«Die Geschichte meiner Schriftstellerei ist die Geschichte meiner Stoffe», notierte Friedrich Dürrenmatt in seinem Konvolut Stoffe IV-IX; und er fuhr fort: Stoffe «sind verwandelte Eindrücke. Man schreibt als ganzer Mann, nicht als Literat oder gar als Grammatiker, alles hängt zusammen». Dürrenmatts Stoffe-Projekt gab den Anstoss für ein Buch, das Michel Mettler und Reto Sorg unter dem Titel Dunkelkammern herausgegeben haben. In ihrem Vorwort schreiben die Herausgeber, dass in literarischen Texten oft nichts mehr auf den «Tumult» hinweist, «aus dem sie entstanden sind». Gerade deshalb will der Band «in Form von Erzählungen» dazu anregen, die literarische Arbeit und «ihre Verfasstheit, ihre Hintergründe und Bedingungen (zu) reflektieren».
Das titelgebende Schlüsselwort gibt Melinda Nadj Abonji in ihrem Beitrag «Dunkelkammer». Listig unterläuft sie gleich im ersten Satz die Erwartungen, indem sie dem dürrenmattschen Stoff eine andere Materialität verleiht: einen «fein geblümten Stoff, der zu einem knielangen Kleid verarbeitet ist, ein weich fallendes Kunstwerk der Schneiderei». Das ist nicht nur aus einer anderen Perspektive gedacht, es leitet auch hinüber zu einem haptischen Erleben, das den Stoff mit der Kindheit verbindet und so an den neuralgischen Punkt zurückführt: die Dunkelkammer droben im Dachgeschoss eines falschen Zuhauses, in dem das Kind im Schein des bleichen Mondlichts seine inneren Bilder entwickelt. Viele der Erinnerungsbilder sind schummrig und verschwommen, manche haben bereits ein feines Korn. Diese «Dunkelkammer» ist ein Ort, «der nie, auch wenn ich mich noch so bemühe, Sprache werden wird, der aber erahnen lässt, wie ich über Sprache, Stimme und das Verstummen denke», schreibt die Autorin. Aus diesem Widerstreit ist schliesslich doch ein preisgekröntes Buch entstanden, Tauben fliegen auf, in dem Melinda Nadj Abonji Worte für ihre Bilder gefunden hat.
Siebzehn Autorinnen und Autoren erzählen in dem Band, wie Geschichten im Entwicklerbad der Erinnerung Kontur annehmen oder ins (vermeintliche) Vergessen verschwinden. Zwei Formate sind dabei zu unterscheiden: fiktionale Erzählungen und biographische Reminiszenzen. Erstere legen eine Klammer um den Band. Monique Schwitter erzählt von einem 12-jährigen Mädchen, das auf dem Schulweg eine eigensinnige Leidenschaft entwickelt. Im Pendlerzug nimmt es Witterung nach Männern auf, entkleidet sie mit einer «Art Röntgenblick» und lässt sich von ihren Beobachtungen fanatisierend hinweg tragen, wodurch sie unweigerlich zur Schriftstellerin wird. Vielleicht erzählt der Schluss der Geschichte einen Tick zu viel, doch lässt die Autorin erahnen, wie die Protagonistin in etwas hinein gerät, das sie weder beherrschen kann noch will.
Eine Geschichte von Adolf Muschg schliesst den Band ab. Gygax gerät, auf der hintersten Plattform eines Regionalzuges stehend, in einen Strudel des Verschwindens: der Geleise und der Landschaft, die sich fortwährend in die Breite dehnt. Er schmaucht seine Pfeife, denkt an die verstorbene Frau und findet im Zugbegleiter namens Teufel einen Mitverschworenen gegen das Rauchverbot. Wie beiläufig erzählen sie sich von ihren «Toden». Gygax ertrank und wurde wieder belebt, der Zugbegleiter war Lokführer, jetzt schliesst er den hintersten Wagen ab. Muschg hält seine Geschichte in der Schwebe zwischen Entstehen und Verschwinden, freilich verraten die Namen im Text eine Nähe zum Roman Sutters Glück, der 2001 erschienen ist.
Die Form der fiktionalen Erzählung nehmen andere Texte auf. Michael Fehr erweckt in «Kleines zweistöckiges Haus» eine traumatische Szenerie, die ganz statisch bleibt und ruhig, doch zwischen den Zeilen tost und lärmt es. Peter Weber öffnet eine poetische «Pilzbox», in der die Sprache selbst zum Substrat wird und eigentümliche Blüten treibt: beispielsweise «Selblinge, auch Fotopilze genannt», in denen das Dunkelkammer-Motiv zart anklingt. Aus der Sprache schöpft auch Dieter Zwicky seine gleichermassen botanische wie biographische Erkundung, während Gianna Molinari das Motiv des fotografischen Bildes mit der Jägerin verknüpft. Und bei Stefanie Sourlier schaut eine Schriftstellerin «Nachbilder» dessen, was ihr zu klar und deutlich vor Augen tritt, damit es «als Negativ auf der Netzhaut» vielleicht einmal erzählt werden könnte. In ihrem Beitrag taucht Dürrenmatt kurz namentlich auf. Die Erzählerin erinnert sich an einen Doktoranden, der Jahre damit zubrachte, Dürrenmatts Stoffe zu ordnen und zu klassifizieren, nur um zu erkennen, dass alles, was er entdeckte, längst von jemand anderem schon festgehalten worden war.
Der kantige Eigenwille, den Dürrenmatts erzählerische Stoffe in seinem riesigen Textbergwerk behaupten, geht der kurzprosaischen Sammlung in Dunkelkammern zwangsläufig ab. Das Ziel ist ein anderes, spezifisches, wie der Untertitel «Geschichten vom Entstehen und Verschwinden» anzeigt. Vielleicht fehlt der Sammlung ein Moment des Überraschenden, Verblüffenden, für das Dürrenmatt immer gut war, ein skeptisches Lachen auch. Die Dunkelkammern-Texte halten sich eher an ein Diktum des Meisters, dass er in seinen «Stoffen» versuche, «mich zu befreien, einen Ballast abzuwerfen, der mit den Jahren immer grösser wird».
In vielerlei Spielarten ist hier nachzulesen, unter welchen Anstrengungen oft der eigene Lebensstoff literarische Form annimmt. Dabei verbindet sich Autobiographisches und Fiktionales miteinander. Raphael Urweiders Rückblicke in die alkoholische Familiengeschichte erhält fantastische Abzweigungen, ebenso wie Tom Kummers Rückblick auf ein Filmprojekt, das die Dimensionen ins Globale erweitert, obwohl es nur von der Berner Kirchenfeldbrücke handelt. Katarina Holländer verknüpft kunstvoll literarische Motive mit ihrer eigenen Zürcher Schreibsituation. Und Lukas Bärfuss beschwört die Gespenster seiner alten Oberländer Heimat herauf.
Heinz Helle und Michail Schischkin treffen sich, trotz ungleicher Ausgangslage, in der russischen Literatur und dem vernehmlichen Heulen an ihrem Grunde. Derweil forschen Hanna Johansen und Christian Haller den grundlegenden Schwierigkeiten ihres Schreibens nach, indem sie zeigen, wie sich Stoff und Biographie auf unlösbare Weise existentiell ineinander verhaken können. Spielerisch verschlingt schliesslich Joël László das Autobiographische mit dem (vermutlich) Fiktionalen, indem er eine Begegnung mit einem ägyptischen Militärhistoriker in Kairo erzählt. Dessen «Obsession, Militär und Literatur und Sprache zusammenzudenken», ergreift vom Erzähler selbst Besitz. Vielleicht lässt sich sein schlaues Fazit auf den ganzen Band übertragen, wonach «jedes Erzähltümen», sagen wir: Erzählpartikel – «tradierte ökologische, ökonomische, gesellschaftliche Zusammenhänge durch seine blosse Anwesenheit ins Wanken» bringt.
«Ernährwert» und «Erzählwert» sind gegenseitig voneinander abhängig, schreibt László. Genau so wie Autobiographie und Fiktion, worüber Dürrenmatt 1981 notierte: Die nicht vollendeten Stoffe verhalten sich «unmittelbarer zu meiner Welt, wie ich sie erlebte und erlebe, als die geschriebenen Stoffe, die gefiltert, umgeformt, verformt» sind.
PS: Bei soviel Stoff wächst die Spannung auf das Stoffe-Projekt in einer fünfbändigen textgenetischen Ausgabe mit dazugehöriger online-Anbindung, die Rudolf Probst und Ulrich Weber eingerichtet haben. Es wird fristgerecht zu Dürrenmatts 100. Geburtstag am 5. Januar 2021 erscheinen.