fünfzehn mit Ortsangaben betitelten Kapiteln ab. Meisterhaft schliesst sie im letzten Kursivtext die Klammer zum Eingangsdialog, indem sie gemäss ihrem Prinzip der Transposition das Gespräch, diesmal mit einem zufällig getroffenen «Klippenspringer», in ein anderes Register und ein anderes Sprachgebiet übersetzt.

Und der Hunger? – Für die Autorin ist er das «Verlangen nach einer leidenschaftlichen, vielleicht exzessiven Verbundenheit mit der Welt», welches das «Engagement» ausmacht. Aus der Zuckerfabrik ist «littérature engagée», wobei beide Wörter gleich wichtig sind, im besten Sinn.

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