Die Hunde knurren

Jens-Peter Kusch über Die Perücke von Guy Krneta

Die Perücke von Guy Krneta ist ein Theaterroman ohne doppelten Boden. Der wache, unverzagte Ich-Erzähler berichtet glaubwürdig, was er in seiner Zeit mit Rike am Theater und was er mit Esther erlebt hat, seiner jungen Freundin. Sie kündigt ihren Selbstmord an, und er kann sie nicht aufhalten. Sie schickt ihm ihr Tagebuch, er versteht nicht, warum, und fährt ihr nach, nach Barcelona, Sevilla und Ronda, sucht die Orte auf, an denen sie war vor ihrem Sprung in den Tod. Ein hilfloses, magisches Unternehmen. Ihr Tod bleibt ihm, und uns Leserinnen und Lesern, ein Rätsel und ein Schrecken. Ein Teil der Trauerverarbeitung findet auch über das Theater statt. Der Erzähler ist so mit ihm verwoben, dass er mitunter Theater und Wirklichkeit nicht klar voneinander trennen kann:

Nach ihrem Tod hab ich sie immer wieder gesehen, die Esther, auf der Straße, wie sie vorbeilief, mit ihrem kurzen Haar, in fremden Gesichtern, auf einmal, im Bus oder beim Arbeiten in der Bibliothek. Mit der Zeit hab ich sie weniger häufig gesehen. Aber es kam immer noch vor, dass ich sie plötzlich irgendwo lachen hörte und mich umdrehte. Was wäre wohl, hab ich gedacht, wenn sie plötzlich wieder käme. Wenn sie auf einmal da wäre, alles nur eine riesige Inszenierung gewesen wäre. Wie würde man mit ihr umgehen? Hätte sie überhaupt noch einen Platz unter uns?

Härte und Zärtlichkeit sind in dieser Trauerverarbeitung eng miteinander verbunden. Von der befremdlichen Beerdigung Esthers wird erst am Ende des Romans in einem berührenden Kapitel erzählt. Zweiundzwanzig Jahre nach ihrem Tod findet der Erzähler ihr Grab nicht mehr, es scheint nicht mehr zu existieren. Ein Gedicht, das er zu ihrer Beerdigung verfasst hat, variiert ein Zitat von Robert Walser und gilt wohl auch für Rike:

sagt nicht
ihr hättet sie nicht gekannt

so wie ihr sie gekannt habt
ist sie gewesen

sagt nicht
ihr hättet sie gekannt

Der Verlag Der gesunde Menschenversand präsentiert uns den Roman als schönes, in Leinen gebundenes Buch, das gut in der Hand liegt. Eine Besonderheit ist, dass es gar nicht den ursprünglichen, berndeutsch verfassten Text enthält, sondern die hochdeutsche Übersetzung von Uwe Dethier. Wer das Buch erwirbt, findet darin den Zugangscode zum Original im Internet, eine originelle und clevere Lösung. Sie schränkt das Lesepublikum nicht ein, lässt aber auch die Mundartleserinnen und -leser auf ihre Kosten und zu ihrem zusätzlichen Vergnügen kommen.

Dass der Erzähler seine Figuren auf pointierte Art zu charakterisieren weiss, zeigen gleich schon die ersten Sätze des Romans, mit denen Rike eingeführt wird:

Aufgefallen ist mir ihre Zigarettenspitze. Die ihr etwas Elegantes gab, vielleicht sogar etwas Frivoles, das gar nicht zu ihr passte. Sie war eher klein, zierlich, leicht gebückt, wie eine ältere Frau. Ein junges Gesicht, braune Locken, die Fransen abgeschnitten, wie selbst abgeschnitten, leicht schräg. Große Hände, violette Hose. Ein grüner Stoffregenmantel, den sie auch im Zuschauerraum nie auszog.

Die Handlung ist linear erzählt und trotz zahlreicher Episoden, die auch als Kurzprosatexte in einem Band versammelt sein könnten, aus einem Guss. Die häufig verwendete indirekte Rede ist biegsam und elegant, wie bei Thomas Bernhard, an dessen Erzählung «Gehen» ein Kapitel erinnert, in dem die Kettenraucherin Rike erfolglos in Wiederholungsschleifen mäandernd darüber nachsinnt, mit dem Rauchen aufzuhören. Guy Krnetas durch die Spoken-Word-Performance, die konkrete Poesie und vielleicht auch durch Kurt Martis und Peter Bichsels Kolumnenstil geschliffene Sprache ist voller Witz, Hintergründigkeit und Präzision und frei von jedem Pathos.

Hinter vielen Figuren verbergen sich wohl reale Gestalten: Es dürfte sich bei der Figur Rike um eine Hommage an die 2014 verstorbene Berner Dramaturgin und Regisseurin Beatrix Bühler handeln, der Roman enthält aber auch ein schönes, liebevolles Kapitel über Kurt Marti, alias Werner Bürki, den der Erzähler im Altenheim besucht:

Und sonst, fragte er. Was gibt’s Neues auf der Welt? – Ich wisse nicht, sagte ich, viel Neues gebe es nicht. Alles das gebe es, was man bei ihm ja schon nachlesen könne, was er vor vierzig oder fünfzig Jahren geschrieben habe. Die Macht der Mächtigen. Und die Ohnmacht der Ohnmächtigen. Autoritäre Regimes und die Politik der Amerikaner, die immer irrwitziger werde. Der Hass gegen Minderheiten und Schutzsuchende. Die Zerstörung der Luft, des Waldes, der Atmosphäre, des Meers. Das Klima, das durcheinander sei, die Artenvielfalt, die schrumpfe.

Ein Highlight ist auch die Episode über die anarchische russische Performancegruppe, die Rikes kleine Wohnung kapert: Igor und Dascha, zunächst mit zwei kleinen Kindern, dann mit dreien, und zwei schwarzen, knurrenden Doggen. Igor ist ein Obermacho und in höchstem Grad egozentrisch, aber nicht herzlos. Als seine Frau ihr drittes Kind in der Badewanne gebiert, tanzt er mit der Neugeborenen auf dem Arm durch die Wohnung, wie der Räuberhauptmann Mattis bei der Geburt seiner Tochter Ronja.

Auch die Porträts von Dramaturgen, Intendanten, Regisseuren, Bühnenbildnern, Schauspielern sind realitätsnah, differenziert, humorvoll, bissig und ohne Kalauer, Klischees oder Sentimentalitäten verfasst. Die Figuren werden vom Erzähler nicht etikettiert, manche werden, wie im Theater, durch ihr Handeln und ihre Worte entlarvt. Anschaulich illustriert wird die Theaterwelt und das Theater der Welt darüber hinaus auch durch pointierte Analysen zu Becketts absurdem Stück Glückliche Tage oder zum realitätsfernen, gewalttätigen, konfliktlosen schweizerischen Robinson-Roman, für den der Erzähler eine Bühnenfassung in Mundart schreibt. Das Stück wird ein Erfolg, und ein Jahr später wird in Bern auf einer Industriebrache am Fluss die «Freie Republik Robinson» gegründet, nach etwa zwei Jahren politischer Ratlosigkeit allerdings plattgewalzt. Auch zu dieser Episode gibt es ein reales Vorbild: Zaffaraya.

Wie Moritz’ Anton Reiser oder Goethes Wilhelm Meister erzählt auch Die Perücke von einer theatralischen Sendung. Sie ist aber nicht zu einer existenziellen Frage hochstilisiert. Alles, was erzählt wird, ist geerdet. Der Erzähler arbeitet, beobachtet, versucht zu helfen und zu vermitteln und stellt kritische Fragen. Wenn er nicht weiss, ob etwas Schlimmes – wie der Selbstmord Esthers oder der Krebstod Rikes – vielleicht doch nur eine Illusion, eine Inszenierung ist, dann hat das mit der Härte des Schmerzes und des Leids zu tun – und mit dem Theater, das seit je versucht, Schmerz und Leid verstehbar zu machen. Die durchlässige Grenze zwischen Theater und Wirklichkeit wird immer wieder thematisiert. Dass sie verschwimmt, erfährt auch Rike, die ihr Krebsleiden nicht wahrhaben will. Weil alles in ihrem Leben mit Theater zu tun hat, weiss sie – und wissen auch der Erzähler und wir als Leserinnen und Leser – am Ende nicht mehr so recht, ob sie es ist, die schon mal im letzten Jahr im Krankenhaus war und für die ein Paket am Schalter der Notfallstation abgegeben wurde. Der Perückenmacher, der sie am Krankenbett besucht habe, sagte ihr,

er könne ihr eine Perücke machen, wo niemand sehe, dass es eine Perücke sei. Klar, das sei aufwendig, sie hätten ja jetzt auch noch ein wenig Zeit. Man müsse jedes Haar einzeln knüpfen. Wie früher. Das Perückenmachen sei eines der ältesten Handwerke. Schon die alten Ägypter hätten Perücken gemacht. Und an der Art, wie man Perücken mache, hätte sich über die Jahrhunderte prinzipiell nicht viel geändert.

Wie das Perückenmachen ist auch das Theater ein uraltes Handwerk. Das Ende des Romans greift ganz schlicht zurück auf den Anfang. Im Paket, das immer noch am Schalter der Notfallstation liegt, findet der Erzähler eine Perücke: «Mit abgeschnittenen Fransen, wie selber abgeschnitten, leicht schräg.»

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