Unter dem Begriff «Neue Subjektivität» entstand in den 1970er Jahren eine literarische Richtung, die einen Gegentrend zur politisch engagierten Literatur der 68er-Generation bildete. Einer ihrer frühen Vertreter war – nebst Nicolas Born oder Rolf Dieter Brinkmann – der Dichter und Erzähler Jürgen Theobaldy. Sein Gedichtband Blaue Flecken fing schon im Titel eine Gefühlslage ein, die zwischen Schmerz und Utopie schwankte. In einem Aufsatz mit dem Titel «Das Gedicht im Handgemenge» hielt er programmatisch fest: „«Der Lyriker setzt seine Person ein, legt die sinnlich erfahrbaren Nöte offen, auch als Voraussetzung für gesellschaftliche Umwälzungen». Der jüngst von ihm erschienene Auswahlband Nun wird es hell und du gehst raus, eine Auswahl aus seinen insgesamt 16 Gedichtbänden, lässt noch immer den frischen, frechen Ton dieser Lyrik erahnen, mit dem damals ein neues Lebensgefühl festgehalten wurde. Zum Beispiel «Speziell für dich»:
Weil du gern Pflaumenmus magst
habe ich heute Pflaumenmus gekauft
Ich nahm mir ein Herz
trat hinein in den Delikatessenladen
und kaufte 'Pflaumenmus – Pflückfrisch'
O komm vorbei! (…)
Das Einbrechen des Alltags ins Poetische klingt banal und hat gerade deshalb Aufsehen erregt. Die «Neue Subjektivität» sollte indes nicht mit einer unpolitischen Haltung verwechselt werden. Vielmehr suchte die neue Generation eine Balance zwischen subjektiver Achtsamkeit und Engagement für die Welt. In den zwei folgenden Bänden Zweiter Klasse (1976) und Schwere Erde, Rauch (1980) bestätigte Theobaldy diesen mitunter als banal empfundenen Zugang zur Lyrik.
Allein: «Wer immer wir sind / wir sind es nicht immer». Die Gedichte Theobaldys haben sich seither gewandelt, ohne aber die angesprochene Balance aufzugeben. Aus einer subjektiven Optik ist es auf zurückhaltende Weise politisch geblieben, beispielsweise in «Fernsehen» angesichts des Infernos von 9/11.
Was konnten sie einander sagen
jene zwei am offenen Fenster,
bevor sie Hand in Hand
vom brennenden Tower sprangen?
Formal neigt Theobaldy, der viele Jahre als Parlamentsschreiber im Bundeshaus wirkte, zu kompakten lyrischen Formen: mit langen Zeilen und oft ohne Strophenstruktur. Er hält seine Beobachtungen «durch Verdichtungen» fest, wie Helmut Böttiger im Nachwort schreibt, «die fast ans Hermetische grenzen». Diesen Eindruck bestätigen die Gedichte der späten Phase, die zunehmend auch von der japanischen Lyrik geprägt sind. In ihnen klingt immer stärker, mit fortschreitender Lebenszeit, eine leise Trauer an. Der vorliegende Band fängt diese poetische Bewegung mit gut 200 Gedichten aus fünfzig Jahren ein.
Aus: «Mit der Zeit, gegen die Zeit. Gedichte von Sibylle Berg, Franz Dodel, Jürgen Theobaldy, Rudolf Bussmann und Leonor Gnos.» Ein Fokus von Beat Mazenauer, 20.01.2025.