Lehrstück der Zivilcourage

Beat Mazenauer über «Wie ein Mann nichts tat und so die Welt rettete» von Lukas Maisel

Die Heldentat von Stanislaw Petrow (1939-2017) ist gut dokumentiert. Am 26. September 1983 verrichtete er als leitender Offizier seinen Dienst in der Kommandozentrale der sowjetischen Satellitenüberwachung, als ein Alarm losging. Satellitenbilder zeigten, dass in den USA eine atomar bestückte Interkontinentalrakete, und später noch vier weitere, gezündet worden waren. Zwanzig Minuten blieben Petrow, um den Befehl zur Gegenreaktion auszulösen. Er kontrollierte die Computerdaten, holte weitere Informationen ein, um schliesslich, trotz unklarer Sachlage, den Alarm als Fehlalarm einzustufen. Er sollte damit Recht behalten und die Welt vor dem Super-Gau bewahren.

In seinem schmalen Roman Wie ein Mann nichts tat und so die Welt rettete erzählt Lukas Maisel diese Geschichte nach. In kurzen Kapiteln stellt er Petrow kurz als Kind, dann als Ehemann und Familienvater vor, um schliesslich das Geschehen an jenem Abend des 26. Septembers akkurat auszuleuchten. Der Alarm bricht unverhofft ein in das ansonsten träge Einerlei der Kommandozentrale und löst sogleich hektische Betriebsamkeit aus. Die Order ist klar. Der leitende Offizier prüft die eingehenden Daten und leitet den Alarm unverzüglich weiter ans Staatsoberhaupt, in dem Fall an den greisen Juri Andropow. Petrow kannte die Vorschrift, doch er zögerte damit, eine womöglich folgenschwere Entscheidung zu treffen. So real der Alarm war, das «Unberechenbare in seinem Herzen sagte Petrow jetzt, dass irgendetwas nicht stimmte» und dass er nicht der Auslöser eines dritten Weltkriegs sein wollte. «Das war der entscheidende Gedanke.»

Stanislaw Petrow leistete Widerstand gegen das reibungslose Funktionieren als willen- und gewissenloses Rad im Getriebe, indem er innehält und abwägt, was auf eine mögliche Fehlfunktion hindeuten könnte. Macht es zum Beispiel Sinn, dass die Amerikaner für einen atomaren Überfall lediglich fünf Raketen zünden? Und warum erscheinen diese Raketen auf dem Satellitenbild, später aber nicht auf dem Radar? Schliesslich gab Petrow Entwarnung – und lag damit richtig.

Lukas Maisel konzentriert sich auf dieses Geschehen in der Kommandozentrale und darauf, mit welcher Sorgfalt Petrow unter Druck handelt, während ringsum Hektik herrscht und alle auf einen Entscheid von ihm warten, der verhängnisvoll sein könnte, wenn er nicht mit der realen Lage übereinstimmt. Petrow selbst schätzte die Chance «fifty-fifty» ein. Indem Maisel mit sachlicher Unaufgeregtheit und ohne abzuschweifen erzählt, verleiht er seinem Roman den Charakter eines «Lehrstücks». Um 1930 hat Brecht in seinen Überlegungen dazu notiert, dass die Differenz zwischen Zuschauen und Handeln überwunden werde, wenn das Gewissen ans Handeln gebunden sei. Petrow will kein blosser Zuschauer und Dienstempfänger sein, sondern ein Handelnder, auch wenn sein Handeln im Endeffekt in einem Nicht-Handeln besteht, mit dem er die Welt verändert, indem er sie nicht verändert. Leitlinie dabei bleibt das Gewissen, das sich als «ein Unberechenbares in seinem Herzen» manifestiert. Ihm vertraut er aus eigener Verantwortung und auf eigene Verantwortung.

Maisels zurückhaltende Erzählung gibt die Frage nach der Zivilcourage und dem Mut in kniffligen Situationen gleichsam zurück an die Leser und Leserinnen. Courage ist die innere Kraft, das Gebotene zu tun. Wie würden wir in einer solchen Lage agieren, wie viel Mut brächten wir auf, um dem immensen Druck zu widerstehen? Keine leichte Frage, speziell angesichts der gegenwärtigen Unlust, abzuwarten und abzuwägen ー wer könnte da dem Zwang zu voreiligem Reagieren widerstehen?

Zivilcourage und Nachdenklichkeit haben Stanislaw Petrow allerdings nicht geholfen. Aus ihm wurde kein Held, sondern ein Sündenbock für die Fehler im sowjetischen Satellitensystem. Nur das stille Glück darüber, dass er von «Null Uhr fünfzehn bis Null Uhr zweiunddreissig» gegen die Zerstörung der Welt entschieden hatte, konnte ihm niemand nehmen. «Er entschied sich zu glauben, dass jeder andere an seiner Stelle gleich gehandelt hätte. Nur so würde er seinen Verstand behalten.»

Erst 1992, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, kam der Vorfall ans Licht und erhielt Petrow die ihm gebührende Anerkennung.

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