Die Gegenwart ist ein Resonanzkörper der Vergangenheit
Dominik Müller über «Flimmern im Ohr» von Barbara Schibli
Priska hat sich dazu durchringen können, ein Innenohr-Implantat einsetzen zu lassen, um endlich von einer jahrelangen Hörschwäche befreit zu werden. Der Eingrifft setzt einer mehrjährigen Blockade ein Ende.
Vorerst geht es für die ca. Fünfzigjährige darum, sich an das Gerät zu gewöhnen und mit seiner Hilfe neu hören zu lernen. Das erweist sich als ein nerventötendes Unterfangen und weckte aggressive Affekte gegen die Hörtherapeutin. Indem Priska für ihre Hörexperimente Schallplatten aus den frühen 1980er Jahre auflegt, kommt auch eine bewusste Auseinandersetzung mit ihrer bewegten Jugend in Gang, deren unverarbeitete Nachwirkungen zusammen mit der Hörbehinderung seither ihr Leben bestimmt haben. Priskas Notate – aus ihnen besteht der Roman – pendeln hin und her zwischen der von den Sprechstunden mit der Therapeutin bestimmten Gegenwart und Jugendreminiszenzen. Die Punk-Bands, deren Songs auf den Schallplatten festgehalten sind, spielten eine ausschlaggebende Rolle in der Jugend- und Frauenbewegung jener Jahre. Dass Priska so leidenschaftlich Teil davon geworden war, hing mit ihrer Liebe zu Gina zusammen, einer charismatischen, temperamentvollen, aber nie recht fassbaren Aktivistin der Jugend- und Frauenbewegung aus dem Tessin. Priska besuchte mit Gina Partys, Konzerte, Demonstrationen und Arbeitsgruppen, was sie für Monate in eine Art Rauschzustand versetzte, den sie jetzt beim Wiederhören der Schallplatten noch einmal zu erleben hofft. Die beiden teilten bald eine gemeinsame Wohnung. Dort sah sich Priska aber immer häufiger alleingelassen; regelmässig verschwand Gina ohne Vorwarnung für Tage, ja Wochen.
Das Gehör auf einem Ohr verliert Priska, als auf einer Frauen-Demo in ihrer unmittelbaren Nähe eine Tränengaspetarde der Polizei explodierte. Gina, die Priska dazu überredet hat, an der Demonstration teilzunehmen, macht sich ausgerechnet in diesem Moment endgültig aus dem Staub und verweigert ihrer Geliebten so den Beistand, den sie jetzt mehr als je braucht. Zur physischen kommt eine psychische Verletzung, ein doppeltes Trauma, das Priska für Jahre gefangen hält. Es hindert sie etwa daran, in Bengt, der ihr nach dem Verschwinden Ginas beisteht und dann zu ihrem Lebenspartner wird, mehr als einen Lückenbüsser für ihre «grosse» Liebe zu sehen.
Die zwei Zeitschichten – die Schreibgegenwart (um das Jahr 2010) und die dreissig Jahre zurückliegenden Jugendjahre – werden noch durch eine zusätzliche Klammer verbunden, die dem Einzelfall Repräsentativität verleiht. Die Bespitzelung von Bürgerinnen und Bürgern, die mit einer rechtsbürgerlichen Ideologie nicht konforme Ansichten und Lebensweisen anhingen, feierte zur Zeit der Jugendunruhen der 1980er Jahre Urstände. Obwohl sie Anfang der 1990er Jahre aufgedeckt wurden («Fichenskandal»), fliegen 2010 neue, jetzt noch doppelt schockierende Fälle auf. Priska, aber erst recht Gina gehörten zu den bevorzugten Opfern dieser Machenschaften der «Staatsschützer». In der Angst, zu deren Komplizin zu werden, liegt vielleicht der Grund, warum Priska es sich lange verboten hat, Nachforschungen über Gina anzustellen und dem eigenen Verdacht nachzugehen, diese könnte Verbindungen zur deutschen Terrorszene der RAF unterhalten. Ein wie das Einsetzen des Implantats lange hinausgezögertes Gespräch mit einer befreundeten Journalistin, die über die Ableger der RAF in der Schweiz recherchierte, erlaubt es Priska, den Verdacht loszuwerden. Weil auch die Hörhilfe unversehens kein Thema mehr ist, eröffnen sich am Schluss des Buches, der hier nicht vorweggenommen werden soll, hoffnungsvolle Perspektiven.
Barbara Schiblis Roman ist ein interessantes Buch. Es öffnet Einblicke in Lebensbereiche, die nur wenigen vertraut sind: das Leben mit einer hochtechnologischen Prothese, die sozialen Konsequenzen einer Hörschwäche, das Innenleben der Frauen- und Jugendbewegung um das Jahr 1980. Er erkundet die mobilisierende Kraft von Songs (deren Texte ausgiebig zitiert werden) und die Zonen zwischen gewaltfreiem und gewalttätigem politischem Protest. Und er erzählt davon, wie sich auch in einem sich progressiv wähnenden Milieu ein Liebesverrat uralten Musters ereignet.
Barbara Schibli stattet die Heldin ihres Romans, die der Generation ihrer Eltern angehört, mit dem Vermögen aus, sich in einer betont nüchternen Sprache klar und sensibel über ihre Situation Rechenschaft abzugeben
Ich war enttäuscht, verletzt. Auch verwirrt und verunsichert.
Doch irgendwie kam auch wieder Wut.
Und das war gut so.
Denn sie heilte allmählich die Wunden. (S. 248)
Solche Feststellungen scheinen Priska Sicherheit zu verschaffen. Für Leserinnen und Leser verstellen die abgegriffenen Formulierungen aber den Zugang zum Innern der Figur eher, als dass sie ihn öffnen. Sätze wie etwa jene, in denen das Verhältnis zu Bengt abgebucht wird, ohne dass gestreift wird, was das Paar ja augenscheinlich verbindet, tragen kein Licht in die tieferen Schichten von Priskas Leben. Von der angewandten Montagetechnik wird einmal bemerkt: «Damit eine Geschichte erzählt werden kann, wird nicht alles erzählt». (S. 141) Was aus dem frühen und dem späteren Leben Priskas erzählt wird, greift aber schliesslich doch so perfekt ineinander, dass der Eindruck zurückbleibt, alles sei hier aufgeräumt und ins Reine gebracht. Dabei ist dem Roman aber zugute zu halten, dass er selber das Misstrauen gegen die Bewältigungsversuche der Erzählerin schürt.