Im Schatten der Mauer des Schweigens. Nadine Olonetzky rollt ihre jüdische Familiengeschichte auf
Philipp Ramer über «Wo geht das Licht hin, wenn der Tag vergangen ist» von Nadine Olonetzky
Die Erforschung der eigenen Familiengeschichte ist in der Schweizer Gegenwartsliteratur en vogue. Bücher wie Zora del Buonos Seinetwegen (C.H. Beck), Thomas Strässles Fluchtnovelle (Suhrkamp) oder Ivna Žics Essayband Wahrscheinliche Herkünfte (Matthes & Seitz), um nur drei aktuelle Titel zu nennen, widmen sich in je eigener Weise der familienbiografischen Spurensuche in der näheren oder ferneren Vergangenheit. Mit Wo geht das Licht hin, wenn der Tag vergangen ist reiht sich die Zürcher Autorin Nadine Olonetzky, bekannt vor allem für ihre Bücher und Beiträge zu Fotografiethemen, in diesen Reigen ein.
Die Fotografie spielt auch im vorliegenden Buch, das die unterdrückte, verheimlichte Familiengeschichte von Olonetzkys jüdischem Vater Benjamin zu rekonstruieren sucht, eine tragende Rolle. Zunächst als Symbol für ebendiese leidvolle Geschichte, in Form der kleinen Porträtaufnahme des Vaters als Kind, die das Buchcover ziert: Sie ist der einzige Besitz, welcher der jüdischen Familienseite nach dem Krieg und der Schoah verblieben ist. Sodann als Medium einer anderen Geschichte des Vaters, nach dem Krieg, manifest in den unzähligen Aufnahmen, die er – mittlerweile Ehemann und Papa in der Schweiz – vom (scheinbar) glücklichen Familienleben macht und sorgfältig in Fotoalben archiviert; nichts durfte jetzt mehr verlorengehen. Die Bilder hätten dem Vater erlaubt, sich eine «neue Geschichte und Heimat zu bauen», analysiert Olonetzky, und «eine hohe und lange Mauer gegen jene Welt, in der Dinge geraubt worden waren und Menschen ohne Grund oder Recht verschwanden und in der irgendwann alles in Trümmern lag».
Vor dieser Welt schottet der Vater (und schotten die Mutter und die Verwandtschaft) auch Nadine und ihren Bruder ab. Nur ein einziges Mal erzählt Benjamin der Tochter von seiner Vergangenheit, vom Tod seines Vaters und seiner älteren Schwester im Holocaust und von seiner dramatischen Flucht aus Deutschland in die Schweiz. Da ist die Tochter fünfzehn und von dem, was sie nun zu hören bekommt, komplett überfordert. Genaueres nachzufragen vermag sie in dem Moment nicht, und als sie es Jahre später tun möchte, ist es zu spät.
Dass der Vater an jenem Tag vieles erzählt, doch ebenso vieles verschwiegen hat, wird klar, als die Autorin bei deutschen und Schweizer Archiven Dokumente zum jüdischen Teil ihrer Familie anfordert. Aus Deutschland erhält sie über tausend Seiten Korrespondenz mit dem Stuttgarter «Landesamt für Wiedergutmachung». Erst jetzt erfährt sie, dass ihr Vater und seine überlebenden drei Geschwister mehr als 20 Jahre lang, von 1950 bis 1974, um Entschädigung für das im Nationalsozialismus erlittene Unrecht kämpften. Gestützt auf diese und weitere Unterlagen sowie mithilfe von Gesprächen, Literaturrecherchen, Reisen und den väterlichen Fotoalben setzt Olonetzky ihre Geschichte zusammen.
Die Dokumente aus dem Umkreis der Entschädigungsangelegenheiten bilden die umfangreichste und wichtigste Quelle des Buchs, da sich aus den Anträgen, Zeugenaussagen, eidesstattlichen Erklärungen usw. besonders viele – wenngleich nicht widerspruchsfreie – Informationen über das Leben und Schicksal der Familie ableiten lassen. Dass Olonetzky oftmals wörtlich aus der Korrespondenz von Benjamins Anwälten mit dem «Landesamt für Wiedergutmachung» zitiert, ist dabei überaus aufschlussreich: So werden die bürokratischen Manöver und juristischen Maschen augenscheinlich, mithilfe derer das Amt es pflegte, die Anträge «wegen Schadens an der Freiheit», «wegen Schadens an Eigentum» usw. abzulehnen, herunterzuhandeln oder bis zur Zermürbung zu verzögern.
Ein Paradebeispiel an Irrwitz ist das Vorgehen des Amts, als Benjamin seinen Vater im Rahmen eines Entschädigungsverfahrens 1952 für tot erklären lassen möchte. Dass Moritz Olonetzky im Frühjahr 1942 nach Polen deportiert und nie mehr wiedergesehen wurde, überzeugt die Beamten nicht. Sie erlassen ein öffentliches «Aufgebot»: «Der Verschollene wird aufgefordert, sich bis spätestens Dienstag, den 15. 9. 1953 vor dem Amtsgericht Stuttgart, Archivstraße 15, Erdgeschoss, Zimmer 180 zu melden, widrigenfalls er für tot erklärt werden kann.» Erst, nachdem sich der Verschollene «nicht fristgerecht gemeldet hat», wie es in einem späteren Schreiben heisst, wird sein Ableben festgestellt.
Gerade im Angesicht solch absurder Auswüchse wird Benjamins beeindruckender Durchhaltewille im Kampf um Entschädigung deutlich, der für ihn nicht eine Geld-, sondern eine Prinzipienfrage war. Klar erkennbar wird auch seine ungeahnte «Energie, sich mit dem Vergangenen zu konfrontieren», stellt Olonetzky fest. Für sie, die in jungen Jahren unter der «Mauer» bzw. ‚Mauer des Schweigens‘ des Vaters gelitten hatte, besitzt der Blick hinter dieselbe eine tröstliche Wirkung.
Dass Olonetzkys Aufzeichnungen nicht auf alle Fragen eine Antwort kennen und bis zu einem gewissen Grad fragmentarisch bleiben müssen, versteht sich von selbst. Doch die Autorin weiss mit Leerstellen umzugehen. Lücken in der Erzählung oder spärlich Dokumentiertes ergänzt sie vielfach um eigene Annahmen, Vermutungen oder imaginierte szenische Details – wobei sie deren fiktionalen Charakter stets offenlegt. So etwa bei der Schilderung der Ankunft ihres Grossvaters im Durchgangslager in Polen: «Als er in Izbica ankam, am 29. April, war der Schnee schon getaut, stelle ich mir vor. (...) Wahrscheinlich war es mitten in der Nacht. (...) Am Himmel hätte er dann vielleicht Sterne sehen können und den Mond.» Oft bedient sich die Autorin auch des Kniffs der Frageform: «Was trug er wohl an diesem Tag? Eine Hose, ein Hemd, hoffentlich auch einen warmen Pullover und einen Schal? Ein Jackett vielleicht und darüber den Mantel (...) und feste Schuhe an den Füßen?» Auf diese Weise nach möglichen Szenarien fragend, lässt sie vor den Lesenden unversehens plastische Bilder entstehen.
Während solche Mittel dem Text gekonnt Leben und Farbe verleihen, treibt es Olonetzky bisweilen etwas gar bunt mit sprachlichen Spielereien. So, wenn an einer Stelle der «Vulkan» von Vaters unterdrücktem Trauma ausbricht und sich «der Groll, das Geröll aus dem Krieg» mit «dem aufkochenden Seelenmagma» in die Wohnung ergiessen, oder wenn jedes alte Foto im Familienalbum als «schwarzweißer Fels» erscheint, in dem die «Augen jetzt herumklettern können». Von solchen etwas ungelenken literarischen Kraxeleien abgesehen, vermag Olonetzkys vielschichtige und -stimmige, dabei sehr persönliche Geschichte zu überzeugen. Sie ist nicht nur eine gut recherchierte, sensible Annäherung an das Schicksal ihres Vaters, sondern auch ein ehrliches, reflektiertes Porträt der eigenen Kindheit und Jugend, die von den Schatten der Vergangenheit nicht loskam. Indem die Autorin den Bogen von den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts in die Gegenwart schlägt, etwa von Benjamins Emigration aus seiner Geburtsstadt Odessa zu den heutigen Fluchtbewegungen im Ukrainekrieg, macht sie das Buch überdies zu einem hochaktuellen, beachtenswerten Stück Zeitgeschichte.