Die Nachkommende

Martina Keller über Die Nachkommende von Ivna Žic

Viele Stunden verbringt Ivna Žics Protagonistin unterwegs, in Zügen und Bussen, zwischen Zagreb, Zürich und Paris, zwischen ihrer Heimat, ihrem Wohnort und ihrem Geliebten. Die vielen Fahrtstunden manifestieren sich am Körper, stecken der jungen Frau buchstäblich in den Knochen:

... wieder einmal diese Fahrt, die weder aufhört noch irgendetwas auslöst, ausser die Wiederholung, ausser ihre Dauer, bekannte zwölf Stunden, wo stapeln sie sich wohl, diese immer wieder neuen fast zwölf Stunden Fahrt, irgendwo in diesem gekrümmten Körper liegen und stapeln sie sich ...

Der Körper ist wie eine Landkarte, auf der sich Spuren einprägen, die man lesen kann, wie ein Buch. Diese körperliche Reiseerfahrung, die sich auch im Roman wiederholt, ist Ausgangspunkt wie auch wichtiger Kontrast für die vielen gedanklichen Reisen, welche die junge Frau in Die Nachkommende unternimmt, und die ebenso deutliche Spuren hinterlassen.

So spielt dieser Text mit seiner Position im Dazwischen, in Zwischen- und Leerräumen und vermittelt ein Gefühl der Rastlosigkeit, der Atemlosigkeit, des Nicht-Ankommens, des Unterwegsseins. Alles ist in der Schwebe, alles ist unter Spannung in diesem Roman.

Diese spannungsgeladene Schwebe widerspiegelt sich einerseits in der komplex gebauten Struktur des Romans, der seine Leserinnen geschickt mit Rück- und Vorblenden an ein bewegtes Leben heranführt. Andererseits vermittelt Žics Sprache eine Atemlosigkeit: Sie erzählt mit langen, bildhaften, aber nie verworrenen Sätzen und mit einer Sinnlichkeit und Intensität, die keine Verschnaufpause zulassen. Die Zeit ist auch ein wichtiges Thema: Sie steht still, sie vergeht zu schnell. Viele Episoden sind einerseits für den Handlungsverlauf wichtig, können aber gleichzeitig auch als Metapher für das Innenleben der Protagonistin und ihre Beziehung zu ihrer Umwelt gelesen werden: So beispielsweise das Unterwegssein oder die wenigen Berührungen zwischen ihr und ihrem Geliebten. Dadurch verleiht die Autorin dem Text eine Vielschichtigkeit, die sich in der inhaltlichen und der sprachlichen Ausgestaltung zeigt.

Während sich die Erzählerin stets fortbewegt, entpuppt sich ihre Reise und auch ihre Erzählung als ständige Wiederholung. «Es ist wie eine alte Geschichte, die sich immer wieder erzählt, die sich nie zu Ende erzählt, fängt wieder von vorne an, macht die Erzählerin zur Greisin, obwohl es nicht sein kann, aber die Wiederholung, die Wiederholung, die Wiederholung misst eine eigene Zeit.» Und wie die Wiederholung konstitutiv ist für das Gelingen der Erzählung, ist sie gleichzeitig auch die grösste Angst: «...ich will diese Geschichte nicht teilen, ich will nicht, dass sie schon häufig vorgekommen ist, dass sie bekannt ist, ich will nicht, dass sie wiederholt werden kann».

Es gelingt Ivna Žic in ihrem beeindruckenden Debüt, Sprache und Handlung stark ineinandergreifen zu lassen und einem Text, der zu grossen Teilen aus Erinnerungen, Gedanken und Fantasien besteht, eine Verhaftung im Realen zu verleihen.

Obwohl die wichtigsten Figuren in dem Roman die meiste Zeit abwesend sind, haben sie eine starke Präsenz. Das gleiche gilt für die Protagonistin: Auch sie ist durch ihr Unterwegssein abwesend – was ihr von ihrer Familie und ihren Freunden zum Vorwurf gemacht wird: «Du bist nie da! Wirst du nicht müde?». Dennoch ist sie stark mit ihrer Heimat verbunden.

Wichtige «Abwesende» sind die kroatischen Grosseltern der Protagonistin, durch welche sie mit ihrer Heimat konfrontiert wird. Ihre Grossmutter hat «Beine wie Türme», ist wie «ein sitzender Berg am Meer», der Grossvater hat gemalt und irgendwann plötzlich aufgehört. Das Bild der türkisen Frau – das auch das Cover von Die Nachkommende schmückt – erinnert daran. Die Erzählerin findet für ihre Grosseltern eine bildhafte Sprache.
Nicht nur in der Auseinandersetzung mit den Grosseltern und der Vergangenheit, sondern auch in Begegnungen und Erlebnissen bei den regelmässigen Besuchen in Kroatien, die wiederum wieder Erinnerungen auslösen, werden Themen wie Herkunft und Identität verhandelt.

Der andere wichtige «Abwesende» ist der Mann, in den die Erzählerin sich verliebt hat. Er wohnt in Paris, ist verheiratet und einige Jahre älter. Kennengelernt haben sie sich im Hochsommer, auf der «Grossmutterinsel» in Kroatien, der Heimat der Protagonistin. Die erste Begegnung war flüchtig, aber prägend, doch ein Zusammenfinden ist ausgeschlossen. Die Erzählerin sagt: «es trennt uns nicht wenig, wenn wir zu zählen begännen, wären die Jahre noch das allerwenigste». Es trennt sie Erfahrungen, «Entscheidungen in all den Jahren, die vor unserer Begegnung liegen». Si sitzen oder liegen oft nebeneinander, schauen in die gleiche Richtung, aber nicht zueinander.

Der Roman endet mit einem Ankommen: Die Erzählerin erreicht Zürich, wo sie zuhause ist, früh morgens. Doch es ist nur ein vorübergehendes Ankommen, ein vorübergehendes Innehalten. Auf der letzten Seite steht nämlich in Abwandlung des bekannten Schlusssatzes der Märchen: «Wer gestorben ist, lebt noch heute» – ein Ende, das offener nicht sein könnte.

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