Eine Kunst des Minimen

Samuel Moser über Schon bald von Zsuzsanna Gahse

Einmal mehr gelingt Zsuzsanna Gahse in ihrer leichtfüssigen Art die Verbindung von Poesie und Poetik über alle literarische Gattungen hinweg. Schon bald ist ein Buch in eigener Sache, aber dies so elementar, dass es dabei nicht das Subjektive, wohl aber das Private verliert. Die eigenen vier Wände werden zum Welt- oder besser: Weltenraum, der diese kräftig durchlüftet. Das Bild des Puppenhauses, das die Autorin in einer Zusatzschlaufe zum Schluss noch entwirft, ist reine Ironie, das weiss sie selber. In ihrem Haus, das sie zur Bühne werden lässt, wird weder das Grosse kleinlich ins Kleine übersetzt, noch bekommt das Kleine grossspurig die Bedeutung des Grossen. Zsuzsanna Gahses Kunst ist nicht eine Kunst des Miniaturisierens, sondern des Minimierens. Dieses findet sich sowohl in der durchtriebenen Beiläufigkeit ihres Schreib- und Gedankenflusses, wie auch in der schnörkellosen Konstruktion des Textes, in dem äussere Hülle und innere Ausstattung perfekt ineinandergreifen. Auf allen Ebenen: das Haus ist das Buch, das Buch ist das Haus. Seine drei einfach, nämlich fluchtartig angeordneten Haupträume (am Ende des Buches kann man sie in einer Planskizze der Autorin finden) öffnen sich den fünf Kapiteln des Buches: Der Aufbruch, Die Dinge, Die Stücke, Die Stimme, Die Bühne.

Es findet in Schon bald, das lässt sich allein schon diesen Kapitelüberschriften entnehmen, eine kohärente Entwicklung statt: Die Welt verwandelt sich in Spiel. Auf der Ebene der Poetik: Die (von Gahse immer schon verdächtigte, weil die Sprache überfordernde) Beschreibung der Dinge wird getauscht gegen die Vorstellung von Möglichkeiten. Tauschmittel (die «Währung») dabei sind die «minima» der Sprache: die Laute, die Wörter, zu denen der Text immer wieder zurückkehrt, um sich aus ihnen zu regenerieren.

Schon bald bedeutet, entgegen der Unbestimmtheit des Begriffs, Genesis hier und jetzt. Die Poetin Gahse geriert sich dabei «allerdings» (über dieses Wort gibt es im Buch Witziges zu lesen) nicht als auktorialer Gott. Ihre Kreation erhebt sich nicht ex nihilo. Sie ist bloss «Aufbruch», nicht Anfang. Oder noch niederschwelliger: Es geht realiter bloss um einen «Umzug», aus welchen Gründen auch immer, wohin auch immer. (Diese Ungewissheit «allerdings» ist möglicherweise nicht unbedeutend.) Gahses Ausgangspunkt also ist unsere vollgestopfte Welt. Warenwelt, aber auch Welt der Geschichten. Selbst das Aufbrechen gibt es da längst in unterschiedlichsten Erfahrungen, auch in denjenigen der Vertriebenen, der Flüchtlinge. Zsuzsanna Gahses eigene Biographie ist immer miterzählt, aber sie verdrängt niemals die der anderen. In ihrem umwerfenden Humor tönt das auch so: «Ich will für mich unbehindert fertigsterben».

Aufbrechen heisst also konsequenterweise Wegräumen, Räumen, Raum schaffen. Ein Purgatorium. Weg mit den Dingen der Warenwelt. Weg auch mit Bildern, Melodien, Lärm. «Kram» nennt die Erzählerin einiges davon. Und da sie Schriftstellerin und als Schriftstellerin Leserin ist, gehören für sie dazu vor allem Bücher, Bücher des «Betriebs». Es bleiben die anderen. Georges Perecs Les choses zum Beispiel, sie geistern in Haus und Buch herum, in umgekehrter Richtung allerdings, nicht als Anhäufung von Kram, sondern als «Entkramung». Dazu muss die Erzählerin in die Hand nehmen und gegenwärtig werden lassen, was es nicht mehr sein soll. Der Umzug wird so zu einer neuen, «instabilen» Art des Bleibens, um ein Leitwort der Autorin zu verwenden. Das Aufbrechen bleibt Übung. Die Übung aber ist der Ernstfall.

Tabula rasa gibt es nicht. Der Tisch ist ein Tisch, aber nur, wenn er etwas trägt. Der aufgeräumte leere Raum ist niemals leer. Er ist Zwischenraum. Raum für Zwischenmenschlichkeit. So wie sie gleich der erste Satz des Buches ausmisst: «Zwischen Pitt und mir liegen etwa elf Meter». Pitt und die Erzählerin sind die Hauptbewohner des Hauses. In seinen zunehmend leeren Räumen gehen aber auch der schon erwähnte «Georges», zudem ein Georg und eine Grit ein und aus. Sie bilden ein behelfsmässiges «wir», zu dem dann Schauspieler aus dem (nicht allzu) fernen Biel/Bienne stossen, wodurch auch noch eine andere Sprache ins «Spiel» kommt.

Geübte Gahse-Leserinnen und Leser werden die Szenerie erkennen: das Haus an der langen Dorfstrasse, das Postauto, das pünktlich und im Takt wie ein braver «Eber» oder «Ochse» schnaubt, um an der nahen Endstation zu verschnaufen, zu wenden und immer wiederzukehren. Das Haus ist ein schönes Haus, ein altes Haus, nicht wirklich gross, aber grosszügig. Wohlproportioniert mit seinen Fenstern, die es mit den Himmelsrichtungen verbinden. Ein lichtes Haus (nicht ohne schützende Schattenstellen), in das die Aussenwelt hineinspielen kann, wenn drinnen nun das Spielen beginnt, das Proben und Versuchen. Aber nicht Wirklichkeit wird nachgeahmt wie auf den «grossen» Bühnen, sondern die Nachahmungen selber. Was ihr wollt zum Beispiel von einem einzelnen Spieler. Mit minimen Mitteln also wie in der Commedia dell'arte, wobei Gahse auch von dieser Festlegung zurückschreckt und lieber von «relativ spontanem freiem Theater» spricht.

Wie die Erzählerin und Pitt näher (als elf Meter) zueinander stehen, wissen wir nicht, spielt auch keine Rolle. Die Erzählerin betont ihren «Anstand», und der ist bei ihr auch eine ästhetische Kategorie. Von ihr selber vernehmen wir ein paar Dinge, z.B. über einen «Obstwissenschaftler»-Onkel oder über Vaters Füllfederhalter. Pitt hingegen, halb Holländer, halb Südländer, ein ehemaliger Gärtner und technischer Zeichner, bleibt starrköpfig am Rand der Bühne, ein stiller Skizzierer von möglichen Szenen. Die Erzählerin möchte ihn gerne als Sprecher oder gar Regisseur einsetzen, aber das will er nicht. Wichtiger ist die Rolle des Mahners, die sie ihm zuweist: «Bitte nicht austappen», bemerkt Pitt immer dann, wenn sie zum Erzählen anhebt. «Nicht austappen» ist ihr eigenes Anliegen: die Dinge nur in den Raum stellen, sie ihren Lauf nehmen lassen – um dann ab und zu überrascht und beglückt feststellen: «jetzt bin ich da, wo ich hinwollte».

«Schon bald» also wird sich der Vorhang heben. Aber ist etwas, nur weil es werden kann? Das ist eine Kernfrage des Buches. Eine Partie widmet Zzuzsanna Gahse im Kapitel Die Stimme dem berüchtigten Problem der philosophischen Metaphysik. Es ist eine beschwingte Ode an die Hilfswörter, an die kleinen, beweglichen, scheinbar überflüssigen und doch so kommunikativen Wörter, die die Sprache lebendig machen, in ihr «bellen» und «wiehern» - und, da geht es um die «Sache» der Übersetzerin Gahse, meist nur schwer übertragbar sind.

Wie Pitt das «austappen», legt die Erzählerin Georges wohl das komplementäre «ausfransen» in den Mund. In den Tagen vor der Première schickt er zehn Postkarten mit «Anfangssätzen». Auf der letzten steht: «Die vorangehenden Sätze sind für eure ausfransenden Gespräche, bei denen alle gleichzeitig reden.» So müssen wir uns wohl nicht nur die Gespräche, sondern auch die Aufführung der «Stücke» dann vorstellen, deren Vorstellung wir uns ohnehin (wie wohl alle Beteiligten) über das Buchende hinaus selber vorstellen müssen. Immerhin: «Georges» erscheint zur Première, mit einem grossen Blumenstrauss, wie es sich gehört. Den trägt er allerdings vor seinem Gesicht, so dass der Erzählerin in ihrem Humor, auch er des Minimen, nur ein Schlusssatz bleibt, der ebenso gut alles wieder von vorne beginnen lassen könnte: «vor der Tür stand ein Mann mit einem riesigen Blumenstrauss vor dem Gesicht.»

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