Venedig, 1911

Von: Martin Frank

Was hat sich während des Aufenthalts von Thomas Mann auf dem Lido di Venezia wirklich zugetragen, aus dem 1911 die Novelle Der Tod in Venedig hervorging? Martin Frank erzählt in seiner mit Anspielungen und Zitaten reich gespickten Rekonstruktion nicht von einem aufwühlenden Erlebnis, das nach Sublimierung im Kunstwerk ruft, sondern von einem mit zynischer Berechnung herbeigeführten Arrangement. Seine Protagonisten sind der Schriftsteller Paul Thomas, genannt der dottore, und der Strichjunge Nino, genannt Tazio. Sie lösen sich beim Erzählen ab. Der schöne Jüngling, der so eine Stimme bekommt, erweist sich, anders als der aufgeblasene Schriftsteller, als eine vielschichtige Figur: tabulos und abgebrüht, was den Sex mit Männern angeht, und doch rührend in seinen Vorlieben und seinem Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Schutz. (dm)

«Ich würde duschen, dachte ich, doch bevor ich den Kaltwasserhahn öffnen konnte, sank ich in einen dunklen Abgrund, wie ich es schon früher hatte, wo ich die Leute sehe, die bald sterben, wo ich aufwachen will und nicht aufwachen kann, weil ich wach bin und zu träumen meine. Irgendwann brauste Branco mich ab, legte mich im Zimmer aufs Sofa und zog die Vorhänge zu. Er war meine Anfälle gewohnt. Ohne ihn wäre ich längst tot.» Ein erfolgreicher deutscher Dichter will im Grand Hôtel einige Tage mit einem Jungen eine Amour fou geniessen. Anders als in Thomas Manns Meisternovelle «Der Tod in Venedig» kommt in Martin Franks *Venedig, 1911* jedoch auch Tazio zu Wort. «Ich sage Ihnen, dass ich es oft sterbensmüde bin, das Menschliche darzustellen, ohne am Menschlichen teilzuhaben.» (Thomas Mann) «Auf artifiziell höchster Ebene vermittelt Martin Frank nach Luchino Visconti und Benjamin Britten einen weiteren fiktiven Zugang zu Thomas Manns Novelle.» (Bernhard Albers) (Rimbaud Verlag)

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