Wahrscheinliche Herkünfte

Von: Ivna Žic

Das nach dem vielbeachteten Debütroman Die Nachkommende (2019) zweite Buch Ivna Žics enthält vier Essays. Diese umkreisen die multiple Identität der in Zagreb geborenen und als Kind mit ihren Eltern in die Schweiz gekommenen Theatermacherin und Schriftstellerin. Diese Identität wird nicht nur von Selbsterlebtem geformt, sondern auch von den Leben der Vorfahren. Es kommt dem Buch sehr zugute, dass darin nicht nur reflektiert, sondern auch viel erzählt wird, besonders anrührend über die kroatischen Grossmütter und über einen der Grossväter. Dieser war ein wunderbarer Märchenerzähler, verstummte aber aus Gründen, die sorgfältig rekonstruiert werden, wenn es um sein eigenes Leben ging. (dm)

Wie erzählen von einer Vergangenheit, die wir selbst nicht erlebt haben? Wie und in welcher Sprache erzählen von und über Geschichten, die wir nicht nachempfinden können? Denn wenn wir sprechen, sprechen wir Gegenwart, in der die Vergangenheit aber mitspricht: Wer also verstehen möchte, was er spricht, muss auch die Sprache der Toten verstehen. Ivna Žic öffnet in ihrer autofiktionalen Reflexion Zugänge zu den völlig unterschiedlichen Welten ihrer beiden Großmütter und des schweigsamen Großvaters, in deren Leben sich europäische Geschichte und eine untergegangene Welt spiegeln, die nach wie vor in uns weiterlebt und unser Handeln bestimmt. In zärtlicher Prosa und mit präzisen Beschreibungen geht Ivna Žic den Spuren ihrer Ahnen nach und eröffnet einen Ort des Wiedererkennens im anderen und des anderen. Diversität ist horizontal und vertikal, diachron und synchron. Žic' Text öffnet sich in einem Durchgang von der Vergangenheit in eine europäische Zukunft, in der sich eine neue, radikale Vielsprachigkeit längst Raum geschaffen hat, und lässt dadurch aus dem Privaten das Politische und aus den neuen Verhältnissen neue Erzählungen entstehen. (Matthes & Seitz)

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