Fliegende Hühner und starke Kinder
Christa Baumberger über «Starkes Ding» von Lika Nüssli
Das Huhn fliegt. Da! Vom Dach des Bauernhofes flattert Striegel in die Nacht hinaus. Ein «Starkes Ding». So heisst Lika Nüsslis Graphic Novel und der Titel trifft es genau: Es ist in der Tat ein starkes Werk, aufwühlend, berührend, eine düstere Geschichte, aber auch voller Hoffnung. Das erste Bild mit dem fliegenden Huhn ist stark. Es zeigt den Aufbruch und die Hoffnung, und es lässt uns wissen, dass der Höhenflug möglich ist – für einen kurzen Moment zwar nur und mit ungewisser Landung, aber das ist schon viel. Denn Lika Nüsslis grosses Werk sticht mitten hinein in eines der dunkelsten Kapitel der Schweizer Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts: die Verdingkinder. Es ist längst nicht aufgearbeitet, nur schon deshalb ist Nüsslis Werk so dringlich und wichtig. Rund 60'000 Menschen in der Schweiz waren von 1930 bis 1981 Opfer von «fürsorgerischen Zwangsmassnahmen». Ohne Gerichtsurteil und ohne dass sie eine Straftat begangen hatten, konnten sie in Anstalten zwangseingewiesen werden, es genügte ein nonkonformer Lebenswandel und die Verleumdung als «arbeitsscheu» oder «liederlich» für eine sogenannte «administrative Versorgung». Auch die Verdingkinder waren Opfer dieses Systems, das die Menschenrechte grundlegend verletzte. Sie stammten aus armen oder unehelichen Familien und wurden von den Behörden oder den eigenen Eltern fremdplatziert. Meist landeten sie bei fremden Bauern, wo sie für einen Hungerlohn arbeiten mussten. Geknechtet, unterernährt, geschlagen und manchmal gar missbraucht: Die Verdingkinder in der Schweiz erlitten ein schlimmes Schicksal. Auch wenn das Parlament 2014 das Unrecht anerkannte und eine Expertenkommission einsetzte, deren Bericht mittlerweile in zehn Bänden vorliegt, und auch wenn jede betroffene Person 2019 eine symbolische Entschädigung von 25’000 Schweizer Franken erhielt, so ist das Thema längst nicht erledigt. Die Geschichte gehört erzählt, immer und immer wieder, die Erinnerung daran muss wachgehalten und in unserem kollektiven Gedächtnis verankert werden. Nüsslis Werk leistet dazu einen wichtigen Beitrag. Die 1973 geborene Illustratorin und Künstlerin gehört zu den führenden Comic-Zeichnerinnen der Schweiz, in Starkes Ding erzählt sie die Geschichte ihres eigenen Vaters. Zwar wusste sie ihr ganzes Leben, dass er als Kind verdingt wurde, doch behielt er diese Erlebnisse weitgehend für sich: «Es schien mir, als wolle er nicht mehr erzählen». Erst während der Pandemie begann sie ihn gezielt nach seinen Erinnerungen zu befragen. Daraus ist eine rund 250 Seiten umfassende Geschichte aus Bildern und Texten entstanden. Der Band ist 2022 in der Edition Moderne erschienen, dem führenden Schweizer Verlag für Graphic Novels und Comics. Gerade die längere Graphic Novel eignet sich sehr, um gesellschaftlich sensible Themen auszuloten und an ein breiteres Publikum zu bringen. Und die Edition Moderne, die 2021 gleich doppelt ausgezeichnet wurde – als Verlag des Jahres und mit dem Schweizer Designpreis –, wagt sich mit ihrem Verlagsprogramm regelmässig an Themen heran, die man gerne verdrängt.
Lika Nüssli lehnt sich in Starkes Ding an die traditionsreiche Senntumsmalerei an und holt so eine vergangene bäuerliche Welt bildstark ins Jetzt. Virtuos verwebt sie Text und Bild zu einer berührenden Erzählung. Diese beginnt 1943 recht idyllisch auf dem elterlichen Kleinbauernhof in der Ostschweiz. Der sechsjährige Ernst wächst im Kreise der Geschwister auf. Zwar ist Krieg und der Vater fort im Aktivdienst, weshalb alle anpacken müssen. Doch ist die Arbeit eher Spiel und das Hüten der Kühe bedeutet auch viel freie Zeit. Die Brüder tragen im Heu ihre Wettkämpfe aus und üben sich im «Hoselupf». Selbst der Bombenhagel der Alliierten 1944 über dem Bodensee wird von den Kindern bestaunt, als wäre es ein Feuerwerk. 1949 folgt der grosse Bruch: Mit zwölf Jahren wird Ernst zu fremden Bauersleuten im Toggenburg verdingt, wo er für einen Franken pro Tag schuften muss. Das Geld geht direkt an die Eltern. Gewalt und Übergriffe bestimmen fortan sein Leben, dazwischen gibt es aber immer auch wieder kurze Glücksmomente, beim Spiel mit anderen Kindern oder bei den frisch geborenen Ferkeln im Stall. Vieles bleibt nur angetippt, ohne dass es explizit benannt wird: So raunen nur die Christbaumkugeln vom sexuellen Missbrauch der Schwester, auch sie ein Verdingkind. Es ist eine besondere Qualität, dass die Sprache in dieser Erzählung bewusst zurückgehalten wird zugunsten der Zeichnungen. In besonders dichten Momenten verstummt sie ganz, die Bildfolgen allein treiben dann die Handlung weiter. Die Grausamkeit der Meistersleute wird in Traumsequenzen in zig Episoden auf einer Seite ineinander geschnitten. Jeder kann sich das Treiben auf dem Hof lebhaft ausmalen und selber weiterspinnen. Bei diesem stark episodischen Erzählen wechseln die Perspektiven ständig, die Geschichte erhält damit eine unheimliche Vielschichtigkeit und Tiefe, ohne dass je direkt Anklage erhoben wird. Die Zeichnungen machen das Unmenschliche des Verdingwesens sichtbar, etwa wenn der Kinderhandel zuerst von den Erwachsenen am Tisch besprochen, dann von anonymen Mündern und schliesslich von den Gläsern auf dem Tisch besiegelt wird, während sich die fratzenhaften Gesichter nur noch auf den Kacheln spiegeln. Auch bringt die Zeichnerin sich selber mit ein und tritt mit dem Vater in einen Dialog. Weshalb der Lehrer nicht eingeschritten sei? «Es war ganz normal, dass es in einer Klasse Verdingkinder hatte. Wir waren zu viert», lautet die lakonische Antwort des Vaters. Lika Nüssli gelingt es, ihm auf eine würdige Weise eine Stimme zu geben, und sie lässt eine vergangene Bauernwelt mit ihren Bräuchen auferstehen. Man taucht in eine Schweiz ein, die so unerhört arm war, dass ein drittes Wursträdli beim Abendbrot als unverschämt galt und ein Kind nur am Geburtstag ein ganzes Spiegelei bekam. Zu dieser Welt gehört auch der Dialekt. Die Dialektwörter tragen viel zur Authentizität der Geschichte bei, sie sind so sprechend, dass man sie gar nicht alle hätte übersetzen müssen. Doch das ist nur ein Hinweis am Rande. Denn eins ist klar: Lika Nüssli ist eine unglaublich berührende Geschichte gelungen. Sie hat ein schwieriges Thema künstlerisch sehr überzeugend umgesetzt: Starkes Ding wurde mit einem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet.