Existieren im Schmerz

Jonas Rippstein über «Muskeln aus Plastik» von Selma Kay Matter

«Die Schmerzen sind weit wie ein Meer und ich bin ein kleiner Punkt darin», erzählt die Ich-Erzählstimme Kay zu Beginn in Muskeln aus Plastik, dem Prosa-Debüt von Selma Kay Matter. Der Satz umreisst nicht nur die Dimension des Leidens, sondern auch das Gefühl des Verlorenseins in einem Ozean aus Schmerz und gibt diesen Empfindungen durch die Kapitel hindurch ein lautstarkes Echo. Über 228 Seiten hinweg versucht Kay sich in diesem Meer zu orientieren. Kay kämpft gegen das Untergehen, sucht nach einem festen Punkt – im eigenen Körper, in der Sprache, in der Wahrnehmung anderer. Der Text, autofiktional und essayistisch, ist ein unaufhörliches Tasten nach Halt, ein Kreisen um das eigene Sein, das zwischen Genderidentität, Krankheit und Begehren immer wieder ins Wanken gerät. Kay findet sich in einer paradoxen Bewegung wieder: Einerseits ist da das Bedürfnis nach Kontrolle über den eigenen Körper, andererseits die Verführung des Exzesses, der Hingabe, des Schmerzes als Mittel, um überhaupt etwas zu fühlen. Muskeln aus Plastik ist kein Buch der einfachen Antworten – es ist vielmehr ein fiebriges Archiv des Suchens, des Sich-Verlierens und Sich-Wiederfindens, ein Text, der unter die Haut geht, schmerzt und trotzdem oder gerade deswegen zu glänzen vermag.

Kay wurde im «falschen» Körper geboren. Die Erzählstimme möchte eine Transition machen, Testosteron nehmen, sich wie ein Mann fühlen können, sie lehnt aber männliche Pronomen oder eine geschlechtsanpassende Operation ab, und möchte nicht in Eindeutigkeit ihr Geschlecht definieren müssen. Kay durchgeht eine körperliche Transformation, wobei nicht nur die Hormone oder das Krafttraining den Körper verändern, sondern ebenso die Krankheit. Kay infiziert sich mit dem Corona-Virus und erkrankt an Long Covid; die folgenschwere Diagnose lautet darauffolgend ME/CFS, Chronisches Fatigue-Syndrom. Mit ME/CFS ist Kay meistens ans Bett gebunden, verbringt jeweils Tage nur liegend. Geht Kay zum Briefkasten, muss dey sich eine Stunde ausruhen. Hat Kay Sex, muss dey damit rechnen, sich länger davon erholen zu müssen: «Sex ist das Einzige, wobei ich mir einen wirklichen Kontrollverlust erlaube, von dem ich mich dann manchmal tagelang erholen muss.» Die Erzählstimme beschreibt oftmals diese feine Grenze zwischen Lust und Schmerz, die in Muskeln aus Plastik immer wieder von Neuem überschritten wird. Der Exzess steht dabei oftmals als sehnsüchtige, hedonistische Flucht aus dem Leiden im Vordergrund, als ein gleichzeitig masochistisches «Unter-Kontrolle-Bringen» des Schmerzes: «Ich gebe die Kontrolle für wenige Sekunden ab und bekomme dafür einen erträglichen Schmerz, dem das Versprechen seiner anschließenden Abwesenheit innewohnt. Mehr Kontrolle kann ich mir nicht vorstellen.» Kay versteht den «Exzess als: ein Heraustreten aus dem, was ist». Das «Heraustreten» wird in Muskeln aus Plastik zur identifikatorischen Praxis – innerhalb des «Heraustretens» wird Kay nämlich der Raum geboten, sich zu finden inmitten der Wellen jener Schmerzen.

Für Kay verschwimmen im Text die Grenzen von Begehren und Schmerz immer wieder; meist ist es kein entweder/oder, sondern ein gleichzeitiges Fühlen der beiden Empfindungen. Ohnehin möchte die Erzählstimme meistens einfach etwas fühlen, denn der Schmerz oder dessen Verletzungen sind etwas, was bleibt im Gegensatz zu den meisten anderen Gefühlen: «Wenn etwas vorbeigeht, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen, habe ich oft das Gefühl, es hat gar nicht stattgefunden. Ich brauche die bruises als Beweis. Sie machen es erträglicher, dass der unendlich kurze Moment der Erfahrung unwiederbringlich vorbei ist, und tragen ihn noch ein Stück mit in die Zukunft.» Die bruises wie Kay sie nennt, braucht dey, um zu wissen, dass dey da ist. Wenn dey keine Kraft für Sex hat, möchte Kay von deren lover lieber geschlagen werden, als einfach nichts zu fühlen: «Ich will einen leuchtenden Handabdruck auf meiner Wange. Kratzer auf meinem Rücken.»

Kay bemerkt ebenso, wie sich das Verlangen, begehrt zu werden, mit der Behinderung durch ME/CFS verändert: Von Kays körperlich gesundem lover Aron möchte dey nur als «fitter boy Kay» begehrt werden. Die Erzählstimme erkennt, wie sie sich selbst in zwei Figuren aufsplittet: «den abled sporty boy Kay und die Sick Woman Selma.» Seitdem schwebe Kay in einer Kluft, die sich zwischen den beiden Figuren aufmache, «caught up im double trouble der uneindeutigen Status sowohl in Bezug auf die Kategorie Gender als auch Dis_ability.» Dieser double trouble bleibt in Muskeln aus Plastik schemenhaft, wie eine Welle, die sich immer wieder aufbauen und brechen soll. Das Begehren bleibt allgegenwärtig, Kay möchte in deren Lust zum toyboy werden: «Ich will ein Toyboy / aus Plastik sein: Beine / steif Bauch / flach Kopf / kugelrund ich / will ein Boy- / toy sein nach / dem du greifen kannst mit / dem du spielen kannst ganz / wie du willst».

«At some point, everything is made of pain (or ist absence) / Ich meine damit: Alles ist im Verhältnis zum Schmerz. Nichts findet sich außerhalb einer Skala von 0 (keine Schmerzen) bis 10 (stärkste vorstellbare Schmerzen) statt.» Nebst dem Jetzt und der ME/CFS-Erkrankung erzählt Kay auch von einer Vergangenheit, die selbst in der Erinnerung nie ohne Schmerzen auskam: «Seit ich denken kann, versuche ich, an einen Ort außerhalb des Schmerzes zu gelangen.» Mit den Grenzen des körperlichen Empfindens und des Schmerzes muss Kay sich schon früh vertraut machen: das Kind Selma hat Neurodermitis, Albträume vor dem Ertrinken und eine seltene Krankheit, die zu Überbeweglichkeit führt. Es spürt seine körperlichen Grenzen und findet heraus, dass es sie dehnen kann: Sei es im Extremsport oder innerhalb der Magersucht, unter der Kay im Teenager-Alter leidet. Für diesen Schmerz findet Matter in Muskeln aus Plastik ein Zuhause: «Der Text ist das Museum. / Das Schreiben an diesem Text ist zeitweilig das Einzige, was ich tue. Das Einzige, was mich über Wasser hält. […] Ich ahne: Ich muss in das Museum rein, um das aus ihm herauszubekommen. Ich muss einen Grundriss des Museums anlegen und die sites of pain noch einmal begehen, diesmal in Begleitung eines witness oder ausgestattet mit einer Sprache, die durch die Wände des Museums hindurch kommunizieren kann; einer Sprache, die potenziellen Zeug:innen diese Orte meines Schmerzes zugänglich macht.» Die Orte des Schmerzes spielen im Essay immer wieder eine zentrale Rolle: Sei es das Bett, die Psychiatrie oder die ranzigen Kneipen im Nachtleben. Der Text ist ein Wiedersehen dieser Orte, im Hinterkopf zu jeder Zeit die Utopie, einen Ort zu finden, an dem kein Schmerz existiert: «Auch du sehnst dich nach einem Ort, an dem alles perfekt ist – du inklusive. An dem sich nichts deiner Kontrolle entzieht. An dem du sicher bist.»

Kay diagnostiziert der chronischen Krankheit in diesem Wiedersehen, dass sie in Gegensatz zu Unfällen ein «dramaturgisches Problem» hätte: «Care und Empathie halten maximal so lange wie ein Gips, und man weiss doch genau, wie das ist, wenn der Gips irgendwann gräulich und muffig wird und alle schon unterschrieben haben.» Die Spannungskurve flacht ab, die Krankheit verschwindet in einen der marginalisierten Räume, in denen das Leiden überhaupt stattfinden kann. So wird es ebenso den Leidenden erschwert, sich solidarisch zu zeigen, obschon Empathie eine der vielen Voraussetzungen für eine Genesung sein kann. Die chronische Krankheit wird nicht gesehen, oder gar angezweifelt, in Sinne von «Ist er:sie überhaupt so krank, oder tut er:sie nur so?». Deswegen fordert Kay gegen Ende in einem manifestartigen, längeren Abschnitt «Disability Justice»: «Wenn ich von Disability Justice träume, träume ich von Pflege als ästhetische Praxis. / […] Wenn ich von Disability Justice träume, träume ich von asexueller Romantik. / […] Wenn ich von Disability Justice träume, träume ich davon, dass niemand Schön sein muss, um Care zu verdienen.»

Muskeln aus Plastik ist vieles gleichzeitig; es ist eine Versprachlichung von Schmerz, eine poetische Auseinandersetzung mit geschlechtlicher Identität innerhalb des Leidens, und es ist ein sehnsüchtiger Schrei nach vermeintlicher Gesundheit. Die Kapitel des Buches sind dicht. Sie wechseln teilweise gar absatzweise ihre Form: von soziologischen Texten zu Alltagsbeobachtungen zu literarischen Experimenten und wieder zurück. Zuweilen kann beim Lesen eine Überforderung entstehen bei der schieren Menge an input – und doch ist das vielleicht nicht unbedingt ein Kritikpunkt, sondern eine nötige Voraussetzung für das Schreiben über Schmerz. Vielleicht braucht es dieses Diffuse, dieses Stechende, dieses Brennende in und zwischen den Zeilen, um diese Auseinandersetzung überhaupt zulassen zu können: «Vielleicht ändert es tatsächlich etwas, dass ich diesen Text schreibe. Für mein Verhältnis zu Schmerz und Sprache. Für mein Verhältnis zum Verhältnis der beiden», heisst es gegen Ende des Buches. Muskeln aus Plastik ändert beim Lesen allemal die Sicht auf dieses Verhältnis, und übersetzt den Schmerz in eine nachwirkende, literarische Form.

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