Bodenlos

Jens-Peter Kusch über Bergisch teils farblos von Zsuzsanna Gahse

In Gottfried Kellers Novelle «Das verlorene Lachen» von 1874 hat ein Wirt seinen Saal mit einer Second-Hand-Tapete voller «Schneespitzen, Alpen, Wasserfällen und Seen» ausstaffiert. Da der Raum aber zu niedrig ist, stossen die «schneeigen Häupter» an der Decke zusammen. In ihrem neuen Buch Bergisch teils farblos übt Zsuzsanna Gahse ebenfalls scharfe Kritik am Ausverkauf der Alpen und entzaubert darüber hinaus auch die jahrhundertealte Verklärung der Berge als Sitz der Götter oder Leitern zum Himmel. In der Form orientiert sie sich aber nicht mehr am traditionellen Erzählen, sondern eher an freieren Formen wie Lichtenbergs Sudelbüchern, Benjamins Passagenwerk oder dem Nouveau Roman. Die 515 durchnummerierten Notizen, in denen eine namenlose Ich-Erzählerin mit markant gesetzten autobiografischen Zügen die Alpen durchstreift und überfliegt und dabei auch auf andere Gebirge wie die Pyrenäen, die Karpaten oder den Ural blickt, sind jedoch auch nicht wie in einem Tagebuch oder Notizbuch chronologisch angelegt. Ihre Ordnung folgt stattdessen einem durchkomponierten spielerischen Prinzip, das nicht nur den Inhalt stetig variiert und erweitert, sondern auch auf Rhythmus und spannungsvolle Abwechslung Wert legt.

Die Erzählerin beobachtet und erinnert sich an frühere Aufenthalte, entwirft Projekte, skizziert Aufenthalte und Reisen als Wunschbilder, streut Julius Caesar, Romeo und Julia, Goethe, Schnitzler, Hofmannsthal, Thomas Bernhard oder Julio Llamazares ein, hasst Autofahrten auf engen Passstrassen, berichtet von Bergrutschen, spaziert mit ihrem Hund umher, kraxelt aber nicht auf berühmte Gipfel, guckt aus dem Fenster, plaudert mit den Wirtsleuten und Gästen in Hotels, zeichnet Felsen ab und bemalt Höhlenwände. Sie spricht mit ihren Freunden Manu, Sam, Ruth und Lucius nicht nur über Berge, ihr Alter, ihre Entstehung und Schichtung, über ihre merkwürdigen Namen und Physiognomien, sondern denkt auch über Porträt-Fotografie und Dünkel nach, über das Zwerchfell, Sprache und Lachen, Farben, Korallen und Fische, Zahlen, Neandertaler und Touristen. Diese Elemente erscheinen zwar ziemlich disparat, hängen aber zusammen und werden immer wieder neu miteinander gemischt und verbunden. Zsuzsanna Gahse reflektiert dabei auch immer ihr Handwerk, etwa die Frage, wie am besten Informationen, Erlebnisse, Erinnerungen, Gedanken und Beobachtungen notiert werden können. In einem Kurzstipendium in Venedig habe die Erzählerin einen Mann kennengelernt, der parallel fünf unterschiedliche Tagebücher führte. Ein absurdes Unterfangen, da sich die Themen doch auch überschnitten. Faszinierend sei die Herangehensweise dennoch. Einzig seine «unerschütterliche Erklärungsweise» habe sie gestört. Gahse knüpft an Lichtenberg an und ironisiert zugleich auch das apodiktische Moment von Aphorismen. An späterer Stelle fasst sie die Struktur ihres Buches in das Bild von einem Kartenspiel:

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Das Geröll, einige Bergflanken, der öffentliche Verkehr und die Farben der Sonnenuntergänge sollen mit Porträts und früheren Begebenheiten gemischt werden, immer wieder neu gemischt, als wären die Themen Spielkarten, die mit der Rückseite, also verdeckt, ausgeteilt werden. Dann dreht jeder die eigenen Karten um und versucht mit den Details, die ihm zugeteilt wurden, fertig zu werden. Jeder hält unterschiedliche Notizen in der Hand, etwa je zehn, die restlichen Karten liegen im Talon. Nach dem Spiel wird neu gemischt, neu ausgeteilt, und wieder sehen die Mitspielenden Splittergeschichten, die sie so ordnen und andocken, dass eine passable Zehnkarten-Geschichte zustande kommt.

Eine stringente Handlung ergibt sich durch die Abfolge von Splittergeschichten kaum, und doch kommt bei der Lektüre nie das Gefühl auf, Durststrecken überwinden zu müssen. Die Wiederholungen als ein wichtiges Element von Gahses Poetik variieren, erweitern und verdichten das vorher Gesagte. Nicht alles ist verständlich oder gar in seinen intertextuellen Bezügen auslotbar. Das Bodenlose ist so nicht nur in einem Lyrikband von Sarah Kirsch Programm, sondern auch hier ein Qualitätsmerkmal. Die Bodenlosigkeit steckt auch in den Dingen selbst, in der Herkunft und Bedeutungsvielfalt von Wörtern, in der Semantik von Farben, aber auch in der Vereinzelung durch die Digitalisierung und die Coronakrise.

Dickleibige Romane hat Zsuzsanna Gahse trotz Titeln wie Kellnerroman (1996) oder Oh, Roman (2007) nie geschrieben. Durch ihr Werk ziehen sich aber bestimmte Motive wie Echos. In Bergisch teils farblos stürzen immer wieder Menschen ab, wie Ferdinand am Ende des Kellnerromans. Zu jedem Absturz hätte sie also wieder einen Roman schreiben können. Sie konzentriert stereotype Handlungen stattdessen auf Skizzen für Krimis. Sie sind durchaus auch als ironische Kritik an genretypischem Erzählen lesbar. Von den Freunden der Erzählerin erfährt man nicht viel mehr als Vornamen und Einstellungen, äussere Merkmale, Herkunft und Berufe, weil es ja keine Handlung gibt, in der sie sich wandeln und entfalten könnten. Es gibt keine Heldinnen und Helden mehr, und bei der Darstellung der Alpen werden hehre Attribute wie «himmlisch», «ewig» oder «erhaben» ersatzlos gestrichen:

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[...] Sam erklärte, dass er die Alpen aufräumen werde. Offensichtliche Mängel müsse er beheben. Zunächst würde er brüchige Felsen und eine Reihe von vertikalen Spalten mit Gips ausfüllen, kleinere Risse im Gestein zukitten und den allzu spitzen Felsen eine rundere Gestalt geben. Unter anderem möchte er sehen, wie sich nach dieser Sanierung die sogenannten Schartenhöhen ausnehmen. Zum Schluss werden die Gipsflächen mit einer hellen, ruhigen Farbe bemalt, damit die Berge das bodenlose Missgeschick, das ihnen einst widerfahren war, nicht endlos vorzeigen müssen.

Außerdem habe er einen weiteren Plan, bei dem er einige Massive mit anderen vertauschen wird. Dazu müsste er sie bei den Füßen absägen, um sie sauber versetzen zu können, und bei der Umordnung der Gebirgslandschaft hätten wir eine Art Schachspiel. Die Bergstöcke wären die Steine auf dem Spielfeld.

Die althergebrachten, idealisierten Alpenbilder bröckeln, fallen, rutschen, erodieren. Kein Kult der Höhe und des herausgehobenen Einzelnen, sondern ein Sich-Versenken in die Tiefe, aus der die Berge gegen ihren Willen emporgeschoben und entblösst wurden:

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Störend ist im Grunde(!) nur, dass die Berge, vor allem die Berühmtheiten unter ihnen, als Ewigkeitsgebilde betrachtet werden, als seien sie erstens unverwüstlich, zweitens eine Leiter zum Himmel hinauf, und beides sind sie nicht.

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Landschaftsmalerei. Ein Blick auf die Bergleiber, auf die Felsen, die Gletscher.

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Oft liegen mehrere gleichartige Berggestalten hinter- und nebeneinander, beinahe wie Kopien. Die Gipfel sind ähnlich spitz, die Flanken haben eine fast identische Neigung, die Gesteinsschichten, als Linien sichtbar, verlaufen in dieselbe Richtung. Diese Nachbarn sind Leidensgenossen mit vergleichbarem Schicksal, erdgeschichtlich ist ihnen dasselbe zugestoßen.

In und mit den entzauberten Bergen reflektiert Zsuzsanna Gahse Fragen der Wahrnehmung, der Sprache, der Kunst und auch der digitalen Welt. Berge werden in «plans» zerlegt, als ob Paul Cézanne sie malte. Nicht nur sie werden wie Schachfiguren vom Architekten Sam spielerisch versetzt, auch Wörter wandern, ändern ihren Klang, werden geglättet, eingegipst und ausgehöhlt. Das Lachen der Menschen erscheint gekünstelt und ist als ein Leitmotiv wohl auch eine Hommage an Gottfried Keller. Zsuzsanna Gahse kritisiert in seiner Nachfolge die Illusion einer «urwüchsigen», sauberen Heimat und öffnet den Blick. Ein Umbau der Alpen klingt zwar absurd, übersteigert aber nur, was tatsächlich passiert. Insofern ist Bergisch teils farblos durchaus auch eine Bestandsaufnahme – vor allem aber ein ästhetisches Vergnügen.

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