Italienische Reise mit Gift und Witz

Ruth Gantert über «Aufräumen» von Angelika Waldis

«Schau dich in deinem eigenen Leben um. Müsstest du nicht mal aufräumen?», fragt Magi kurz vor dem Umzug ins Altersheim ihre Nachbarin Luisa, die beim Räumen der Wohnung hilft. Und schon ist die Hauptperson aus Angelika Waldis drittem Roman, die siebzigjährige Luisa, fest entschlossen, endlich Ordnung in ihr Leben zu bringen.
Drei Männer sind «zu entsorgen»: ihr Mann Alfred, ihr Schwiegersohn Roman und Doktor Hausammann, der Arzt, der Schuld dran ist, dass ihre ältere Tochter Maya in einem Behindertenheim lebt. «Dass es lauter Männer sind, ist Zufall. Es sind einfach drei, die ihr, Luisas Leben, verwüsten. Das ist alles. Sie müssen weg. Erst wenn sie weg sind, wird sie Ruhe haben.»
Ihrer jüngeren Tochter Mirjam sagt Luisa, sie fahre nach Wien, und «Einmal Wien und zurück» steht auch auf ihrer elektronischen Fahrkarte, die sie vom Schaffner registrieren lässt – tatsächlich aber steigt sie um in den Zug nach Mailand, im Gepäck das Gift, das sie ihrem Mann in den Curry mischen wird. Alfred, «der Egosaurier», «das dunkle Kneiftier ihres Lebens», lebt in Genua in einer geerbten Wohnung, hebt Geld von ihrem Konto ab und meldet sich nur, wenn er etwas braucht. Doch nun ergreift die bisher recht geduldige Ehefrau und – ausgerechnet – pensionierte Ernährungsexpertin die Initiative, und ihr Plan ist klar: «Noch heute wird sie in Italien sein und morgen in Genua. Und dann wird gekocht.»

Die Reise verläuft allerdings nicht so glatt wie geplant: zu Luisa gesellt sich ein Weggefährte, ein etwa vierzigjähriger Mann, dessen Gesicht unruhig flackert. Flack, so nennt sie ihn, ist aus der psychiatrischen Klinik ausgebrochen. Sein seltsames Benehmen fasziniert und belustigt Luisa, ängstigt sie aber auch. Das ungleiche Paar nähert sich Genua in einigen – mehr oder weniger freiwilligen – Zwischenhalten. Während der Reise von der Schweiz nach Italien ziehen nicht nur Landschaften und Städte, Strassen, Hotels, Restaurants, Kirchen und Shopping Centers vorbei, sondern in Rückblenden auch Luisas bisheriges Leben. Lustige und schöne Momente kontrastieren mit tragischen Begebenheiten; Witz, Trauer und Wut wechseln sich ab. Ob Luisa zur erfolgreichen Mörderin wird und ob alle drei Männer daran glauben müssen (manch eine Leserin wird es sich erhoffen), das sei hier natürlich nicht verraten. Das Buch liest sich leicht und hält die Spannung aufrecht. Dass man es aber bis zum Ende nicht aus der Hand legt, liegt weniger an der erzählten Geschichte als an den präzisen Beobachtungen und den treffenden Beschreibungen. Wie schon in ihrem Erzählband Züri Gschnätzlets (Europa Verlag 2011) zeigt die Autorin alltägliche Begebenheiten in völlig neuem Licht, schildert skurrile oder tieftraurige Szenen zart und nüchtern, sagt in konkreten Bildern mehr als alle Kommentare zu erklären vermöchten.
Allerdings erscheinen die Gegensätze manchmal allzu einfach und etwas klischiert: hier die auf sich selbst bezogenen, egoistischen Männer (Ausnahmen kommen vor), da die tapferen, fürsorglichen Frauen; hier die langweiligen, angepassten «Normalen» (Spiesser, ob Polizisten oder Möchtegern-Künstler), da die unkonventionellen, fantasievollen «Andersartigen» (Kinder und alte Leute, psychisch Kranke, Behinderte).

Wie die Autorin hat ihre Romanfigur Luisa nicht nur einen klaren Blick auf zwischenmenschliche Beziehungen, sie pflegt auch ein spezielles Interesse für sprachliche Feinheiten und Ausrutscher. Während ihr Mann Alfred die Sprache dazu benutzt, um sich selbst zu glorifizieren (in nichtssagenden Ausstellungstexten) oder um verbal auf seine Frau einzuprügeln, sammelt Luisa «schiefe Sätze», die sie in Zeitungen findet und in ihr rotes Heft schreibt. Die zitierten Beispiele wie «In der Galerie Koller kommt die Wittgensteinsche Porzellansammlung unter den Hammer» bereiten Spass. Besonders schön sind aber auch die in verschiedenen Tonalitäten wiederkehrenden Motive, wie das der Brüste der heiligen Agathe. Flack und Luisa stehen entgeistert vor zwei Bildern der Kirche Sant’Agata in Cremona: Das eine zeigt, wie der Heiligen die Brüste mit Zangen abgezwackt werden, und auf dem andern trägt sie ihre eigenen Brüste auf einem Teller. Beim Frühstück im Hotel taucht dieses Schreckensbild in unschuldig-harmloser Form wieder auf, als Flack Luisa einen Teller mit zwei Milchbrötchen bringt: «Die Brötchen haben oben je eine Rosine wie eine Brustwarze.» Solche und viele andere sprachlichen und bildlichen Trouvaillen machen das Buch zu einer anregenden, mitreissenden Lektüre.

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