Der Tod in Venedig – entsublimiert
Dominik Müller über «Venedig, 1911» von Martin Frank
Aus unbekannter Perspektive eine bekannte Geschichte nochmals zu erzählen, kann ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit sein. Die eben verstorbene Erica Pedretti führte das in ihrem Roman Valerie oder Das unerzogene Auge vor. Sie spürt darin den Wahrnehmungen und Gefühlen Valentine Godé-Darels nach, deren Sterben ihr Geliebter, Ferdinand Hodler, in einem bestürzenden Bilderzyklus festgehalten hat. Die bisher stumme Figur, der Martin Frank in Venedig, 1911 zur Sprache verhilft, ist Tadzio, der bildschöne Jüngling aus Thomas Manns 1911 entstandener Kultnovelle Der Tod in Venedig. Frank begnügt sich allerdings nicht einfach mit einer Umkehr der Blickrichtung. Ist man in Manns Novelle immer im Kopf des verliebten Schriftstellers, wechseln sich in Franks Roman Abschnitte, die von dem Jungen erzählt werden, mit solchen des Schriftstellers ab.

Frank lässt den Schriftsteller, der mit seiner Selbstbeweihräucherung alle nervt, nur in der wir-Form sprechen – vielleicht ist dies eine maliziöse Anspielung auf die neueren Texte Christoph Geisers, deren Erzähler ebenfalls die erste Person Plural verwenden, wenn auch mit einem eher selbstironischen Ton.
Was Franks Roman, welcher der Untertitel «Eine Entsublimierung» zu erzählen vorgibt, ist der tatsächliche Ferienaufenthalt in Venedig vom Juli 1911, aus dem Mann seine Novelle herausphantasiert hat. Der Tod in Venedig wird in Franks Buch mit einer Passage zitiert, die zu einer solchen Rekonstruktion einladen kann:
Es ist sicher gut, daß die Welt nur das schöne Werk, nicht auch seine Ursprünge, nicht seine Entstehungsbedingungen kennt; denn die Kenntnis der Quellen, aus denen dem Künstler Eingebung floß, würden sie oftmals verwirren, abschrecken und so die Wirkung des Vortrefflichen aufheben.
Um klar zu machen, dass die Realität, die da hinter der Fiktion hervorgeholt wird, natürlich ihrerseits eine Fiktion ist, nennt Frank den Schriftsteller nicht Thomas Mann, sondern Paul Thomas. Im Hotel auf dem Lido heisst er der dottore. Die Namensänderung des Jungen ist minimal: Tazio, statt Tadzio. In «Wirklichkeit» heisst er Nino. Er ist ein junger Stricher, der zusammen mit Branco, einem älteren Berufskollegen, und der Bordellbesitzerin, für welche die beiden arbeiten, in Zimmern auf der gleichen Hoteletage untergebracht sind wie Thomas, und zwar auf dessen Bestellung und dessen Kosten. Zu der Maskerade – «alle wissen, was gespielt wird, und spielen fröhlich mit» – gehört, dass die Gästeliste des Hotels die drei als eine verwitwete Gräfin mit Ziehsohn Tazio und Neffen Massimo führt. Das Personal der Hintergrundgeschichte ist gegenüber dem der Novelle auch sonst erweitert, was zu interessanten Spiegelungen, aber auch zu ermüdenden Repetitionen führt. Dem Protagonistenpaar, das sich beim Erzählen ablöst, sind je mehrere Männer und mehrere Jungen zugordnet, so dass die aufgegeilten Blicke in alle Richtungen schiessen. Auch Gustav von Aschenbach ist da; er ist Komponist, ein Gustav Mahler-Double, wie in Viscontis Verfilmung, die mit ihrem Faible für Luxus eine weitere Quelle für die Adaption Franks darstellt. Nino steht im selben, gleichzeitig zärtlichen wie sadomasochistischen Abhängigkeitsverhältnis zu Branco, wie der Ich-Erzähler in Franks bekanntestem Buch, Ter Fögi ische Souhung von 1979, zum Titelhelden.
Während in Manns Novelle die Liebe nur in einem schwülen Kopftheater ausgelebt wird, kommt es in Franks Roman zu hartem Sex. Obwohl Thomas den Weg von «klassischer Schönheit […] zu der geschlechtlichen Befriedigung» anfänglich verbaut sieht, fällt er bald brutal über den Jungen her. Der Schriftsteller stolpert nicht unversehens in ein Abenteuer hinein, sondern arrangiert dieses, willfährig unterstützt vom Hotelmanagement, mit zynischer Berechnung. Die Kosten werden als Berufsauslagen abgebucht, denn neben der Lusterfüllung ist von Anfang an die Ausschlachtung in einer Novelle eingeplant, für welche die Tantiemen des Fischer-Verlags winken. «Entsublimierung» heisst also: Nicht eine aus persönlicher Not geborene Sublimierung steuert die literarische Kreation, sondern ein kaltes Kalkül. Franks Thomas Mann-Karikatur ist ein Widerling, der zu seiner eigenen Homosexualität kein kompliziertes Verhältnis hat, sondern diese ungehemmt und vollkommen ichbezogen auslebt.
Während homoerotische Männerphantasien bei der Darstellung des Schriftstellers gnadenlos entlarvt werden, bleiben sie in Kraft, wenn der bewunderte Tazio als liebenswerter und schutzbedürftiger Junge geschildert wird, der sich mit klarem Verstand gegenüber dem Missbrauch zu immunisieren sucht und seiner eigenen Sexualität zu ihrem Recht zu verhelfen weiss. Er durchschaut den dottore so vollkommen, dass er sich den Inhalt der geplanten Novelle bis zum Schluss ausmalen kann, an dem der Protagonist «eine verseuchte Erdbeere frisst und abkratzt». Dass sich Nino mit seinem Erzählpart gegenüber demjenigen des Schriftstellers behauptet, dass er dessen Schmachten seinen desillusionierten Witz entgegensetzt, beschert dem Buch seine lesenswertesten Passagen, beschönigt aber auch das Skandalon der hier verhandelten Form von Prostitution. In den deutlich an mitfühlende Leserinnen und Leser adressierten Aufzeichnungen Ninos betteln vor allem die Reminiszenzen an glückliche Kindertage als Ziegenhirte um Empathie. (Die Hinweise auf den Grenzraum zwischen Italien und Kroatien, wo sich diese Jugend abspielte, gehören zu den interessantesten Früchten der aufwändigen Recherchen, die für das Buch offensichtlich angestellt wurden.) Die Rohheit, mit der nicht nur sexuelle Praktiken geschildert werden, paart sich so mit Sentiment. Diese Kombination ist ein Markenzeichen Frank’scher Texte. In getragenem Hochdeutsch muss sie hier ohne den ganz eigenen Berndeutsch-Sound auskommen, der den Fögi-Roman so betörend machte.
Der Verfasser von Der Tod in Venedig, den seine Kinder bekanntlich den «Zauberer» nannten, lässt sein Publikum vergessen, dass seine Novelle ein hochartifizielles Machwerk ist, in das ein Wust an Bildungswissen eingearbeitet ist. Venedig, 1911 fällt Manns Kultbuch nicht nur in die Flanken, sondern eifert ihm zumindest in diesem Punkt auch nach. Die Anleihen werden allerdings nicht versteckt, sondern in Form von zum Teil ausführlichen Zitaten sichtbar einmontiert, vor allem in die Passagen des dottore, der eitel seine Bildung zelebriert. Ein beflissener Herausgeber schlüsselt die Zitate, zusammen mit Fremdsprachigem, in vielen Fussnoten auf. Damit wird auch noch die Literaturwissenschaft ironisiert, die seit Generationen das an den Tag zu bringen sucht, was Thomas Mann in seinen Text hineinschmuggelte. Martin Franks tollkühnes Unternehmen, es in literarischer Form mit dem literarischen Monument aufzunehmen, reiht sich auf originelle Art in diese Rezeption ein.
Gespielt wird aber nicht nur mit der hohen Literatur und dem Umgang damit, sondern auch mit der trivialen. Nachdem die Cholera ausser den beiden Erzählern die Mehrzahl der Figuren dahingerafft hat, stellt sich heraus, dass Nino eigentlich – aber nein, dass soll hier nicht auch noch verraten werden. Denn dem Buch sind Leserinnen und Leser zu wünschen, die sich – vor dem Hintergrund ihrer Thomas Mann-Lektüre oder unabhängig davon – neugierig einem Wechselbad von Überraschungen, Ärger und Amüsement aussetzen