Ein Lyric Essay über eine Schwangerschaft und das erste Jahr mit dem Kind
Verena Bühler über «Frühe Pflanzung» von Anna Ospelt
In ihrem Zweitling Frühe Pflanzung begleitet Anna Ospelt in kurzen Notaten ihre Schwangerschaft und das erste Jahr mit dem Kind. «Die poetische Bepflanzung der Schwangerschaft» nennt sie ihre Vorgehensweise an einer Stelle im Buch. Schreibend stellt sie Verbindungen her zwischen den Wahrnehmungen der werdenden Mutter, des Babys, der Familie und Naturereignissen, die sie vor allem im Garten beobachtet. Immer geht es dabei um Prozesse, besonders oft in solche rund um Bäume, Vögel und den Lauf der Jahreszeiten. Dabei dürften die Amseln nicht die einzige Hommage an den Liechtensteiner Lyriker Michael Donhauser sein.
Eine weitere inhaltliche Ebene eröffnet Ospelt durch ihr Sticken und Stricken für das erwartete Kind. Mit diesen Tätigkeiten – teils verwendet sie Materialien und Muster ihrer Mutter und ihrer Grossmütter, teils neu gekaufte – schreibt sie sich ein in die Kontinuität der weiblichen Familiengeschichte.
Ospelt nähert sich dem Gegenstand ihres Textes mit der Aufmerksamkeit und der Neugier einer Forscherin und mit der Empathie und der Vorstellungskraft einer Schriftstellerin. Die Kreativität ist, wie oben ausgeführt, einerseits biologisch und eingeprägt und nimmt als solche ihren Lauf – die wachsende «Frucht», wie sie den Fötus nennt – und parallel dazu bewusst gestaltend in Form von Textilien – «Ich sticke Ahnung, Anfang, Form» – und Texten – «Ich schreibe mit, um bei mir zu bleiben».
Doch «(d)ie Schwangerschaft ist ein ungewisses Feld», und das in mehr als einer Hinsicht. Wie ein Eindringling in die biologische und poetische Welt zeigt sich schon während der Schwangerschaft die Macht der gesellschaftlichen Erwartungen, die die werdende Mutter verinnerlicht hat – «Der Begriff Mutterschaft ist mir in seiner gesellschaftlichen Aufladung nicht ganz geheuer» – und die ganz konkret an sie herangetragen werden: Andere Frauen sprechen sie direkt an: «Ungefragt werde ich mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass ich das Schreiben vergessen könne. Mindestens ein Jahr lang. Als würde der herausragende Bauch dazu einladen, mir zu nahe zu treten.» Meist sind diese Stimmen erkenntlich als Kommentare von Müttern, die sich mit ihren eigenen Erfahrungen in den Rahmen von Stereotypen und Allgemeinplätze eingeordnet haben. Meist klingen Häme an und Boshaftigkeit: «Abwertende Blicke bleiben wie Spinnweben an mir haften.» Mehrmals bekommt die junge Mutter auch Ratschläge und Erklärungen. Jedenfalls sind dies die Stimmen, die sehr viel mehr Raum einnehmen als unterstützende und ermutigende, von denen sie einzig die der Hebamme erwähnt. Es ist nachvollziehbar, dass die negativen Kommentare mehr Gewicht haben und sie besonders stark treffen, übermüdet und hormonbedingt «butterweich» und «hinter Milchglas», wie sie ist.
Doch die Autorin findet ein Mittel gegen diese negativen Stimmen. Beim gefühlt ständigen Stillen hat sie nämlich Zeit zum Lesen. Gewappnet mit den Erfahrungen verschiedener Autorinnen und zweier Autoren kann sie sich im Kopf abgrenzen gegen die unsensiblen Kommentare, die sie im Alltag zu hören bekommt, und neu ausrichten. «Lesen als Refugium. Lese mich aus dem Alltäglichen davon.» Wichtig werden u.a. die Gedichte von Inger Christiansen und Ulrike Mayröcker, die Bücher von Jane Lazarre, Audre Lorde, Rosmarie Waldrop, Marie Darrieussecq und Sylvia Plath. Franziska Schutzbachs Die Erschöpfung der Frauen, das im Dezember 2022 Aufsehen erregte, ist der neueste Titel, der erwähnt wird.
Im Laufe des Buches wird aus diesen Lektüren eine Phalanx von Frauen, die aus ihrem Erleben gesellschaftspolitische Forderungen ableiten. Anna Ospelt Anliegen in Frühe Pflanzung ist jedoch nicht primär ein politisches. Das Gesellschaftliche ist nur eine Ebene neben den anderen, bereits erwähnten Schwerpunkten, Naturprozesse und Schreibprozesse. Die Zitate aus den Werken der erwähnten Autorinnen sind denn auch nur kurz und Ospelts Gedanken dazu vielfältig. Sie lassen sich nicht auf Slogans reduzieren. Die Autorin erkundet immer auf eine ganz persönliche Art, was wichtig ist für ihr psychisches Wohlbefinden und Funktionieren-Können in dieser Lebensphase, auch wenn diese Bedürfnisse oft verallgemeinert werden könnten. Als das Baby geboren ist, braucht sie Zeitinseln, die sie für sich allein nutzen kann. Indem sie stundenweise unter Menschen geht, spürt sie ihre eigenen Konturen wieder, kommt heraus aus der Formlosigkeit und Pausenlosigkeit des Mutter-mit-dem-Kind-Seins. Ihr permanent schlechtes Gewissen ist eine weitere Last und Triebfeder. Sie fragt sich, ob es besser wäre, wenn Care-Arbeit entschädigt würde, oder wie viel Erwerbsarbeit neben einem kleinen Kind sinnvollerweise möglich wäre. Auf diese Fragen gibt es keine konkreten Antworten. Das wäre zu platt für ihre poetische Erkundung des Themas. Auf der gesellschaftlichen Ebene beobachtet die Autorin auch, wie sich der zum Vater gewordene Partner in der Aussensicht der Leute wandelt und wie Frauen aus der Oberschicht früher Ammen, Köchinnen und Schneiderinnen beschäftigen konnten. Dabei realisiert sie, dass sie das zwar nicht kann, aber dass sie selbst durchaus in einer privilegierten Situation ist, nicht nur weil sie einen Partner hat, der sich um das Kind und auch um sie kümmert, sondern auch, weil die Grosseltern ihr und ihrer Familie viel Unterstützung geben können.
Auf der inhaltlichen Ebene fällt auf, dass die Geburt weitgehend ausgespart ist aus Anna Ospelts Text. Kurz erwähnt sie, dass das Baby per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen ist und dass es davor schon einmal eine Fehlgeburt gegeben hat. Auch die Partnerschaft kommt nur sehr am Rande ins Spiel. Auf diese Weise bewahrt sich Anna Ospelt bei der gegebenen Nähe des Themas zu ihrer Biografie eine gewisse Privatsphäre.
Auch die Form, die Anna Ospelt für ihr Buch entwickelt hat, unterstützt die Erforschung ihres Themas unter Einhaltung einer gewissen Privatsphäre. Frühe Pflanzung ist kein Tagebuch, das festhält, was sich ereignet. Es ist auch keine Autofiktion, in der die eigene Biografie so erzählt wird, dass sie gesellschaftliche Fakten und Veränderungen spiegelt. Am nächsten kommt die Form dem, was im Angelsächsischen als Lyric Essay bezeichnet wird: Ein Lyric Essay kombiniert autobiografisches Schreiben mit kreativen Formen des literarischen Schreibens, des Experimentierens mit poetischen Mitteln. Dadurch transformiert die Autorin ihre Erfahrungen und gibt ihnen eine neue Qualität. Dies gelingt Anna Ospelt auf beeindruckende Weise.