Im Gedankenkaleidoskop

Peter Utz über Das Konterfei von Yla M. von Dach

Da liegt es in seinem altmodischen Bett, im Halbdunkel eines schläfrigen Zimmers, aber doch hellwach: Das Konterfei, wie es Yla von Dach literarisch ins Leben gerufen hat. Ist es überhaupt eine Figur, die man lesend ausfüllen könnte, wenn sich das Konterfei doch selbst so dünn wie ein «Abziehbildchen» vorkommt? – Eher ist es der Drehpunkt eines Kaleidoskops, das Eine Welt in Spiegelsplittern zeigt, wie das Buch im Untertitel ankündigt. Wer in dieses Buch-Kaleidoskop hineinblickt, der darf sich immer neu überraschen lassen: Um zur «Welt» zu kommen, horcht das Konterfei in sie hinein, lauscht es aber auch seinen eigenen Gedanken. Diese sind oft dunkel, eine Finsternis, aus der alle Nachtigallen verschwunden sind. Doch mit der nächsten Drehung des Kaleidoskops, mit dem nächsten Kapitel, taucht man plötzlich in eine Märchenwelt ein. Etwa in die des «Scherenkinds», das sein Herz ins Meer wirft – mit dem Meer öffnet sich hier, wie an vielen weiteren Stellen, der Wahrnehmungshorizont weit über das Gedankenzimmer des Konterfeis hinaus. Ein anderes Märchen gilt dem Blick eines blinden Kindes auf die «Schönheit». Krass steht dem ein anklagendes Kapitel zum Krieg entgegen mit seinem «Staub, Sand und Dreck». Dann finden wir uns in einer allegorischen «Stadt der Denkpaläste». Immer sind es Träume, wie man sie nur mit offenen Augen träumen kann. Sie bleiben im «Wirklichkeitssieb» des Konterfeis hängen. Voraussetzung dafür ist seine überoffene Wahrnehmung, sein osmotisches Verhältnis zur Welt: Erst weil es sich selbst als «Nichts» vorkommt, kann sich in seinen Augen die Welt zu einem All weiten.

Mit Das Konterfei führt Yla von Dach ein experimentelles Schreiben weiter, mit dem sie vor längerer Zeit mit ihren Geschichten vom Fräulein (1982) und mit Niemands Tage-Buch (1990) auf sich aufmerksam gemacht hatte. Seither ist sie vor allem als vielfach ausgezeichnete Übersetzerin aus dem Französischen hervorgetreten. Mit dem «Konterfei» hat die Autorin nun gewissermassen eine Enkelin des quirligen «Fräuleins» und des ungreifbaren «Niemand» in die Welt gesetzt. Man könnte es auch als Figuration einer Übersetzerin verstehen, die sich immer dem anverwandelt, was sie wahrnehmend durchdringt, deren Ideal es also ist, transparent zu werden. Doch so wie die Übersetzung eine eigene Sprache braucht, in der sie sich ausdrückt und affirmiert, so braucht auch das Konterfei eine Gegeninstanz, ein «Ich». Es wird im Buch von Anfang an als Komplement zum Konterfei installiert, das für dessen Erfahrungen immer neue Worte findet. Beobachtung und sprachlich-reflexive Formulierung werden so auf zwei Instanzen verteilt. Dabei schöpft das Ich seinerseits aus seinem eigenen Erfahrungs- und Erinnerungsschatz. Zu diesem gehören weitere Bilder, etwa das vergilbte Bild vom seefahrenden Onkel Arthur, an das sich ein «man» erinnert, welches das Ich und das Konterfei einschliesst. Die beiden dürfen in immer neuen Konfigurationen miteinander spielen, und je mehr man das Buch dreht und wendet, desto reicher wird dieses Zusammen-Spiel. Es führt so weit, dass am Schluss auch das Konterfei selbst zum Bleistift greifen kann, um mit zittriger Schrift die Frage nach der «Liebe» zu formulieren. Dieses Wort wird zum Fluchtpunkt einer Zuwendung zur Welt, die nicht in ihre schwarzen Abgründe absaufen soll.

Denn Das Konterfei hat ein Doppelgesicht: Einerseits huscht das Buch leichtfüssig von Eindruck zu Eindruck. Unter seiner Daunendecke erscheint das Konterfei paradox schwerelos. Der sprachliche Witz, mit dem das Buch überrascht, treibt das Kaleidoskop voran. Andererseits bohrt sich das Buch in seinen Fragen grüblerisch ein. Diese türmen sich gelegentlich zu Kaskaden auf, fragen nach dem Nahen und dem Weiten: «Wie viele Welten gibt es? Wie viele Gesichter, wie viele Fratzen? Und was haben wir damit zu schaffen?» Damit stösst das Buch in ein Dunkel vor, welches das Zimmer des Konterfeis umgibt. Der Spiegel, der im Zimmer hängt, ist dafür das Leitmotiv. Er zeigt dem Konterfei kaum dessen «Alltagskonturen» – was wäre denn auch das Abbild eines leeren Bildes? Schwarz zeigt er vielmehr auf jenes Geheimnis, welches das Konterfei in seine papierdünne Oberfläche hinein versteckt hat. Gelegentlich kann man in ihm «Glimmer von Mondnächten, Lichtstaubbahnen, Dämmerschatten von Sommertagen» ahnen. Der Spiegel wird aber auch zum Fenster für die Abgründe einer Welt, die das Buch mit seinen Fragen immer wieder neu aufzureissen wagt.

Auf dieser schwarzen Grundierung leuchten die farbigen Bildsplitter dieses Gedankenkaleidoskops nur um so heller. Es ist prallvoll von dem, was das Konterfei «mit aufgeplusterten Sinnen» in sein Gedankenzimmer hineinzieht, ohne es dort aber auf einen festen Begriffspunkt bringen zu können. Wie seine Titelfigur ist das Buch selbst ohne Vor-Bild, eine Gedankenprosa ganz eigener Art. Man wünscht dem Konterfei möglichst viele Leserinnen und Leser, die vielleicht, in ihren eigenen Bettstellen vor sich hindämmernd, auf solche Neu-Erscheinungen nur gewartet haben, damit sie ihrerseits aufwachen, sich umsehen, umhören und feststellen können: Diese Welt hätte es eigentlich verdient, in einem sprachlichen Kaleidoskop erneuert und verwandelt zu werden.

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