Permanente Verblüffung

Tobias Lambrecht über «Hotel der Zuversicht» von Michael Fehr

Fassen wir zusammen: Eine alte Frau beugt sich zu weit aus dem Fenster und fällt heraus. Einigen weiteren alten Damen ergeht es anschliessend ebenso. Ende. Das ist der Inhalt von Daniil Charms’ (1905-1942) berühmter Erzählung «Die neugierigen alten Frauen». Die Frage liegt nahe: Was soll das?

Literatur ist zu allerhand im Stande, und bei ihren sehr kleinen Formen wird auffallende Kürze oft mit Pointiertheit oder kristalliner Verdichtung erklärt. Insbesondere Kurzprosa wird gern ins Parabolische gedreht, wie Bertolt Brechts Geschichten vom Herrn Keuner. Aber der rein ästhetische Reiz kurzer literarischer Formen liegt oft darin, dass Sprache sich mit abnehmender Länge hinter immer weniger Dingen verstecken kann: nicht hinter Handlungen, nicht hinter genre-typischen Wendungen – auch nicht hinter aphoristischen Pointen, jedenfalls nicht auf Dauer. Sind sie deshalb wesentlicher, unmittelbarer auf die Sprache konzentriert? Fest steht: Kurze Texte haben weniger Zeit und erfordern deshalb mehr Aufmerksamkeit.

Michael Fehrs vierte Buchpublikation Hotel der Zuversicht (2022) ist, bei grosszügiger typographischer Gestaltung, keine 200 Seiten schmal, enthält aber rund vier Dutzend Erzählungen. Keine ist länger als acht oder neun Seiten, viele kürzer als eine. Sie tragen Titel wie «Potremtlek Langtang», «Metereologe Lavendel Wellington» oder «Besuch Hannibal Nagelkants bei den Grosseltern». Es handelt sich nicht um lyrisierte Prosa, die Texte sind, in einem relativ verschrobenen Sinn, erzählerisch und haben Handlungen wie diese: Im titelgebenden «Hotel der Zuversicht» legt sich ein Mann rücklings auf einen Teppich, der aber auch ein Fahrstuhl sein könnte, und fliegt damit in ein Hotelzimmer, das aber auch eine Art futuristisches Traumgebilde ist. Ende. In «Potremtlek Langtang» bestellen drei Wachhunde per Lieferservice Fleisch, nachdem ihr Besitzer gestorben ist. Ende. In «Die Torte» öffnet jemand seinen Verwandten die Haustür. Ende.

Möglich, aber nicht sinnvoll

Inhaltsangaben der Fehr’schen Traumkaleidoskope sind also möglich, aber nicht sinnvoll.
Die Texte scheinen schon dort zu enden, wo andere Erzählungen erst für den Auftakt Atem holen. Stilistisch steht dem eine scheinbar hypergenaue Diktion gegenüber, die auf der Wiederholung bestimmter Vokabeln insistiert, als ob es für gewisse Sachverhalte in gewissen Kontexten keine weiteren Umschreibungen gäbe, oder als ob Dinge bei ausführlicher Beschreibung uninteressant und vage würden. Letzteres trifft etwa auf das dem Horrorfilm Ringu entsprungene Mädchen mit dem von schwarzen Haaren verhangenen Gesicht zu, das ein Ehepaar das Fürchten lehrt – bis sie es erkennen (es ist Sarah, die Nachbarstochter) und das Grauen einer peinlichen Berührtheit weicht. Das hat in seiner sprachlichen Sturheit bisweilen etwas vom französischen nouveau roman, nur mit Witz:

Der Grossvater in einem dunkelroten Morgenrock sitzt auf einem dunkelroten Sofa in einem anderen Zimmer, das sämtlich düster, dunkelrötlich erscheint, weil es mit dunkelroten Samtvorhängen verdunkelt ist, und ist damit beschäftigt, abwechselnd fernzusehen und wegzudämmern und einzunicken. (66)

Diese Prosa fordert eine Art Bekenntnis von der Leserschaft ein: Möchten Sie mitspielen? Falls ja, dann gibt es hier Einiges zu erleben. Fehr präsentiert die Erzählungen in kleinen Portionen und Abschnitten, die innerhalb der kurzen Texte noch einmal eine Untergliederung und damit Sinneinheiten bilden. Nach jedem Abschnitt legt der Text eine Denk- oder Atempause ein, und man möchte das Gegenüber natürlich aussprechen lassen und liest deshalb weiter. Die Szenen bieten jedoch genau das nicht, was Leser:innen gewohntermassen einfordern: eine Pointe, eine Moral, irgendetwas Konkretisierbares, an dem wir unser Vergnügen nach der Lektüre entlangführen können. Fehrs Geschichten verweigern diesem vorgespurten Leseverhalten allerdings nicht avantgardistisch oder widerspenstig den Zugang – die Texte sind im Gegenteil sehr leicht lesbar. Allerdings lassen die nicht erklärten Verhaltensweisen der Figuren, die als selbstverständlich eingeführten Absurditäten und das grotesk Unaufgeregte den Lese-Eindruck entstehen, dass die Geschichten um etwas Unausgesprochenes kreisen, mit dem wir zurückgelassen werden.

Zu erschrocken und überfordert

Dieses dosiert ratlose Zurückbleiben als Prinzip ist Fluch und Segen dieses Verfahrens. Ein Segen deshalb, weil das Durchwandeln der Wunderkammer regelmässig verblüfft. Hinter jedem Satz, jedem Abschnitt, wartet eine potenzielle Überraschung, etwas sprachlich Unvorhergesehenes. Symptomatisch für dieses Alleingelassenwerden sind gleich mehrere Texte, in denen eine Figur daran scheitert, ein Geheimnis aufzudecken oder eine Aufgabe zu lösen: «Mit verbissenem Gesicht muss der Mann sich eingestehen, dass er zu erschrocken und überfordert ist, um das Problem des Zoos zu lösen» (154) ist ein letzter Satz dieser Art. In «Die Verfolgung des verdächtigen Seiltänzers» verfolgt ein Polizist einen Seiltänzer. Das gestaltet sich schwierig. Denn nicht nur kann der Seiltänzer als solcher Objekte überqueren, die dem Polizisten unzugänglich sind. Der Seiltänzer ist zudem auch noch zweidimensional, direkt von vorne betrachtet also unsichtbar. Der Polizist gibt auf. Verräterisch ist der erste Satz der amputierten Big-City-Crime-Story: «Er wollte Polizist werden, um den Tatsachen ins Auge zu sehen» (158). Geschlossenheit und Sinnstiftung werden hier parodierend unterlaufen, das Lesevergnügen stammt eher von der eingeschworenen Komplizenschaft, die man beim Lesen mit dem Text eingeht: Dieser Polizist wird zwar als hartgesottener Problemlöser eingeführt, wir verweigern ihm aber die genretypische Aufklärung. Zweidimensionalen Ganoven kommt man ohne Perspektivenwechsel nicht bei. Polanskis Film Chinatown (1974) braucht dafür zwei Stunden, Fehr ungefähr so viele Seiten.

Direkt nach dem Aufwachen

Bei rund fünfzig einzelnen Erzählungen werden natürlich nicht alle auf dem gleichen Niveau überraschen und faszinieren. Wer könnte schon über zweihundert Seiten einen konstanten Modus des Staunens aufrechterhalten, ohne müde und missmutig zu werden? Dieses Gefühl ist auf Begrenzung ausgerichtet. Die vielen kleinen Spiegelkabinette dieses Buches sollten am besten mit Abstandspausen besucht werden, deshalb lautet der Beipackzettel: Jeden Tag eine Geschichte, direkt nach dem Aufwachen.

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