Venedig, 1911
Von: Martin Frank
- Rimbaud, Aachen, 2021
Was hat sich während des Aufenthalts von Thomas Mann auf dem Lido di Venezia wirklich zugetragen, aus dem 1911 die Novelle Der Tod in Venedig hervorging? Martin Frank erzählt in seiner mit Anspielungen und Zitaten reich gespickten Rekonstruktion nicht von einem aufwühlenden Erlebnis, das nach Sublimierung im Kunstwerk ruft, sondern von einem mit zynischer Berechnung herbeigeführten Arrangement. Seine Protagonisten sind der Schriftsteller Paul Thomas, genannt der dottore, und der Strichjunge Nino, genannt Tazio. Sie lösen sich beim Erzählen ab. Der schöne Jüngling, der so eine Stimme bekommt, erweist sich, anders als der aufgeblasene Schriftsteller, als eine vielschichtige Figur: tabulos und abgebrüht, was den Sex mit Männern angeht, und doch rührend in seinen Vorlieben und seinem Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Schutz. (dm)