Hebammenkunst

Peter Utz über «Cristina» von Eleonore Frey

Cristina, das portugiesische Mädchen, sucht mit fünfzehn aus ihrer engen, katholisch geprägten Welt hinaus das Weite. Doch sie findet nur die flüchtige Liebe zum Matrosen Francesco, der sich aber seinerseits bald aus dem Staub macht, nach New York. Er hinterlässt sie schwanger. Kaum der eigenen Kindheit entwachsen, wird Cristina Mutter. Doch ihre eigene Mutter, im Verein mit bigotten Priestern, schickt sie zum Gebären zu einer Tante auf das Land. Dann entreisst sie ihr das Neugeborene, gibt es zur Adoption frei. «Jesu» wird die Frucht von Cristinas «Sündenfall» vom Priester ohne deren Einverständnis getauft, wie ein Hohn auf die ‘unbefleckte’ Empfängnis und das christliche Versprechen der Nächstenliebe.

Diesen «Jesu» sucht Cristina danach in allen Kindern, die sie antrifft. Ihnen wendet sie sich zu, als Ersatz für die eigene reale Mutterschaft. In diesen «Kindheiten, die sich abspielten ohne ihr Kind; alle gleichzeitig jetzt, in allen möglichen Altersstufen, Umständen, Ereignissen», möchte sie ihr eigenes Kind finden. Und indem sie sich selbst zur Hebamme ausbilden lässt, hilft sie anderen Kindern zur Welt. Das dauert siebzehn Jahre, bis in die Erzählgegenwart. Damit setzt die Erzählung fulminant ein: Cristina glaubt, in einem siebzehnjährigen Jungen, den sie vom Tram abspringen sieht, ihren Sohn zu erkennen. Doch dieser dementiert: «Ich bin nicht Jesu». Die Suche Cristinas nach ihrem verlorenen Sohn muss weitergehen.

Cristina sucht in ihrem Kind auch das, «was sie ihre Geschichte nannte», ihre eigene Identität. «Ich will eine Geschichte haben!» schreibt die noch kindliche Cristina auf einen ersten Zettel, um ihn gleich zu verbrennen. Die folgenden Zettel dagegen begräbt sie unter dem geliebten Quittenbaum, als Pfand ihrer Wünsche. Dieser literarische Samen geht schliesslich auf: Aus dem, was sie gelebt und erlebt hat, wird schliesslich ein «Buch Cristina» (157). Es ist das schmale Buch, das wir in den Händen halten.

Cristina kann es aber nicht selbst erzählen. Dazu braucht es die Gegen- und Spiegelfigur von Manoel. Sie eröffnet eine überraschende, aber entscheidende zusätzliche Ebene in Eleonore Freys Erzählung. Cristina begegnet Manoel in einem Strassencafé Lissabons. Unter dem Tisch, im Strassenpflaster, eingelassen ein «grauer, sechsstrahliger Stern». So konkret sind bei Eleonore Frey die Zeichen: der Stern nicht glänzend am Himmel, sondern als materielle Unterlage einer Begegnung, die zur glücklichen Konstellation wird. Denn Manoel, Mitte dreissig wie Cristina, hat ebenfalls eine gescheiterte Geschichte hinter sich; seine Tochter lebt mit ihrer Mutter nun in Brasilien, er sieht sie nicht mehr. Sie heisst «Jacinta», ein Name, nicht durch einen Priester aufoktroyiert, sondern wie die Blume sich duftend und farbig aus der Zwiebel entfaltend. Hat nicht Cristina seinerzeit im Religionsunterricht bei den Nonnen von der seliggesprochenen Tochter der heiligen Fatima mit diesem Namen gehört und dabei ganz besonders aufgehorcht?

Manoel seinerseits trägt in seinem Namen das hebräische Versprechen auf einen «Gott mit uns». In der subversiv entstellten Christologie der Erzählung ist er ein diskreter Heilsbringer und Hebammenkünstler. Denn er bringt in konkreter Zuwendung, im Nachfragen und Zuhören, Cristinas «Geschichte» zur Welt. Für sie und für uns erzählt er ihre Kindheit, den frühen Tod des Vaters, die Begegnung mit Francesco, die Schwangerschaft und den Kindsraub, und ihre Lehrjahre als Hebamme. Durch Manoel erhalten wir Einblick in das wachsende Bewusstsein der Hauptfigur, in unspektakulären, aber umso genaueren Beobachtungssätzen, ohne voyeuristische Psychologisierung. Sparsam, gezielt, setzt diese Geschichte Akzente und Leitmotive, wie jenen Quittenbaum, einen Vogelkäfig oder die weissen Kleider, in denen sich das allmähliche Bewusstwerden von Cristina spiegelt.

So wird diese «Geschichte», wie sie Manoel aufgeschrieben hat, zur Binnengeschichte in einer Novellenstruktur, die als große Rückblende in die Gegenwart hineinführt. Sie ist eingefasst vom Rahmen der Begegnung Cristinas mit Manoel, wie ein kleines Triptychon. Doch Geschichten, so sagt Cristina später, sollen «wuchern» können, keinen «Rahmen» haben, kein Ende finden. Das deutet sich am Ende der Erzählung auch an: das lebensfreundliche Prinzip offen-organischen Weiterwachsens, neuer «Jacintas», soll sich gegen die autoritäre Setzung von Normen und Namen, und seien sie auch die eines «Jesu», behaupten.

Für den Novellencharakter der Erzählung spricht auch, wie sie um die Titelfigur und das skandalöse Ereignis – die Enteignung der Mutterschaft durch die eigene Mutter – herum gebaut ist. Fast scheint dieses klassisch anmutende Formmodell etwas aus der Zeit gefallen. Die beklemmend-alltägliche Geschichte von jugendlicher Unerfahrenheit, einer ungewollten Schwangerschaft und einer brutalen, religiös grundierten Erwachsenenmoral könnte auch schon im 19. Jahrhundert spielen. Umso mehr sucht sie Eleonore Frey im Schauplatz Lissabon zu konkretisieren und zu vergegenwärtigen. In der sinnlichen Attraktivität dieser Stadt, die diese zum Schauplatz zahlreicher Filme gemacht hat, sieht sich Cristina selbst gelegentlich wie eine Frauengestalt auf einem Filmplakat, die «mit offenen Augen und doch wie im Schlaf durch eine der engen Gassen Lissabons ging.» Entscheidend ist dabei der Zugang zum Meer: Symbolisch überquert Cristina den Tejo mit der Fähre, auf der sie den Matrosen Fernando kennenlernt, einer jener Seefahrer in der Traditionslinie Fernando Magellans, von denen sie als Kind gelesen hat. Die Überfahrt über den Atlantik, nach Brasilien, ist der Traumhorizont Cristinas und der reale Fluchtort ihres Bruders nach dem jähen Tod der Mutter. Lissabon ist aber auch die Stadt des Erdbebens von 1755 – ein Bild davon hängt sich Cristina in die Wohnung, die sie schliesslich mit Manoel bezieht. Ein Bild für das katastrophale Ereignis und den Bruch in ihrer Biographie, der erst durch die Geschichte, wie sie sie sich von Manoel zuerzählen lässt, fragil überbrückt, aber nicht geschlossen wird.

Ein solches Trauma, so zeigt Eleonore Frey, bedarf des behutsamen Erzählens, das zwar mit Christina die Opferperspektive ins Licht rückt, sie aber nicht verklärt. Der novellistische Rahmen bildet keine alternative Heiligenvita, die Erzählung Cristina, die nicht die Erzählung von Cristina selbst ist, formuliert keine lautstarke Emanzipationsrhetorik. Sie zeigt vielmehr Wege auf, wie die weibliche Hauptfigur aus ihrer beengten Kindheit und ihrer entwendeten Mutterschaft zu sich selbst finden könnte. Weil sie in der Kirche gelacht hat, muss die Schülerin Cristina drei Seiten ihres Schulhefts mit all dem füllen, was ihr in der Welt verboten ist. Doch sie wendet diese Strafaufgabe in neue Gebote wie: «Du sollst jeden Tag einmal mit einer Blume sprechen.» Und dann geht sie ins Freie und ruft gegen den laut anstürmenden Wind: «Ich will übers Meer fliegen!». So gibt Eleonore Freys fein komponierte Erzählung ihrer Titelheldin mit ihrem erwachenden Bewusstsein die Chance zu einem sanften Aufstand.

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