Eine «hohle Stelle der Erdrinde»

Peter Utz über Tanners Erde von Lukas Maisel

Mit seinem Debütroman Buch der geträumten Inseln war Lukas Maisel in einem riskant-phantastischen Reiseritt nach Papua-Neuguinea aufgebrochen. Multiperspektivisch und polyphon entführt er uns in ein Traumterritorium, dem aber durchaus reale, koloniale Machtansprüche unterlegt sind. Das zweite Buch überrascht nun mit seiner radikalen Wende: Es bringt uns auf den heimischen Boden, auf «Tanners Erde», in ein sehr helvetisch getöntes Dorf «Huswil». Und es setzt sich die Grenzen der strengen, geschlossenen Form einer «Novelle». Der Bauer Tanner steht mit beiden Beinen auf seinem eigenen Boden, gewinnt ihm jenes Gras ab, das er seiner Fiona, seiner Carmen, seinem Vreni verfüttert. Die Kühe sind sein Lebensinhalt. Seine Frau, die Marie, assistiert als guter Geist der Haushaltung. Sie wärmt ihm gelegentlich die kalten, gichtiger werdenden Füsse, doch letztlich bleibt er ihr fremd. Denn für einen Austausch, der über das Alltägliche hinausgeht, findet Tanner keinen Ausdruck. Seine Perspektive bestimmt die Erzählung durchgehend, und mit ihr eine auf Hauptsätze geschrumpfte Sprache, die weder für die äussere noch für die innere Welt von Tanners Erde viele Worte machen kann und will.

Da bricht, wie es zur Gattung der Novelle gehört, ein «unerhörtes Ereignis» in die Agraridylle ein: In «Tanners Erde», auf einem Stück seines Weidelands, öffnet sich über Nacht ein grosses, fast unabsehbar tiefes, rundes Loch, dem bald ein zweites folgt. Der Bauer traut seinen Augen nicht, versucht seine Entdeckung zunächst mit einer Plane zuzudecken, verschweigt sie selbst seiner Marie. Abgründig ist dieser Einbruch in den Alltag, in jeder Hinsicht ohne Grund:

Wenn er bloß wüsste, warum das Loch im Land ist, dann könnte er ganz sachlich sagen: Schau, Marie, aus diesem und jenem Grund haben wir ein Loch im Land, und dies und das werden wir dagegen tun. Aber das Loch kommt aus dem Nichts, es ist ja selber ein Nichts: ein Nichts aus dem Nichts. Tanner wird fast schwindlig von so viel Nichts.

Tanner bleibt dem Ereignis hilflos ausgeliefert, und Hilfe bei den andern zu holen, fällt ihm schwer. Eine Strafanzeige gegen Unbekannt greift ins Leere. Dafür bringt sie die Zeitungsreporter und Fernsehkameras vor die Löcher. Der Pfarrer, den Tanner aufsucht, bietet ein «Hiob»-Zitat, aber keine Hilfe. Es folgen die Wissenschaftler, die die Löcher durch einen unterirdischen Hangrutsch erklären. Mit einer tüchtigen Ladung Kies wären sie vielleicht aufzufüllen, doch das Gelände wird als instabil erklärt, so dass der Bauer sein Vieh nicht mehr füttern kann und es schliesslich dem Schlachthof ausliefern muss. Das alles rechnet sich Tanner zunehmend als seine eigene Schuld zu; der Einbruch in die Normalität setzt eine fatale Abwärtsspirale in Gang.

Aufhelfen sollte in viel beschworener helvetischer Tradition die Solidarität der Gemeinschaft bei Katastrophen. In der Mitte des Dorfs steht ja eine Säule, die – man weiss das aber nicht mehr genau – vielleicht an die Pestzüge erinnert. Die wortgewandte Gemeindepräsidentin will das Desaster, das den Einzelnen trifft, zum Festakt der Solidarität umwerten. Ein entsprechendes Fest wird organisiert. Doch Tanner spielt dabei nicht mit, und so bleibt er mit seinem Unglück allein. Als er seiner materiellen Existenznot dann doch mit einem formellen Antrag an die Gemeindeversammlung abhelfen möchte, findet dieser nicht die notwendige Mehrheit.

Die Gründe dafür erfahren wir nicht. Denn wir sind doppelt eingesperrt in die Perspektive Tanners, der bei diesem Traktandum in Ausstand treten muss, und in eine Sprachnot, die auch seinen eigenen Gefühlen gilt. «In Tanner tut es», heisst es da einmal, statt der erlebten Rede, doch was sich da «tut», weiss vielleicht auch Tanner selbst nicht. Zwar stellt Tanners Erde in der alten Tradition der «Charakternovelle» ihren Helden in regelmässigen Abständen vor einen Spiegel, doch kann er in diesem seinen eigenen Zerfall nur äusserlich feststellen. Über die Hintergründe, etwa seiner Biographie, erfahren wir nichts. Das Schweigen des Bauern, seine Sprachlosigkeit und seine Unfähigkeit zur Kommunikation sind das Zentralmotiv der Novelle, das diese immer und immer wieder ausstellt. So lassen sich die abgründigen Löcher in Tanners Erde auch als die Realmetapher dieser Sprachnot verstehen. Sie tun sich mehrfach, etwas kokett, auch im Satzspiegel auf, wenn dieser im Halbrund ein weisses Loch der Sprachlosigkeit ausspart. Von diesen Sprachlöchern her wird die Novelle konsequent auf ihr eigenes Ende im finalen Schweigen hingetrieben; das novellistische Uhrwerk mit dem Loch in der Mitte als Drehpunkt wird als «count down» unerbittlich hinuntererzählt.

Doch dies kommt alles nicht ganz unerwartet. Dies umso mehr, als Tanners Erde in prägende Traditionslinien der Literatur aus der Schweiz einrückt. So hat sie immer wieder den wortkargen, aber tierliebenden Einzelbauern porträtiert, von Gotthelf über Ramuz bis zu Noëlle Revaz’ Rapport aux bêtes. Da droht das sentimentale Klischee, nicht nur bei Maisel. Beat Sterchi hat es mit Blösch meisterhaft umgestülpt, indem er ihm im spanischen Melker Ambrosio einen Migrationsvordergrund verschafft und ihm im Schlachthof den Gegenort realer Fleischproduktion gegenübergestellt hat – eine entsprechende kurze Schlachthofpassage findet sich auch in Tanners Erde. Auch wie Naturkatastrophen die Solidarität der Gemeinschaft auf die Probe stellen, verhandeln zahlreiche Texte der Literaturen der Schweiz, von Gotthelf über Ramuz bis zu Dürrenmatt. Ja, selbst die «Erdmännchen», die sich Maisels Bauer einmal rettend am Grunde des Lochs erträumt, finden sich bereits 1886 in Gottfried Kellers Martin Salander, als Trostmärchen, das Marie Salander ihren hungrigen Kindern erzählt. Schon hier fasst der desillusionierte Titelheld seine Erfahrungen mit der realen Wirtschaftsschweiz in den Satz: «Es kommt mir vor, wie wenn wir auf einer hohlen Stelle der Erdrinde säßen!» Unter der saturierten helvetischen Gesellschaft verbergen sich Abgründe.

Lukas Maisel nimmt in Tanners Erde diese Metapher beim Wort, in einer lakonisch-knappen Form. Er spitzt sie zum Drama eines Einzelnen zu, freilich um den Preis, dass sie damit an gesellschaftskritischer Bedeutungsbreite einbüsst. Die Novelle, konsequent und eindringlich in der Ökonomie ihrer gestalterischen und sprachlichen Mittel, verengt sich zum narrativen Trichter. Obwohl sich in ihrem Zentrum das «Nichts» öffnet, lässt sie fast nichts offen.

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