Literarische Sensibilität
Verena Bühler über «Sommerschatten» von Urs Faes
Im «Vademecum», das dem Roman vorangestellt ist, beschreibt Faes, wie Lesende und Schreibende im Hof und in der Bibliothek eines Klosters an Tischen sitzen und wie seine Hauptfigur sich ihnen anschliesst: «[E]r setzt sich nach hinten, hält fest das Land und den Ort: einer, der ein Beschreiber ist.»
Dieser Gestus des aus dem Hintergrund Schauenden und Beschreibenden entspricht der Erzählhaltung von Urs Faes’ Protagonisten, eines älteren Feuilleton-Journalisten, der seit einigen Jahren mit der Cellistin Ina liiert ist. Sie reist in ihrer Freizeit gerne allein und ist eine leidenschaftliche Freitaucherin. Er wohnt in Strassburg, einer Stadt, die er liebt, wegen der Bürgerhäuser mit ihren steilen Giebeldächern und wegen des Lichts, das den Ort so hell macht und ihm eine südliche Wärme verleiht. Ausserdem zieht er sich oft in seine «Klause» zurück, eine Rebhütte mit Blick auf die Vogesen und in der Nähe eines Friedhofs.
Faes’ Protagonist ist nicht nur in Bezug auf seinen Wohnort und die Landschaften des Elsass ein Romantiker. Als die Nachricht über ihn hereinbricht, dass seine Freundin nach einem Tauchunfall im Koma liegt und es nicht sicher ist, ob sie überleben wird, ist das der Auslöser, über sie, über sich und über ihre Beziehung nachzudenken. Um ihr Leben bangend hält er Rückschau, erinnert sich an Details, überlegt, ob etwas auf einen bevorstehenden Unfall, auf unvernünftigen Wagemut, gar eine Todessehnsucht hingedeutet haben könnte. Es entsteht das Bild einer Beziehung, in der die Sprache eine zentrale Rolle spielt. Bevor sie sich trafen, schrieben sie sich Briefe, wenn Ina allein auf Reisen geht, schreibt sie ihm ihre Eindrücke von unterwegs. Diese Nachrichten sind von einer romantischen Sinnlichkeit, wie man sie eher mit der Empfindsamkeit junger Menschen in einer ziemlich weit zurückliegenden Epoche in Verbindung bringt als mit älteren Personen von heute: «Liebster, der Nachtwind durchkämmt das Gras, greift ins Haar und vernebelt die Sicht.» Aus dem Kontext gerissen erweisen sich solche Äusserungen als Kitsch, im Zusammenhang des Romans passen sie insofern, als sich da offenbar zwei verwandte Seelen getroffen haben: Er liebt das Märchenhafte in ihrem Erzählen, ihre Schritte scheinen ihm die einer Fee zu sein und durchs Wasser gleitet sie wie eine Nymphe.
Überzeugender wirkt der Roman, wenn Faes in den Erinnerungen der schreibenden Hauptfigur die beiden Persönlichkeiten und ihre Beziehung hervortreten lässt. Vor allem er ist an einer persönlichen Begegnung lange nicht interessiert, mit Blick auf die «Liebestrümmergeschichten», die sein Leben bis dahin geprägt hatten. Ihm würde die Brieffreundschaft genügen. Der Ich-Erzähler, der manchmal von sich auch in der dritten Person schreibt, ist ängstlich, scheu, verletzlich. Unterschiede werden deutlich in ihrem Umgang mit der Existenz und ihrer Vergänglichkeit. Während Ina in ihren äusseren Aktivitäten auf der Suche ist nach den Grenzen des menschlichen Lebens, kehrt er sich eher ab von der Welt und findet es beruhigend, auf Friedhöfen spazieren zu gehen, wo er ebenfalls mit der Vergänglichkeit konfrontiert ist und die Schönheit der Blumen auf den Gräbern geniesst.
Bedeutungsschwere geben diesen beiden Leben neben den kunstvollen Beschreibungen und den mythischen Anspielungen auch die literarischen und künstlerischen Überhöhungen. Ina träumt davon, in 80 Tagen um die Welt zu reisen; letztes Jahr gingen sie ins «Gebirg», um einen Weihnachtsbaum zu holen; oder er erinnert sich, wie sie einst gemeinsam ein Bild von Vermeer betrachtet haben.
Die feinfühligen Wahrnehmungen der Persönlichkeiten und ihrer Beziehung blenden jegliche Bezüge zu einer gesellschaftlichen oder gar politischen Realität aus. Die Frage, inwieweit Inas Tauchlehrer, der sie begleitete, Schuld ist an ihrem Unfall, interessiert den Autor ebenfalls nicht. Dieses Weglassen trägt zur Konzentration auf das Essentielle und Existentielle bei. Neben den beiden Hauptfiguren tritt allerdings noch die Ärztin in Erscheinung, die versucht, Ina ins Leben zurückzuholen. Ihre Interventionen gliedern die spärlich gehaltene Handlung. Ferner gibt es eine Reihe von Freundinnen und Arbeitskolleginnen von Ina und den einzigen Bruder, der noch am Leben ist und einige Wochen nach dem Unfall aus Kanada anreist. Sie wechseln sich ab mit Sitzwachen in der Nacht, bis Ina Anfang Januar zum ersten Mal ein Augenlid und ihre Lippen bewegt.
Der Roman lebt von seinen detail- und wortreichen Beschreibungen. Sie sind kunstvoll formuliert, innig gefühlt und von einer literarischen Sensibilität, wie es sie heute nicht mehr oft gibt. Deshalb handelt es sich, trotz einiger aus der Mode geratener literarischer Mittel durchaus um eine lohnende Lektüre.