Hinter den Augen
Liliane Studer über Hinter den Augen von Ulrike Ulrich
Eine Untersuchung soll gemacht werden, ganz banal, ganz alltäglich, um herauszufinden, was der Grund sein könnte für die Sehstörung, unter der die Ich-Erzählerin in Ulrike Ulrichs zweitem Roman Hinter den Augen seit einiger Zeit leidet. Die Welt zeigt sich ihr nur noch unscharf, verschwommen, die bis dahin durchgeführten Untersuchungen haben nichts Auffälliges hervorgebracht; nun soll es darum gehen, mithilfe einer Magnetresonanztomografie abzuklären, ob im Hirn was ist, konkret: ob da ein Tumor wächst. Eine Stunde in die Röhre – viele kennen es, auch die unangenehmen Gefühle und unmöglichen Gedanken, die sich in dieser Situation breit machen, wo doch gar kein Platz ist, weil es sehr eng ist da drin. Und in dieser Stunde zerschneidet nicht nur die Maschine den Körper der Frau in feinste Schnittbilder, in ihrem Kopf läuft dasselbe ab mit ihrem Leben. Alles breitet sich aus, will hinterfragt werden, ruft nach Antworten. Sie liegt da, unbeweglich und wehrlos, buchstäblich ausgeliefert dem, was in ihrem Kopf passiert.
Eine Stunde sind sechzig Minuten und 3600 Sekunden. Eine Stunde ist kurz und lang, in einer Stunde hat ein ganzes Leben Platz. Und unweigerlich denkt man an das Leben, das in der Sekunde des Todes noch einmal vor dem inneren Auge wie ein Film ablaufen soll. Die Ich-Erzählerin lässt alles zu, was sich meldet, und sie nimmt wahr, mit einer Genauigkeit, die etwas Klinisches hat. Sie stellt sich den existenziellen Fragen, die immer auch existenzbedrohende Fragen sind. Schuldgefühle melden sich, Ängste, Eifersucht, Verletzungen und Trauer über einen Verlust. Im geschlossenen Raum liegen sie offen da – und sie weicht ihnen nicht aus. Den Fragen, die um den Vater kreisen, um Toms Tod, ein Selbstmord, um ihren Verrat an Alma, als sie ihr, der besten Freundin, damals den Freund ausspannte, ohne je etwas zu erwähnen. Sie ist nicht nur dem Pflegepersonal im Krankenhaus ausgeliefert, denen sie einfach vertrauen muss, dass sie sie nicht vergessen, sie ist auch und vor allem sich selbst ausgeliefert. Die Bilder, welche die Maschine von ihrem Körper produziert, lösen gleichzeitig die Bilder in ihr drin aus. Vielleicht, dass sich so ein Ganzes ergibt.
In diesem filigran gearbeiteten Roman von Ulrike Ulrich verbinden sich Sprache, Erzählweise und Geschichte miteinander. Hier entstehen Inhalte durch Sprache, untersucht wird ein Leben mit Sprache. Im Kopf der Ich-Erzählerin, im Hirn, in dem während einer Stunde nach einem Tumor gesucht wird, überstürzen sich die Gedanken, die Erinnerungen, in unkontrollierter Weise, und so werden sie wiedergegeben. Oft sind die Sätze unvollständig, die Gedanken nur Fetzen, die vorbeiflirren und das Hirn zu langsam, um sie gänzlich in Sprache festzuhalten. Doch ist dieser Text sehr kunstvoll gearbeitet, das Assoziative ist da, und obwohl der Ich-Erzählerin die Gedanken nur so zufallen, sind sie nicht zufällig, sie folgen kreisenden Bewegungen, die ihr Leben auffächern und offenlegen. Auffallend ist – und das entspricht den Schnittbildern während der Magnetresonanztomografie – die klare Grundstruktur des Textes: jeder Abschnitt, jedes Gedankenbild umfasst genau zwei Seiten. Damit werden die Bilder in einem Rahmen festgehalten, der Sicherheit gibt. Und Sicherheit bietet auch Barto, der immer wieder auftaucht im Kopf der Ich-Erzählerin, zu dem sie während der Untersuchung flüchten kann, und zu dem sie zurückkehren wird – ohne Klarheit weder über das, was in ihrem Kopf wachsen könnte noch über das, was ihr Leben war, ist und sein wird.