Kunstvolles Spiel mit Perspektiven

Ladina Caduff über «Lautlos» von Regula Bigler

Man kennt sie, die Geschichten über die Liebe. Die Weltliteratur bietet uns allerhand Romane darüber. Herzerschütternde Tragik und Konfliktgetriebenheit machen diese meistens erst lesenswert. Glückliche Lieben hingegen geben zu wenig (Zünd-)stoff für eine gute Geschichte her. In einem ironischen Gedicht der polnischen Lyrikerin Wisława Szymborska mit dem Titel «Glückliche Liebe» thematisiert das lyrische Ich den Nutzen einer solchen Liebe: «Glückliche Liebe. Ist das normal,/ ernst zu nehmen oder gar nützlich – / was hat die Welt von zwei Menschen,/ die blind sind für die Welt?»

Regula Biglers Novelle Lautlos (Königshausen & Neuman) handelt von einer unglücklichen Liebe und beginnt (genau wie Peter Stamms Agnes) mit einem tragischen ersten Satz, der Erwartungen schürt: «Marek ist tot.» Sogleich erfahren wir, dass Clara, die Hauptfigur, ihren Partner Marek getötet hat. Wie es dazugekommen ist, erzählt Clara ihren drei Freunden am letzten Abend im Ferienhaus, wohin sich diese während des Pandemie-Lockdowns gemeinsam für zehn Tage zurückgezogen haben. Aus der Perspektive eines der Freunde, der namenlos bleibt, wird rückblickend erzählt, wie Clara an jenem Abend davon berichtete, wie es zu dieser Tragödie kam. Gleich einem analytischen Drama offenbart sich uns auf folgenden Seiten eine Geschichte über eine unglückliche und gründlich gescheiterte Liebe.

Marek und Clara lernen sich über eine Nachbarin kennen und gehen nach ein paar Treffen eine Beziehung ein: «Eine unspektakuläre Geschichte», wie sie selbst den Anfang ihres Verhältnisses bezeichnet. Wir erfahren, dass es «keine harmonische Beziehung» war, «meist in kaum erträglicher Disharmonie». Die wenigen schönen Momente werden überschattet von Affären, Streitereien, mangelnder Nähe und divergierenden Interessen.

Statt sich zu trennen, flieht das ungleiche Paar immer wieder in den Urlaub, in der Hoffnung, in einer anderen Umgebung doch noch zueinanderzufinden. Wir folgen Marek und Clara in ihre Ferien, auf lange Spaziergänge entlang den englischen Klippen, wo sie sich zwar näherkommen, die Befremdung aber bleibt. Beim Baden im Meer in Frankreich malen sie «Lust- und Luftschlösser» in den Sand und kommen auf die Idee, sich Notizen zu hinterlassen, um einander schriftlich mitzuteilen, was sie sich nicht sagen können. Diese liest Clara im Ferienhaus ihren Freunden vor, als sie von ihrer Beziehung erzählt (denn ganz per Zufall hat sie alle Notizen von Marek in einem Umschlag mitgenommen). Je mehr man über diese Beziehung und das Liebespaar erfährt, desto unsympathischer werden die beiden Protagonisten. Man fragt sich ständig, weshalb dieses Paar noch zusammenbleibt. «Genauso wenig, wie wir miteinander sein konnten, konnten wir ohneeinander sein», lautet Claras Erklärung.

Es geht in dieser Geschichte nicht um ein Paar, das sich auseinanderlebt, sondern um ein Paar, das von Anfang an zu verschieden war, um ein Liebespaar zu werden. Die Figuren entwickeln sich nicht. Daran scheint Clara zu verzweifeln, sodass der einzige Ausweg aus der Beziehung der Todesstoss an der ligurischen Küste ist, der den Dreh- und Angelpunkt der Novelle darstellt, zugleich aber die Geschichte selbst um ihren Plot bringt. Der Mord setzt der Geschichte ein Ende. Aber hat Clara Marek wirklich die Klippe hinuntergestossen?

«Wir waren alle betrunken. Deshalb konnten wir nicht sicher beurteilen, ob diese Geschichte wahr sein konnte. Hatten wir alle die gleiche Geschichte gehört?», fragt sich der Erzähler. In Claras Erzählung finden wir zwar eine stringente Handlung, man fühlt sich aber gezwungen, den Sachverhalt zu hinterfragen. Die Polizei schenkte ihrem Mordgeständnis damals keinen Glauben. Eine Leiche wurde ebenfalls nie gefunden.

So wird schnell klar, dass die Liebesgeschichte nicht das eigentliche Thema dieser Novelle ist. Im Vordergrund steht das Erzählen selbst und dessen Funktion für die Verarbeitung eines Erlebnisses, die Frage nach Erinnerung, nach unterschiedlichen Perspektiven. All dies verhandelt die Novelle auf einer Metaebene. Es entsteht ein kunstvolles Spiel mit verschiedenen Perspektiven, das die Lesenden hinters Licht führt. Etwas forciert wirkt dabei die Bezugnahme auf aktuelle Themen wie die Klimakatastrophe oder die Pandemie. Auch das wiederholte Auftreten eines Hundes als Leitmotiv der Novelle wird etwas überstrapaziert.

Am Ende erweist sich der Todesstoss nicht als die «unerhörte Begebenheit», sondern er erfährt einen zusätzlichen, unerwarteten Twist, der einen etwas ratlos zurücklässt. Es bleibt die Geschichte einer zwar tragischen, aber dennoch etwas ereignislosen Liebe, eine Geschichte, die von ihrem Spiel mit der Metaebene des Erzählens lebt.

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