Die Welt berühren
Verena Bühler über «Die Ränder der Welt» von Jens Steiner
«Ich weiss nicht, ob es wahre Erinnerungen gibt. Früher oder später beginnen alle Erinnerungen zu lügen,» sagt Kristian Aavik zu der alten Frau auf der estnischen Insel Hiiumaa, die zehn Jahre als Sekretärin für seinen Grossvater gearbeitet hatte. Sie erkennt Kristian auf Anhieb an zwei körperlichen Merkmalen, die er von seinem Grossvater geerbt hat - den sechsten Finger an der einen Hand und den Gang.
Steiners Roman beginnt mit Kristians Überfahrt von Simrishamn an der schwedischen Südküste auf die dänische Insel Christiansø. Er folgt einer Einladung, oder eher einer Aufforderung, seines Jugendfreundes Mikkel Jacobsen, ihn zu besuchen, und auf dieser Fahrt schaut er zurück auf sein bisheriges Leben, wie er es in seinen Erinnerungen und aus Erzählungen von anderen sieht.
Kristians Eltern flohen mit ihm und seiner Tante Leena am Ende des 2. Weltkriegs aus Estland nach Basel. In Basel lässt sich die Familie in Kleinhüningen nieder, einem Quartier am Rand, in dem die Welt mit dem Rheinhafen und dem Dreiländereck in gewisser Weise zu Ende geht. Als Exileste betätigt sich sein Vater als Übersetzer und «Denkspaziergänger», während seine Mutter versucht, in der Modebranche als Entwerferin von Schnittmustern Fuss zu fassen. Seine Tante Leena nimmt ihn regelmässig mit in ihre Estenrunde, wo der Junge aus Langeweile mit dem Zeichnen beginnt. Erst allmählich wagt er sich allein hinaus aus der sicheren elterlichen Wohnung zu den anderen Kindern. Für diese ist der schüchterne Junge mit dem überzähligen Finger, der alles mit sich machen lässt, eine Attraktion. Das Zeichnen und die Tendenz, sich passiv zu verhalten, bleiben bestimmende Motive im weiteren Verlauf seines Lebens. Dass er ein geschickter Zeichner ist, verhilft ihm zu einer Lehrstelle bei einem Steinmetz, dann zu einer Reise nach Paris, zu einer Stelle als wissenschaftlicher Zeichner in Kopenhagen und zum Erschaffer eines grossen Kunstwerks in Patagonien. Dass er alles mit sich machen lässt, reizt Mikkel Jacobsen, den dänischen Jungen, mit dem er in Kleinhüningen aufwächst. Er wird sein Freund und Spielball.
Kristian reagiert auf das , was ihm widerfährt. Er hat eine sehr gute Beobachtungsgabe und ein reiches Innenleben. Als ob er sich verorten wollte, beschreibt er die Kinder und das ganze «Kleinhüninger Menschenkabinett», das sich ihm im Quartier eröffnet. Mikkel Jacobsen schreibt er darin eine herausragende und zwiespältige Rolle zu, obwohl die Berührungspunkte mit ihm nicht sehr zahlreich sind und die grosse Bedeutung dieser Beziehung zunächst auch nicht ganz überzeugend wirkt. Doch die ungewöhnliche Bindung hält über die Jahre, und Mikkel greift an entscheidenden Punkten in Kristians Leben ein.
Während seiner Lehre als Steinmetz holt Mikkel Kristian einige Male von der Arbeit ab und sie sprechen über Bücher und Autoren. Moby Dick, Der Fänger im Roggen, Kerouac, Julio Cortàzar, To Kill a Mockingbird, Ludvig Holberg, Kafka, Karen Blixen, Elsa Morante, Ernesto Sabato. Sind die beiden junge Intellektuelle, die sich mit der Literatur der Moderne auseinandersetzen? Nicht wirklich. Das literarische Name-dropping schafft eine bestimmte Stimmung, aber auf Anzeichen von entscheidenden Einflüssen, die die beiden weiterbringen würden, wartet man vergebens.
Nach der Schule zieht Mikkel nach Kopenhagen, um Dänische Literatur zu studieren und lädt Kristian bald ein, ihn dort zu besuchen. Kristian folgt der Einladung, wohnt bei ihm in einer WG, die eine Art Keimzelle für den Freistaat Christiania sein könnte - «(d)iese späten 60er und ihre Aufwallungen» - und bleibt in der Stadt, da er keine anderen Pläne hat.
Es gibt kaum Fixpunkte in diesem mäandrierenden Leben, das sich in Kristians Erinnerungen manifestiert. Gelegentlich blitzen Hinweise auf politische und gesellschaftliche Ereignisse auf, z.B. die Ermordung Kennedys, die Hippiebewegung, der Tag, an dem der kleinen Meerjungfrau der Kopf abgeschlagen wurde. Die Lesenden können Kristians Entwicklung so in einen groben zeitlichen Rahmen stellen. Da ist die Heirat mit der Grönländerin Selma Olsen, einer Krankenschwester, die eines Tages in seiner Mansarde auftaucht und mit der er eine intensive Liebesgeschichte durchlebt; die Trennung einige Jahre später, als er sie zusammen mit Mikkel in einer Bar antrifft und erfährt, dass die beiden schon seit einem halben Jahr eine intime Beziehung haben. Er verlässt Kopenhagen Hals über Kopf, bricht alles ab, was er sich aufgebaut hat, reist nach Italien und gelangt von Sizilien aus nach Argentinien. Dort lebt er unter falschem Namen während der Herrschaft der Militärjunta. Doch er findet persönliches Glück und bleibt, einmal mehr, wo das Leben ihn hin verschlagen hat, zunächst in Buenos Aires, später als Busfahrer für Touristen in Patagonien. Er trifft eine Frau mit dem sprechenden Namen Consuelo (Trost), die Krankenschwester ist wie Selma. Sie heiraten und Kristians grösstes Glück ist es, als sie Zwillingssöhne bekommen. Während Consuelo arbeitet, widmet er sich ihrer Erziehung, bis die Kinder für die Schule zu einer Freundin von Consuelo in die Stadt ziehen. Jetzt besinnt er sich zurück auf die Kunst und schafft über Monate hinweg Skulpturen aus Kalksteinblöcken, die er, wie könnte es anders sein, zufällig in der Wüste entdeckt.
Von der Nachricht, dass sein Vater schwer erkrankt ist, lässt er sich zurück nach Europa treiben, wo er ihn über anderthalb Jahre bis zu seinem Tod pflegt, und von dort nach Estland, dem Land seiner familiären Herkunft. Freunde und Bewunderer der Übersetzungsarbeit seines Vaters laden ihn ein und er bleibt und arbeitet ebenfalls als Übersetzer, bis ihn der Brief von Mikkel erreicht mit der Bitte, ihn in Christiansø aufzusuchen. Auf Christiansø kommt der Roman in der Erzählgegenwart an und Kristian trifft auf einen veränderten Mikkel. Auf den letzten Seiten des Romans werden alle offenen Fragen der Geschichte beantwortet.
Jens Steiner sagt über seine Figur Kristian, dass es ihm darum gehe , die Welt zu berühren, um sich seiner Existenz zu vergewissern. Die Kunst ist ein Mittel dazu, doch am Schluss ist es Kristians Frau Consuelo, die ihm nachreist auf die dänische Insel und ihn aus den Erinnerungen in die Gegenwart holt. Sie gibt ihm zu verstehen, dass er von ihr und seinen Söhnen in Argentinien gebraucht wird.
Die vielen Geschehnisse in Kristians Leben werden zweitweise zu knapp abgehandelt, sodass die Darstellungen v.a. der Lebensphasen nach Kopenhagen holzschnittartig geraten. Die Sprache des Romans Die Ränder der Welt zeichnet sich durch auffällig viele Metaphern aus, die in den meisten Fällen gelungen sind. Metaphern verknüpfen zwei unterschiedliche Sphären miteinander. Dieselbe Funktion haben die Kunst und die Erinnerungen des Protagonisten auf der inhaltlichen Ebene. Dessen Lebensgeschichte ist stark überzeichnet, überzeugt aber als Ausdruck einer psychischen Konstitution: Kristian Aavik ist ein Gegenentwurf zu den zielorientierten Lebensplanerinnen und -planern, denen heute die öffentliche Aufmerksamkeit gilt.