Das Unglück der Umstände

Beat Mazenauer über «Die Krume Brot» von Lukas Bärfuss

In seinem neuen Roman erzählt Lukas Bärfuss von Adelina, der Tochter von Margherita und Mario, die nach dem Krieg aus dem Trentino nach Zürich auswanderten. Hier wird Adelina geboren und wächst sie auf, ohne dass sie allerdings recht lesen und schreiben lernt. Die Schule kommt mit dem eigensinnigen Kind ebenso wenig zurecht wie dieses mit der Schule. Dabei ist Adelina lebensklug, wach und tüchtig. Jung verliebt sie sich in den hübschen Toto und wird von ihm schwanger. Toto verschwindet bald wieder aus ihrem Leben, Adelina bleibt mit der Tochter Emma zurück und versucht, mit schlecht bezahlten Jobs für beide ein Auskommen zu finden. Doch in den Jahren um 1970 wartet niemand auf eine junge Frau, die kaum lesen und schreiben kann.

«Unglücke geschahen keine, das Leben war das Unglück, es floss dahin und kannte nur eine Richtung, hin zur allgemeinen Zermürbung.»

Mit diesem Satz zieht Bärfuss ein frühes Fazit, das im weiteren Verlauf der Geschichte nur bestätigt wird.

«Die Krume Brot» heisst der Roman, den Bärfuss erstmals im Rowohlt Verlag publiziert. Laut Verlagswerbung bildet er den Auftakt zu einer Trilogie. Adelina ist arm geboren und wird zeitlebens arm bleiben, wie sich von Anfang an abzeichnet. Für Menschen wie sie ist kein Vorankommen vorgesehen. Wenn der Erzähler in groben Zügen ihre Familiengeschichte schildert, so (vorerst) nur um zu zeigen, dass Adelina daraus Schulden vererbt erhält; genau genommen gut neuntausend Franken, die Adelina wider alle Vernunft akzeptiert. Sie bleiben an ihr wie ein Mühlstein hängen. Wo immer sie arbeitet, wird sie schlecht entlohnt und beim ersten Fauxpas auf die Strasse gestellt. Armut hat kein Anrecht auf Glück. Da bietet eher noch der Gang zum Zinswucherer einen Ausweg.

Adelinas Werdegang wird von einem Erzähler begleitet, der sie wie ein Verhaltensforscher wachsam beobachtet und ihre Worte, Gesten, Mimik, Handlungen festhält, wie um so mit nüchternem, harschem Ernst ihr Inneres zu erschliessen. Aus dieser Position des akribischen Beobachters erzeugt er mit mitunter an Kleist erinnernden, streng rhythmisierten Satzketten einen dichten Erzählstrudel, der Adelina keine Chance auf ein Entkommen lässt. Der Erzähler ist der Vollstrecker der sozialen Umstände, die über Adelinas Leben bestimmen, und diese sind Adelina nicht günstig gesinnt. Ihr Leben vollzieht sich in sachlicher Konsequenz, sie steckt in einem Schraubstock der Armut und Fremdbestimmung fest. Gleichwohl lässt sie sich nicht zu unbedachten Handlungen verleiten, bewahrt sie jederzeit eine mitunter verzweifelte Würde, eine Achtung für sich und vor allem für ihre aufgeweckte Tochter Emma:

Eines Tages würde sie Ärztin oder Juristin werden, vielleicht beides, jedenfalls würde sie ihren Weg gehen, dessen war sich Adelina sicher, einerlei, wie gross die Widerstände auch sein mochten und wie dornig der Weg.

Da tritt eines Tages ein schüchterner Mann in ihr Leben. Emil heisst er, ein Grafiker mit einem kleinen Atelier. Er betrachtet sie zuerst bewundernd, dann bringt er Blumen mit und schliesslich eine Einladung, die Adelina geschmeichelt annimmt. Emma ist kein Hindernis, Emil mag die Kleine und kümmert sich ausgesprochen fürsorglich um sie. Er begleicht Adelinas Schulden, nimmt sie bei sich auf und übt mit ihr das Lesen. Es könnte alles gut sein, litte Adelina nicht immer mehr unter ihrer Abhängigkeit und merkte sie nicht, dass sie von Emil auch manipuliert wird. Sie liebt ihn nicht. Aber sie geht mit, als er in Italien ein altes Haus auf dem Land ansehen will, um es zu kaufen. Während Emil für ein paar Tage nach Zürich zurückkehrt, bleibt Adelina. Doch dann überstürzen sich die Ereignisse und lassen Adelinas Welt in Stücke brechen. Auf einmal verschwindet Emma und ist nirgends auffindbar. In der verzweifelten Angst um ihre Tochter verliert Adelina die Nerven und die Haltung. Mit einem Schlag glaubt sie zu wissen, dass Emil die Tochter entführt haben muss: «das Pfand in seinen Händen, das Werkzeug seiner Rache» – aber wofür und mit welchen Absichten? Adelina denkt sich das Schlimmste aus. Sie findet Hilfe bei einem geheimnisvollen Streuner, dieser führt sie nach Turin in eine konspirative Wohnung, die den «Brigaden» gehört, dann weiter nach Mailand, wo sie den smarten Revolutionär Renato (Curcio?) kennenlernt, der ihr Unterstützung verspricht. Es ist das Jahr 1973, und Renato hält Adelina einen Vortrag in politischer Theorie darüber, dass ihr Leben das Dasein einer Sklavin sei, die unter den herrschenden Klassenverhältnissen nichts anzubieten habe ausser ihren Körper.

Jeder will eine Ausnahme sein. Jeder kämpft um ein eigenes Leben, um eine eigene Geschichte, aber das gibt es nicht, nicht in den Verhältnissen, die uns alle in dieselben Umstände zwingen.

Adelina ist in den bleiernen 1970er-Jahren angekommen. Für seine Hilfe erbittet sich Renato eine kleine Gegenleistung. Adelina soll in Zürich einen Koffer abholen und über die Grenze bringen.

Die stilistische Strenge und die atemlos rhythmisierte Kompaktheit der Sprache, mit der Lukas Bärfuss diese Geschichte erzählt, erinnert an seine früheren Romane, doch in Die Krume Brot stehen die Vorzeichen anders. Nicht allein, dass hier erstmals eine Frau im Zentrum steht, die Obsession scheint sich auf den beobachtenden Erzähler übertragen zu haben, der mit aller Macht, doch ohne zu psychologisieren, das Phänomen, ja Rätsel der Armut, des Schicksals ergründen will. Diese Obsession erinnert entfernt an die naturalistische Poetik vor 1900.

Derweil bleibt Adelina bei aller Sorge bis zu Emmas Verschwinden ganz bei sich. Ihre Gedanken zur ungerechten Ordnung der Welt sind mit ihren alltäglichen Sorgen verknüpft. Doch mehr und mehr wirkt es, als ob nicht nur Emil oder Renato sie manipulieren wollen, der eine linkisch, der andere gewieft, sondern auch der Erzähler, der sie fürsorglich umzingelt. Mit seinen Sätzen hält er sie in ihrer Geschichte fest und erlaubt ihr keine Lebensalternativen. Und wenn Adelina hin und wieder in innerer Rede zu sich selbst zu sprechen scheint, so wird immer deutlicher, dass ihr auch diese Rede vom Erzähler eingeredet wird; zum Beispiel dann, als er ihr einen Text aus Emils Lieblingszeitschrift Die Yacht ausdeutet, den sie selbst vermutlich nur mit Mühe lesen könnte.

Schau doch nur, Adelina, das Dasein ist ein Grauen, und die übelsten Massaker werden selbst in den Hochglanzzeitschriften vierfarbig bebildert ausgestellt.

Die Krume Brot liest sich mit drängender Angespanntheit, gleichwohl gelingt es Bärfuss, die Protagonistin auf behutsame Weise in ein empathisches Licht zu rücken. «Kleist fragt nicht nach dem Warum», hat Bärfuss 2011 in einem Essay zu Kleist geschrieben, «er fragt nach dem Wie». Bärfuss hält sich daran, indem er erzählt, wie Adelina ihre Armut, ihre Glückslosigkeit aushält, mit ihr haushält, um sich selbst und vor allem ihr Kind zu schützen.

Wie Adelina schliesslich mit dem geheimnisvollen Koffer aus Zürich die Grenze übertritt, wird sie von den italienischen Behörden angehalten und verhaftet. Sie gerät in Untersuchungshaft und wird zu einer bedingten Strafe verurteilt. Als sie nach beinahe einem Jahr entlassen wird und ihr wieder aufgefundenes, geliebtes Kind in einem Kinderheim abholen will, sieht sie es friedlich in seinem Bett schlafen. Mit einem Blick verschiebt sich etwas in Adelina:

Wenn sie jetzt an dieses Bett ginge, wenn sie ihre Tochter wecken und umarmen würde, wie würde es weitergehen? Woher das Geld, woher die Krume Brot?

Da taucht es auf, das altmodisch anmutende Titelwort «Krume». Es fällt unweigerlich auf und aus dem Rahmen, wird es doch nurmehr selten verwendet. An seiner Stelle ist eher von den Brosamen die Rede, die beispielsweise von der Trickle-Down-Ökonomie den Spatzen unter dem Tisch der Reichen überlassen werden. Die Suche nach dem Wort «Krume» führt über das Grimmsche Wörterbuch zurück zum Matthäus Evangelium, 15,27, in alter Schreibweise: «die welfer (jungen Hunde) essent ouch von den krumen, di vallent von dem tische irer herren». Die Stelle erzählt eine etwas rätselhafte Begebenheit, in der Jesus eine Frau abweist, die seine Hilfe erbittet. Als sie hartnäckig bleibt und den zitierten Satz äussert, erhört Jesus sie und befreit ihre Tochter von einem Dämon.
Gibt es eine Erlösung aus höherer Warte? Ein Wunder lässt Lukas Bärfuss nicht zu. Für Adelina steht die «Krume Brot» eher für die traurige Einsicht, dass sie ihr Kind aus der eigenen Armut entlassen muss, um ihm ein Leben als Ärztin oder Juristin oder beidem zu gönnen. Eine traurige Einsicht, die an Bärfuss' Buch Vaters Kiste (2022) anschliesst, das dem Roman auch thematisch vorangeht. In diesem Essay denkt Bärfuss über sich, seine Herkunft aus einer schwierigen Familie am Rand der Gesellschaft und das ausgeschlagene väterliche Erbe nach. Schliesslich seien es das Lesen und die Bücher gewesen, erinnert sich der Autor, die ihm einst einen Ausweg aus der Spirale der Armut eröffnet haben. Adelina indes sitzt in ihrem Unglück «hin zur allgemeinen Zermürbung» fest. Ist das gerecht?

In Die Krume Brot entwirft Bärfuss mit ihr eine eindrückliche Figur, der die Chance, aus der Armut und Randständigkeit auszubrechen, verwehrt bleibt. In einem Moment der Entscheidung, als sie das Kind im Heim schlafen lässt, bringt sie schliesslich das grösste aller Opfer im Glauben daran, dass vielleicht so an der ungerechten Ordnung der Welt etwas zu ändern wäre. Wohin ihr Weg führen wird, lässt der Roman ebenso offen wie die Rolle, die ihre familiäre Herkunft für das eigene Unglück spielt. Genau diese erzählerische Unschlüssigkeit, mit der uns Die Krume Brot entlässt, deutet mögliche Fährten an für die Fortsetzung zur Trilogie. Wir dürfen darauf gespannt sein.

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