Ordnung ins Leben bringen

Ladina Caduff über «Für immer alles» von Jeannette Hunziker

«Das Traurige bleibt nicht für immer traurig.» So heisst es an einer Stelle gegen Ende des 2024 im Lenos Verlag erschienenen Debütromans Für immer alles der Berner Schriftstellerin Jeannette Hunziker. Es klingt wie ein stilles Versprechen der Ich-Erzählerin gegenüber sich selbst, eine leise Hoffnung, die wie ein Samen zwischen den Zeilen von Für immer alles keimt und sich zögerlich gegen das Gewicht des Traurigen stemmt. Das Traurige, von dem hier die Rede ist, reicht tiefer als der blosse plötzliche Tod des Vaters, von dem die Ich-Erzählerin zu Beginn dieses Romans erfährt. Es liegt wie ein Schleier über dem Text und kommt in verschiedenen Formen zum Vorschein.

Als einzige Tochter sieht sich die Erzählerin mit der Organisation der Beerdigung ihres Vaters und der Räumung seiner Wohnung konfrontiert, obwohl sie schon seit mehreren Jahren keinen Kontakt mehr zu ihm hatte. Sie nimmt diesen Umstand nicht nur zum Anlass, sich an ihren Vater, an die Erlebnisse als Familie und ihre Kindheit zu erinnern. Die Rückschau auf das bisherige Leben wird gleichzeitig auch zum Versuch, die eigenen Bruchstellen zu begreifen, sich selbst näherzukommen und schreibend Ordnung in das eigene Leben zu bringen.

Mit zwölf Jahren erfährt die Erzählerin, dass sie mittels einer Samenspende gezeugt wurde und ihr Vater somit nicht ihr biologischer Vater ist. Als die Eltern es ihr eröffnen, hält sie sich wegen ihrer Magersucht in einer Klinik auf. Mit ihrer Sucht ist sie nicht alleine; ihr sozialer Vater war bis zu seinem Lebensende alkoholkrank. Als «Fortsetzung von Vaters Sucht» beschreibt die Protagonistin ihre eigene Krankheit, doch erfahren wir nicht wirklich, wie es zu ihrer Erkrankung kam.

In Für immer alles wird die Geschichte nicht linear erzählt, und es entfaltet sich keine traditionelle Handlungsstruktur. Vielmehr begegnen wir einem Text, der Erinnerungen Revue passieren lässt, der Lücken ergründen will und nach Erklärungen sucht. Hunziker nimmt die Lesenden mit auf eine Reise durch ihre Gedankenwelt, in ihr Inneres. Dabei fehlt es dem Roman jedoch mitunter an Spannung. Die einzelnen Textpassagen sind unterschiedlicher Natur: Manchmal wirken sie wie Tagebucheinträge, dann sind sie wieder protokollartig, und gelegentlich erinnern sie an Manuskriptfragmente, wenn da Sätze wie etwa «etwas über Einsamkeit sagen» stehen. Es ist nicht nur ein Hinweis auf Ungesagtes - und davon gibt es hier viel -, sondern auch eine Inszenierung der Unvollständigkeit des Textes, der selbst noch nach der richtigen Form sucht. In diesem Prozess des Suchens geht es nicht nur darum, dem Vater ein weiteres Mal nahezukommen, in der Wohnung auf Gegenstände zu stossen, die sie noch nicht kannte, sondern auch der eigenen Identität auf den Grund zu gehen.

In Roland Barthes’ Fragmente eine Sprache der Liebe heisst es: «Diese sprachliche Inszenierung hält den Tod des Anderen fern.» Die Entfremdung, die in den letzten Jahren zwischen Vater und Tochter entstanden ist und die im Tod des Vaters seine Endgültigkeit findet, überwindet die Ich-Erzählerin mit ihren Erinnerungen. Sie nähert sich ihm schreibend nochmals an, beinahe liebevoll, wenn sie von gemeinsamen Reisen erzählt. Doch vor allem ist ihr Schreiben von einer Suche geprägt – einer Suche nach Liebe und Geborgenheit in diesem Leben. So mäandriert die Erzählerin zwischen Vergangenheit und Gegenwart und wirft subtil die Frage auf, was uns zu den Menschen macht, die wir sind, und wie Freiheit überhaupt möglich ist. Doch diese fundamentale Frage bleibt unergründet, was bei einem solch weiten Feld wenig erstaunt. So wirft auch der pathetisch anmutende Titel Für immer alles mehr Fragen auf, als der Roman Antworten gibt.

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