Die mitgegebenen Geschichten der letzten Generationen

Dominik Müller über «Wahrscheinliche Herkünfte» von Ivna Žic

In Ivna Žics viel beachtetem, 2020 mit dem Terra Nova-Preis der Schweizerischen Schillerstiftung ausgezeichnetem Erstling, mustert die in Zagreb geborene und in Zürich aufgewachsene Protagonistin ihre Hand: «fünf dieser Finger gehören mir, die andern fünf Finger tragen nicht meine Geschichten, das sind die mitgegebenen Geschichten der letzten Generationen». Dazu passt der Titel des Buchs: Die Nachkommende. Die vier Essays im wiederum bei Matthes & Seitz in Berlin erschienenen zweiten Buch der Schriftstellerin und Theatermacherin muten an wie Nachgedanken und Erläuterungen zum ersten, dessen stark autobiographischer Charakter damit offengelegt ist. Wieder geht es um «Herkunft», darum, wie nicht nur selber erlebte Vergangenheit uns prägt.

Ein erster Akzent wird durch den Plural gesetzt: «Herkünfte». Das Word-Korrekturprogramm protestiert prompt: es will das Wort nur in der Einzahl durchgehen lassen. Bezeichnend für den Widerstand gegen diesen Plural ist laut Žic der Vorgang der «Einbürgerung», der von einer singulären Zugehörigkeit ausgehe. «Dazubürgern wäre doch eigentlich das schönere Wort. | Nicht ein- oder aus-. Nicht sich. | Sondern alles rundherum: dazu und dazu und dazu.» Das Plädoyer für multiple Existenz lehnt sich nicht nur auf gegen das Monopol der einen Sprache, sondern auch die Monopole der einen Kirche oder einen Liebe.

Zum Plural «Herkünfte» setzt der Titel als zweiten Akzent das Adjektiv «wahrscheinliche». Damit steht der Titel auch für die Einsicht, dass Herkünfte konstruiert werden. Das geschieht im Erzählen. So kommt die Autorin während ihren Herkunftserkundungen immer wieder ins Erzählen. Dass dies nicht ohne Fiktion geht und bestenfalls «Wahrscheinlichkeit», keine absoluten Wahrheiten zu haben ist, ist angesichts der Tatsache, dass mit Vergangenheitsbehauptungen nicht nur im Balkan Kriege geführt werden, ein heilsames Eingeständnis.

Die beiden mittleren Stücke des symmetrisch aufgebauten Bandes zeigen, dass das Erzählen der Autorin auch besser liegt als die diskursive Erörterung, bei der das Suchende der Sprache gelegentlich plötzlich als schwammig erscheinen kann (ein Lektorat hätte hier die eindeutigen Unstimmigkeiten ausräumen müssen). Sie handeln von den Grosseltern der Schreiberin – das erste von den Grossmüttern (denen schon Die Nachkommende gewidmet war), das zweite von einem der Grossväter. Als die Autorin noch ein Kind war, hat ihr dieser Grossvater auf packende Art Märchen erzählt. Als Erwachsene erkennt sie, dass diese Erzählfreude in einem eklatanten Kontrast dazu stand, dass der Grossvater von seinem eigenen Leben schwieg, vor allem aber nie davon erzählte, wie er ein dramatisches historisches Ereignis am Ende des Zweiten Weltkriegs überstand, in das er als zwanzigjähriger Soldat hineingezogen wurde und für das der Name Bleiburg steht. Was im Mai 1945 in der Nähe der im südlichen Kärnten gelegenen Ortschaft dieses Namens passierte, deutet der Text nur an. Zu oft wurde mit Erzählungen davon einseitig Politik gemacht, sei es vom offiziellen Österreich, vom untergegangenen Tito-Jugoslawien oder von kroatischen Nationalisten. Die Angst, sich erzählend einer Ideologie zu unterwerfen, dürfte dem Grossvater – über das ganz persönliche Trauma hinaus – den Mund verschlossen haben. Die Enkelin erzählt stattdessen von zwei Reisen nach Bleiburg, von Gesprächen mit Zeugen und Hobbyhistorikern und von einem Theaterprojekt über die Grossvatergeschichte. Das wohl nicht nur der Rezensent sich nach der Lektüre im Internet über das «Massaker von Bleiburg» (so der Titel eines einschlägigen Wikipedia-Artikels) kundig zu machen suchte, ist vielleicht ein nicht ganz gewollter Nebeneffekt der nachvollziehbaren Informationsverweigerung. Als behutsame und respektvolle Hommage an den Grossvater ist aber der Text ebenso berührend wie die Hommage an die beiden Grossmütter, zu denen die Enkelin einen unmittelbareren Zugang hat. Eine gängige Meinung räumt Grosseltern vor den Eltern das Privileg ein, die Kinder zu verwöhnen. Ivna Žics Texte nehmen das Privileg in der entgegengesetzten Richtung in Anspruch.

Neben den Grosseltern und der ‘Seconda’ bleibt nicht sehr viel Raum für die Eltern. Dass es für sie keinen festen Namen gibt, passt zum Gebot der Unauffälligkeit, dem sie unterworfen sind: «Sprache schnell lernen, nicht auffallen im Bus, Ausweis machen lassen, Papiere klären, Job suchen, gut sein, aber nicht zu gut, denn das würde auffallen.» Auf der Feier nach der Premiere einer Theateraufführung, bei der die Autorin Regie führte, macht ein älterer Schauspieler der Truppe deren Eltern mit der impertinenten Frage sprachlos: «Wie geht es Ihnen als Gastarbeitern – dass Ihr Kind nun als Künstler (natürlich nicht als Künstlerin) einen ökonomisch unsicheren Weg bestreiten wird? Sie sind doch wegen des sicheren Geldes gekommen, nicht wahr?»

Die ‘Seconda’ kann sich vor allem deshalb «etwas entspannter bewegen» als ihre Eltern, weil sie die Sprache des Ankunftslandes ohne Akzent spricht. Erhellend ist ihre Verwunderung darüber, dass sie ihrer Zürcher Lehrerin näher zu stehen scheint als der geliebten «Inselgrossmutter», weil sie den Zürcher Dialekt von jener, aber nicht den kroatischen Inseldialekt von dieser spricht. Immer wieder werden von solchen Beobachtungen Reflexionen zur Sprache angestossen, welche das Leitthema der vier Essays ist: durch die Ausgrenzungen, die auch die Dialekte in Kroatien mit sich bringen, durch die tendenziöse Behandlung der Sprachenthematik in einer Broschüre der Schweizer Einbürgerungsbehörde oder durch das im landläufigen Sinn «fehlerhafte» Deutsch, in dem die ägyptische Autorin Lubna Abou Kheir ihr für das Zürcher Neumarkt Theater geschriebene und dort 2019 von Ivna Žic inszenierte Stück Gebrochenes Lichte zu schreiben wagte.

Wahrscheinliche Herkünfte betrachtet den – wie man gerne beschönigend sagt – multikulturellen Hintergrund ihres Lebens mit einem sehr persönlichen, kritischen Blick. So passiert es in einer ganz und gar nicht voreiligen Art, wenn das Buch nicht auf eine Abrechnung, sondern eine nachgetragene Respektbezeugung für die vorangegangenen Generationen und eine Bejahung der Spannungen zwischen differenten Erbschaften hinausläuft.

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