Helvetische Häppchen

Tamara Schuler über Über Berge, Menschen und insbesondere Bergschnecken von Anaïs Meier

Zwölf kurze Geschichten sind in Anaïs Meiers Debüt Über Berge, Menschen und insbesondere Bergschnecken versammelt – Geschichten, die Kontraste hervorheben zwischen dem sogenannten braven Bürger und dem Un- bis Aussergewöhnlichen.

Auf 89 Seiten malt Meier ein Panorama der Schweiz, das im Klappentext als «Rencontrée der Sonderlinge» bezeichnet wird. Augenzwinkernd und bisweilen etwas erzwungen schnoddrig tauchen Bergler, Essiggurkenliebhaber und reisende Pensionäre auf, deren Sonderbarkeiten Anlass zu einer skurrilen Tragikomik bieten.
Erschienen ist Über Berge, Menschen und insbesondere Bergschnecken im Berliner Verlag mikrotext, der sich das aktuelle Zeitgeschehen im digitalen Raum als thematischen Schwerpunkt setzt. Tabea Steiner fungiert als Gastverlegerin für Anaïs Meiers Texte, die grösstenteils bereits in der Fabrikzeitung erschienen sind. Folgerichtig sind die Geschichten eher zusammengewürfelt als aus einem Guss. Natürlich, Handlungsort ist durchgehend die Schweiz, deren Bewohner*innen unter die Lupe genommen werden. Die thematische Bandbreite aber reicht vom Frauengefängnis über literaturhistorische Überlegungen bis hin zum helvetischen Käsefetisch:

Im Sommer frisst der Schweizer geschwellte Härdöpfel mit Käse. Aufgeschlossene Multikulti-Schweizer fressen im Sommer Griechischen Salat mit viel Feta. Dann sagen sie «Uh, ich habe sooo gern Feta» und ziehen den Mund seltsam in die Länge, weil sie das E im Wort Feta auch in die Länge ziehen müssen und zum Beweis ihrer kulinarischen Offenheit fällt ein bisschen Feta vom Zahn und aus dem Mund. Ein kleiner Rest bleibt an der Unterlippe hängen, denn ein bisschen Käse hängt dem Schweizer immer irgendwo im Gesicht.

Zusammengefasst lassen sich Meiers Texte einerseits in bizarre Geschichten, die ins Fantastische überschwappen, und andererseits in gesellschaftskritische Beschreibungen von Alltagserfahrungen einteilen. Für sich genommen funktionieren beide Kategorien gut; die Odyssee der Protagonistin in «24 Hour Party People» durch gottesfürchtige Apotheken auf der Suche nach Notfallverhütung ohne Moralpredigt macht eine gesellschaftliche Engstirnigkeit deutlich, die längst entsorgt gehört:

Der Apotheker der Blösi Apotheke ist nur knapp älter als ich, aber offensichtlich verheiratet (Ring am Finger) und tendenziell christlich (Kreuz am Hals). Er erzählt mir sofort und ungefragt, was er von diesen Frauen hält, die immer Party machen, mit unbekannten Männern ins Bett gehen und wenn es ihnen grad passt, ein bisschen die Pille danach nehmen und dann wieder Party machen.

Und doch könnte dieses Erzählen kompromissloser sein. Dass in Fussnoten erklärt wird, was ein Büürli ist, mag durch den deutschen Verlag verantwortet sein. Der ironische Disclaimer, dass Rückschlüsse auf die Autorin unangebracht seien, ist jedoch eher überflüssig. Rückschlüsse werden von den LeserInnen gemacht oder nicht, ob mit oder ohne Ermahnung, dies nicht zu tun. Tatsächlich kann der einleitende Hinweis von «24 Hour Party People» sinnbildlich für das gesamte Buch gelesen werden: «Der Text darf also als durch und durch oberflächlich und erstweltverwahrlost betrachtet werden.»

Wer sich für Klischees interessiert, wird sich darüber freuen, wie sie von Anaïs Meier heraufbeschwört und dann durchbrochen werden. Gekonnt wird hier der Humor im vermeintlich Humorlosen zutage gefördert, eine moralische Rettung ist nicht in Sicht. Mit viel Fabulierlust und surrealen Ausschweifungen nimmt Anaïs Meier Volksmythen und schweizerische Eigenheiten aufs Korn. Das Ergebnis ist bitterböse und schnell gelesen: Als «Kurzstreckentexte» hat Deutschlandradio Kultur die Publikationen von mikrotext bezeichnet – eine treffende Beschreibung auch für Über Berge, Menschen und insbesondere Bergschnecken, dessen Lektüre doch eher Käsehäppchen als Fondue ist: Durchaus schmackhaft, aber nicht sättigend – umso gespannter erwarten die Leserinnen und Leser nach diesem Apéro den Romanerstling der Autorin, Mit einem Fuss draussen, der nächstes Jahr bei Voland & Quist erscheint.

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