Die Erinnerung erfinden
Beat Mazenauer über Reise an den Rand des Universums von Urs Widmer
«Denn früher einmal dachte ich, dass die Phantasie nichts anderes als ein besonders gutes Gedächtnis sei. Heute glaube ich eher, dass jedes Erinnern, auch das Genaueste, ein Erfinden ist.»
Das Phantastische und die Erinnerung, so liessen sich die beiden sich nicht ausschliessenden Pole in Urs Widmers Werk bezeichnen. Die frühen Romane, zu nennen wären Die gelben Männer (1976) oder Im Kongo (1996), wagen sich mit komischer Wirkung aufs Glatteis zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Spätestens mit dem elterlichen Doppelporträt in Romanform: Der Geliebte der Mutter (2000) und Das Buch des Vaters (2004) hat Urs Widmer das biographisch-autobiographische Feld präziser abgesteckt. Nach dem Vaterbuch schien es damals eine Frage der Zeit, bis die Trilogie vollendet würde. Das jüngste Buch macht sie nun komplett. Im Untertiel nennt es sich nicht mehr Roman, sondern «Autobiographie».
Der Autor Urs Widmer legt es darin aber nicht auf eine vollständige Lebensbeschreibung an, die ersten 30 Jahre genügen ihm. Mit der 1968 erschienenen Debüterzählung Alois begann für ihn gewissermassen ein neues Leben als öffentliche Person.
Eine Rückschau ist auch so etwas wie ein Abschied, bekundet Widmer seinen Respekt gegenüber dem Genre der Autobiographie. Abrunden ja, doch nicht abschliessen möchte er. Dennoch hat er sich an das Werk des erfinderischen Erinnerns gemacht. Wie weiland Laurence Sterne im Tristram Shandy setzt er seinen Bericht vor der Geburt an, um dem rigiden Wirklichkeitsbezug den Stachel zu ziehen.
Zwischen der Mutter und dem Vater wird hier nun auch der Junge von damals sichtbar. Er sieht sich selbst in der Rolle des familiären Vermittlers, der den prekären Frieden aufrecht zu erhalten versucht. Während der Vater, der Übersetzer Walter Widmer, in seinem Arbeitsfuror gar nicht merkte, was für ein «Luxusleben» er führen durfte, neigte die Mutter zu depressiven Anfällen, die sie wiederholt zu Klinikaufenthalten zwang. «Wie sehr gaben sich meine Eltern Mühe, uns Kinder glücklich zu sehen – und selber glücklich zu sein –, und wie sehr misslang ihnen das.» Mit diesem Satz erinnert sich Widmer an die weihnachtliche Harmonie, bei der Wunsch und Wirklichkeit für seltene Momente notdürftig zur Deckung kamen. Der Erzähler fühlte sich für diesen Zusammenhalt verantwortlich, er war sich sicher, dass die Familie auseinanderfallen würde, wenn er das Haus verliesse. «Sie waren Papa und Mama. Ich liebte und brauchte beide. Das vielleicht.»
Urs Widmers Autobiographie erzählt nicht das ganze Leben, sie rekonstruiert lediglich ein paar bemerkenswerte Kapitel aus dem Leben eines wilden, vorlauten und zugleich ängstlichen Buben sowie eines unternehmungslustigen, doch auch schüchternen jungen Mannes, der die Freiheit mehr und mehr ausserhalb der familiären und heimatlichen Grenzen suchte. Er erzählt von Reisen und Bekanntschaften in der Fremde, namentlich einem kleinen Reigen von mehr oder weniger glücklichen Affären in Paris, die gekrönt wurden vom coup de foudre angesichts von May, deren Hand er nie mehr loslassen sollte. Er erzählt farbig, anschaulich und lebhaft, ohne dass er in Versuchung gerät, die Anekdoten und Geschichten in schnelle Pointen aufzulösen. Das Werk des Erinnerns ist Arbeit.
Damit gibt er Einblicke in seine erste Lebenshälfte. «La Rösa» wird zum Zauberwort – jene Alp am Südhang des Bernina-Passes, wo die Familie regelmässig ihre Ferien verbrachte. Über Schule und Universität verliert er wenig Worte, haften bleibt indes die knappe, pointierte Skizze des Historikers Edgar Bonjour. Und vieles mehr. Er hält sich dabei nur lose an eine strenge Chronologie, beim Bündeln von Stoffen und Themen bleiben auch Leerstellen.
Stilistisch überzeugt das Buch allerdings nicht restlos, hin und wieder lässt es die von Widmer gewohnte sprachliche Eleganz vermissen. Dies äussert sich zum einen darin, dass sich die Erzählperspektive als wankelmütig erweist, schwankend zwischen kindlicher Optik und nachträglicher Konstruktion. Zum anderen streut er unpassend saloppe Wendungen ein und unnötige Hinzufügungen in Klammern. Auch der Gestus der rhetorischen Hinwendung an die Lesenden wirkt hin und wieder etwas bemüht. «Ich hatte also – das habe ich, glaub ich, schon gesagt» – ja: nämlich gerade eben ein paar Zeilen weiter oben.
Die Gattung Autobiographie, formuliert Widmer einmal, scheint mir jede grosse Sprachgeste zu verbieten», auch die der sprühenden lustvollen Zuspitzung. Diese Zurückhaltung lässt trotz allem spürbar werden, wie die familiäre Situation den jungen Autor belastet, so dass sich Ängste und Panikzustände – beispielsweise in Form von kleinen Ticks – in sein Leben einschlichen. Darüber verliert Widmer keine grossen Worte – nur soviel: «erzählen wir sie uns noch einmal».