Klopfzeichen im Kopf
Beat Mazenauer über Eins im Andern von Monique Schwitter
«Die Liebe sucht man sich nicht aus», schreibt Monique Schwitter in ihrem neuen Roman. Die Grossmutter der Erzählerin hat ihr diesen Satz eingeflüstert. Er mag altbacken klingen, seiner Wahrheit ist dennoch nicht zu entkommen. Schon gar nicht im Zeitalter der digitalen Paarvermittlung. Je mehr sich die Erzählerin dessen gewahr wird, umso stärker treibt es sie dazu, sich all ihrer Lieben schreibend zu vergewissern. Zwölf Erinnerungen nehmen Gestalt an, zwölf Kapitel, die jedes einen der zwölf Apostel zum Patron hat. Daraus ergibt sich «Eins im Andern»: ein hinreissender Reigen, in dem es um die Liebe und zuletzt um alles geht.
Die Ich-Erzählerin vernimmt Klopfzeichen im Kopf. Wie Morsezeichen, Schläge unter der Schädeldecke, deren Sinn verborgenen bleibt. «Wenn man plötzlich nach der ersten Liebe googelt, ist das eine Reaktion auf die Klopfgeräusche». Petrus hiess dieser erste, auf den sie ihre Liebe baute, vor zwanzig Jahren im Albulatal, als sie gemeinsam durch den Schnee stapfend ein Beinhaus besuchten. Die Suche im Internet hat überraschenderweise Erfolg – und im Kopf klopft es weiter. Petrus ist vor fünf Jahren aus dem achten Stock gesprungen – und geflogen. «Wie kann einen die Nachricht vom Tod eines Menschen so treffen, den man jahrelang nicht vermisst hat», beunruhigt sich die Erzählerin. Deshalb gibt sie den Namen von Petrus' Bruder Andreas ein – auch wenn er anders heisst. Und öffnet ein neues Textdokument, um es mit Worten zu füllen. Nach Andreas ist die Reihe an Jakob und Johannes. Der Reigen setzt sich in neuen Dokumenten fort, zwischendurch auch auf einem weissen Papier, wenn kein Gerät zur Hand ist. Eine Erinnerung reiht sich an die nächste, insgesamt elf Apostel lang bis zum letzten, der nicht Judas heisst, sondern nur «Du».
Monique Schwitters Roman sucht Eins im Andern und lässt ihre Erzählerin schliesslich zum geheimen Kern ihres Liebens finden. Die persönliche Apostelgeschichte erzählt von Treue und Glauben, und von Lügen und Zweifeln. Dabei ringt sie förmlich um ihre Erinnerungen. Sie sucht einen Raum für sich selbst, sie versucht sich abzugrenzen von der alltäglichen Belagerung durch zwei Kinder, einen Hund und einen Mann, der für seine Spielsucht sogar das Sparkonto der Kinder geplündert hat. Dieser Philipp, der siebte in der Reihe, hat wie im Johannesevangelium einen treuen Freund namens Nathanael. Nathanael ist auch der Freund der Ich-Erzählerin, aber kein Liebhaber. Mit ihm macht sie sich auf die Suche nach einem Grab für seine Eltern, die im Wald unter einem Baum zur Ruhe gebettet werden möchten. Nathanael mag keinen Menschen mehr lieben, und ist doch der liebenswerteste Kerl. Seine Episode mit dem Titel «Scheinpaar» hat die Autorin anlässlich des Ingeborg Bachmannpreises 2015 in Klagenfurt vorgelesen. Sie demonstriert beispielhaft die stilistischen Subtilitäten ihres Buches.
Eins im Andern erzählt von der Liebe in vielerlei Schattierungen und Facetten. Der Buchumschlag gibt ein Bildnis der Maria mit unbeflecktem Herzen wieder, das für die Reinheit und Heiligkeit der (inneren) Liebe steht. In ihm gibt sich insgeheim auch die Erzählerin zu erkennen. «Die Liebe sucht man sich nicht aus», sie ereilt einen. So trotzt sie dem nervenaufreibenden Alltag eine Reihe von Porträts ab, die mit Charme und Leichtigkeit von Herzensangelegenheiten handeln, ohne zu vergessen, dass es dabei stets auch um den Tod geht. Sie zwingt ihre Figuren nie, alles auszuplaudern, sondern lässt sie abschweifen oder schweigen. Sie entstehen in ihrem Kopf und nehmen während des Erzählens Gestalt an. Mit dem Erinnern einher geht das Schreiben, das die Erzählerin beständig selbst reflektiert. Beides hebt sich gegenseitig auf, um am Ende Eins aus dem Andern diesen verblüffenden apostolischen Liebesreigen zu formen.
Monique Schwitter zieht darin alle Register ihrer Erzählkunst. Sie versteht es, ihre Figuren und Motive raffiniert zu variieren und zu wiederholen, miteinander zu verknüpfen, zu verlieren und wieder aufzunehmen. Sie schweift ab, legt assoziative Spuren und verhehlt bei aller Ironie nie den untergründigen Ernst. So entstehen ganz ungekünstelt, doch kunstvoll Konstellationen von berührender Dringlichkeit. Im letzten Kapitel findet die vielschichtige Komposition schliesslich ihre Vollendung. Um sich vor den alltäglichen Zumutungen zuhause zu schützen, reist die Erzählerin nach Zürich, in die Stadt ihrer Kindheit. Hier erkennt sie ihren letzten Apostel, der zugleich ihr erster war: nicht Judas, sondern ein «Du», das ohne Arg und Schuld zum Verräter an der Liebe wurde. «Ich schreibe seit du gegangen bist.» Im früh verstorbenen Bruder fallen Anfang und Ende zusammen – und machen das Buch zu einem grossen Werk.