Nach landläufigem Verständnis ist ein Haiku eine dreizeilige lyrische Miniature mit dem Silbenmuster 5–7–5. Traditionell beschreibt es bildhaft einen Gegenstand aus der Natur. Wenn Franz Dodel nun mit einem philosophischen Endlos-Haiku aufwartet, scheint er auf den ersten Blick einen Widerspruch zu erzeugen. Doch die Haiku-Form lässt trotz ihrer stilistischen Prägnanz Abweichungen zu, wie Nicht bei Trost besonnen demonstriert. Franz Dodel, Jahrgang 1949, studierter Theologe, heute als bibliothekarischer Fachreferent an der Berner Uni-Bibliothek tätig, schreibt seit Jahren täglich an seinem Kettengedicht mit alternierenden 5- und 7-silbigen Zeilen. 2004 sind die ersten 6000 Verse erschienen, nun folgen die nächsten 6000 in einem schwarzen Buch im Brevier-Format auf Dünndruck-Papier.
Nicht bei Trost verströmt die Gelassenheit eines Dichters, der die Wahrheit sucht, ohne sie finden zu müssen:
ich stelle mir vor
wie es wäre das Denken
einzustellen um
ungehindert da zu sein
wenn man da ist (falls
man Dasein so noch bemerkt)
Dodels Dichtung ist kein vertracktes Bemühen um Einhaltung der Form, sondern hält sich – ganz im Sinne der Haiku-Tradition – an eine einfache und flüssige Diktion. Es gibt hier keine gewundenen poetischen Umstellungen in der Syntax. Der Strom der Worte fliesst in einem natürlichen Bett, die Lesenden brauchen lediglich die Interpunktionen selbst zu setzen. Diesem Strom entspricht inhaltlich die leichtfüssig mäandrierende Reflexion über Gott, die Welt und das Ich, die in übertragenem Sinn auch Barthes' Forderung für ein gutes Haiku einlöst: dass «Wort und Ding in eins fallen». Dodels Ding ist der suchende Gedanke, den er mit metaphorischer Schlichtheit hin und wieder auch ins Bild setzt.
Während sich jeweils auf den ungeraden Seiten das Haiku scheinbar wie von alleine fortschreibt, weist der Autor auf den Seiten gegenüber die ihn beeinflussenden Zitate und Anregungen nach – ab und an um kleine Bilder erweitert. Periodisch taucht darin Marcel Proust auf, dessen Recherche à la temps perdu der Dichter alle 500 Verse seine Reverenz erweist.
Anknüpfend an die Tradition hat Franz Dodel eine eigenständige poetische Form gefunden, die sich wunderbar geschmeidig liest wie ein fortlaufendes Selbstgespräch über die Bedingungen des eigenen Denkens, Fühlens und Seins. Das poetische Ich läst sich ohne festes Ziel glücklich treiben:
… ich mag die / Wünsche an denen
festzuhalten sich nicht lohnt
auch die die lange
unerfüllt bleiben …
Endlos heisst ohne ein Ende, über die abschliessenden Buchdeckel hinaus. Dafür kommt Dodel das Internet gerade recht. Periodisch lassen sich auf Franz Dodels Webseite die neuesten Fortschreibungen nachlesen. Zurzeit steht das Gedicht bei der Zeile 14440:
ich beobachte
die Stille in meinem Mund
nach dem Abbeissen
und dem Kauen des letzten
Stücks eines Apfels
den ich im nassen Gras fand