Auch Noemi Somalvico erzählt in ihrem unbekümmerten Debüt von gut vertrauten Verhältnissen, selbst wenn sich diese topografisch weitläufiger darstellen. Der Besuch von Dachs bei Gott ist eine Überraschung – für beide. Gott lebt auf einer überschaubaren Lichtung in einem bescheidenen Haus, in dem er in «Gummifinken und Trainerhosen» und einem «Pulli mit verwaschenem Logo» umher schlurft. Mit der Fernbrille schaut er auf seine Erde, die er selbst nicht immer ganz versteht. Heftig erstaunt ist er aber, als auf einmal Fisch im Flur seiner Wohnung liegt. Woher mag der nur kommen?
Doch um Gott geht es anfänglich gar nicht in diesem Roman. Die Hauptrolle spielen vielmehr Schwein, Dachs und Reh. Die Dinge geraten in Bewegung, als Dachs einen Wechselapparat erfindet, mit dem er Gott in seiner Lichtung besuchen kann. Schwein begleitet ihn und fragt, ob hier das Jenseits sei. So beginnt eine abenteuerliche Reise in ein Gefilde, das auch Gott unbekannt ist. Es wird schnell klar, dass es Noemi Somalvico in ihrem Roman mit dem Realismus nicht allzu ernst nimmt.
Sie erzählt vom tanzfreudigen Schwein, dem findigen Dachs, dem melancholischen Reh und von Gott, der sich manchmal fragt, ob er das alles wirklich erfunden hat. Die hier anklingende theologisch-metaphysische Dimension hat schon Matthias Cavelty in seinem trashigen Roman Die letztesten Dinge bespielt. Noemi Somalvico verleiht ihr jedoch eher märchenhafte Züge, mit Tieren in den allzumenschlichen Hauptrollen. Ihre Expedition ins Jenseits führt an einen einladenden Sandstrand, wo Gott zum ersten Mal im Meer baden kann. Trotz der Zeitreise ins Unbekannte bewahrt dieser Roman die nachbarschaftliche Perspektive. Die Welt ist gross und zugleich überschaubar klein.
Das alles ist höchst launig und stellenweise mit viel Situationskomik erzählt. Etwa wenn Gott, nach dem Jenseits gefragt, erwidert, wo das denn sei. Doch Noemi Somalvicos Metaphysik bleibt geerdet, ihre Figuren kennen sich, und Gott ist bloss einer von ihnen, wenn auch der Schöpfer. Die Leichtigkeit all dieser Findungen stösst da an Grenzen, wo der saloppe Tonfall stilistische Schwächen verrät und ein paar schöne Pointen leichtfertig vergibt, etwa in Gestalt des wunderbar mysteriösen Kaninchens, das gleich eingangs das Schwein paffend an der Bushaltestelle umkreist – um bei Gelegenheit womöglich dessen Portemonnaie zu entwenden und dabei, wie man sagt, «so unverschämt (zu) gucken, dass jede Empörung zu spät kommt». Doch die wunderbar zwiespältige Figur verschwindet leider gleich auf Nimmerwiedersehen. Noemi Somalvicos Roman macht in dieser Form einen kompositorisch etwas unfertigen Eindruck. Das schnelle Erzähltempo obsiegt über die Genauigkeit, die frische spontane Idee bedarf keines weiteren Suchens. Das mindert die Heiterkeit, die das vergnügliche Buch ohne Zweifel verströmt.
Aus: «Geschichten aus dem Dorf: Neue Schweizer Debüts.» Ein Fokus von Beat Mazenauer für www.viceversaliteratur.ch, 31.05.2022