Mord im Kunstmuseum

Beat Mazenauer über «Wilde Tiere» von Markus Bundi

Mord im Museum! Eine Tote in der Herrentoilette! Solche Schlagzeilen wecken die Erwartung auf einen Kriminalfall mit verzwickten Wendungen – zumal es sich beim Opfer um die Direktorin des Museums handeln soll, wie gemunkelt wird. Dies ist die Ausgangslage im Roman Wilde Tiere. Der Titel suggeriert Mord und Totschlag, einen Krimi hat Markus Bundi dennoch nicht geschrieben, was nicht zum Nachteil seines Buchs gereicht.

Im Museum herrscht Aufregung, seit zeitig am Morgen eine Kommissarin und ihr Ermittlungsteam in den Hallen der Kunst aufgetaucht sind. Flüsternd, raunend halten die Angestellten des Museums einander mit angeblichen Fakten und möglichen Motiven auf dem Laufenden. Vor allem der alte Wärter scheint mehr zu wissen, womit er gerne die anderen ins Vertrauen zieht, unter ihnen Hanni, die Putze, und den Dauergast Assinger, der jeweils donnerstags das Museum besucht. Diese drei Personen erzählen abwechslungsweise in lockerer Rede, was sie beobachten und welche Mutmassungen sie anstellen.

Der achtzigjährige Assinger ist ein spezieller Kauz, der sich am liebsten vor ein Bild von Hieronymus Bosch oder vor Kollers «Gotthardpost» stellt und dabei ins Räsonieren gerät. Ihn fasziniert die Angst des verirrten Kalbs vor den schnaubenden Pferden. Trotz dieses Furors ist Kollers Bild nicht Teil der Sonderausstellung «Wilde Tiere», die dem Roman den Titel verliehen hat. Assinger gefällt sich darin, kluge Dinge über Kunst zusammenzureimen und vom einen ins andere zu schweifen. Ebenso gern plaudert er über die Angestellten des Museums, seinen Vertrauten, den alten Wärter, oder Hanni, von der er nicht ahnt, dass sie mehr über sein Privatleben und sein verstaubtes Zuhause weiss, als ihm lieb ist. Assingers Ex-Frau hatte sie vor Zeiten als Putzhilfe angestellt, wodurch sie Einblick in den Haushalt des einstigen Buchrestaurators erhielt. Wie nicht anders zu vermuten, plaudert auch Hanni gern aus dem Nähkästchen und gibt freimütig ihr fundiertes Wissen über das Putzwesen zum Besten. Speziell über den alten Wärter lästert sie gern, wenn sich dieser wieder einmal in die chaotische Abstellkammer zurückzieht und mit stierem Blick über irgendwelchen Dokumenten hockt. So trifft sie ihn dort an, wenn sie neues Putzmittel benötigt. Doch sie ahnt nichts von dem Geheimnis, das der Wärter auch vor ihr bewahrt: Er hat einen echten Lucien Freud auf dem Tisch stehen, ein Porträt von Franics Bacon aus der Berliner Nationalgalerie. Es war leicht, ihn abzuhängen, nur gewusst wie.

So haben alle drei ihre Geheimnisse, die sie voreinander verschweigen, doch bereitwillig den Leser:innen mitteilen. Markus Bundi gibt ihnen wechselweise das Wort. Ihr munterer, zur Geschwätzigkeit neigender Plauderton gleicht sich zwar stilistisch, umso ausgeprägter charakterisieren sich die drei Figuren dafür mit ihren Themen, die sie vortragen. Jedes der zwölf Kapitel hält jeweils eine kleine Neuigkeit bereit: kluge Putztricks von Hanni, kunstkriminalistische Vermutungen von Assinger oder die Erinnerungen des Wärters an eine legendäre Kunstaktion vor Jahren zur Rettung des Museums. Die drei Stimmen verhalten sich oft wie Schnitt und Gegenschnitt, Beobachtung und Beobachtung der Beobachtung. So ergänzen sie einander, ohne freilich das durch einen angeblichen Mord belastete Gesamtbild wirklich zu komplettieren. Auf je eigene Weise pflegen sie eine angeregte kommunikative Sprunghaftigkeit, die bis zuletzt etwas rätselhaft Unaufgelöstes, eine kleine Unehrlichkeit beibehält. Ob dies mit dem Kriminalfall zu tun hat, weil alle drei damit kokettieren, in den Kreis der Verdächtigen zu gehören? Möglich wäre es, zuletzt aber ist dennoch alles Schall und Rauch.

Markus Bundi bezeugt mit diesem kurzen und stimmigen Roman einmal mehr, dass er jederzeit für überraschende Dramaturgien, gewitzte Beobachtungen und eine ausgesprochen kluge Erzählökonomie gut ist.

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