Die Gischt der Alltäglichkeit

Tamara Schuler über Wellen von Heinz Helle

Was tun mit der Wut im Bauch, der Überforderung als Vater, den Kapriolen des Lebens? Heinz Helle gewährt einen ungeschönten Einblick in die Lebenswelt eines 40-jährigen Autors, der mit seiner Frau und zwei gemeinsamen Töchtern den Alltag bestreitet.

Die titelgebenden Wellen durchziehen diese Erzählung auf vielfältige Weise: Da ist einerseits der Beginn der Pandemie, deren Wellen die Gesellschaft durchpflügen und umwälzen; da ist aber auch der Sehnsuchtstraum des Protagonisten, weit weg in den Norden zu ziehen, auf eine Insel im Wattenmeer, wo Springfluten drohen und das geographische Fortbestehen aufgrund des Klimawandels unsicher ist. Das Kreischen des Babys schwillt wellenartig an und ab, und auch die Wut schwappt in Wellen über den Erzähler, der diese Gefühlsfluten mit Besorgnis reflektiert:

Ich weiß nur nicht, ob es normal ist, ab und zu hässliche Bilder vor dem inneren Auge zu sehen, in denen die eigene Faust eine Rolle spielt, und ich weiß auch nicht, ob das plötzliche Verständnis für Eltern, die es nicht schaffen, ihre Kinder großzuziehen, die sie vernachlässigen oder ihnen etwas antun, ein Zeichen von zu- oder abnehmender Empathie ist.

Schonungslos ehrlich wird hier das Dasein als Mann, Partner, Vater und Autor protokolliert. Der Ich-Erzähler kämpft gegen toxische Männerbilder, hinterfragt sich und erlaubt seinem Denken, in alle Richtungen davonzustieben. Seine Identitäten, gerade auch in Interaktionen mit Anderen, sind damit permanent einer möglichen Neujustierung ausgesetzt: «[…] und ich merke, dass ich mich bei der Frage, wozu ich fähig bin, immer vor allem als Deutschen betrachtet habe und nicht so sehr als Mann.»

Heinz Helle findet für seine Schilderungen eine ganz eigene Sprache, oszillierend zwischen profanen, überaus menschlichen Beobachtungen («diese Angst-Scheisse») und tiefgründigen, existenziellen Betrachtungen. Dass er dabei stets eine feine, lakonische Ironie mit einflicht, zeugt von seinem eigenen schriftstellerischen Selbst-Bewusstsein:

[… ]und als Letztes, am Ende jedes Gedankens, egal ob er aufgeschrieben ist oder verflogen, gibt es dann mich, der immer noch an die Möglichkeit glaubt, es könne von Bedeutung sein, schriftlich zu dokumentieren, wie es ist, in dieser Welt zu leben, heute und hier, obwohl das ja streng genommen niemand nachlesen muss, es erleben ja alle selbst.

Ganz eindeutig bedient sich der Autor auch biographischer Begebenheiten, wobei die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion nicht auszumachen sind und Wellen als Roman untertitelt ist. Heinz Helle ist mit der Autorin Julia Weber verheiratet, deren Roman Die Vermengung im April dieses Jahres beim Limmat Verlag erschienen ist. Hier sind also zwei Schreibende, die zusammen sind, miteinander Kinder haben und Romane über die Alltagsrealität einer Figur verfassen, die dem jeweils eigenen Leben alles andere als fern ist. Es gibt klare Berührungspunkte zwischen den Büchern, so heissen die Kinder in beiden Erzählungen Z. und B., und was in Wellen eine Unterhaltung zwischen Protagonist und Partnerin ist, findet sich in Die Vermengung als Romanfragment wieder: «Im Übrigen hättest du neulich geträumt, du hättest Sex gehabt mit einer kleinen, sanften, zärtlichen Frau.»
Es lohnt sich, beide Bücher zu lesen, nicht zuletzt, weil jedes Werk eine ganz eigene sprachliche Klangfarbe hat. Ihnen gemein ist die kompromisslose Ehrlichkeit, mit der insbesondere ambivalente Gefühle beleuchtet werden. Während Julia Weber auch literarische Fiktion einarbeitet und eine sehr sinnliche, poetische Atmosphäre erschafft, driftet Heinz Helle immer wieder genussvoll ins Philosophische und Historische ab. Seine bisweilen ausufernden Sätze fallen ins Bewusstsein der Leser:innen und lassen so wiederum Wellen entstehen, die lange noch ihre Kreise ziehen:

[…] und mein Sitzen ähnelt in Wahrheit einem Fallen oder vielmehr einem Gleiten durch einen genau meinem Gesichtsfeld entsprechenden Spalt in der Welt, weil alles, was ich sehe, berühren kann oder bewegen, von mir kontaminiert und mit mir und meinem Schauen und Denken verklebt zu sein scheint und verklumpt und sich dann abkoppelt von der sogenannten Außenwelt und dann schnell und lautlos in mir versinkt wie die leckgeschlagene Rettungskapsel einer explodierten Bohrinsel in der Nordsee […].

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